Schlieren/Dietikon
Wer griff wen an: Helfen die DNA-Spuren am Pfefferspray weiter?

Klar ist: Im März 2018 ist es an der Zürcherstrasse in Schlieren zu einem Streit gekommen. Doch wer wen angegriffen hat, bleibt nach dem ersten Prozesstag vor dem Dietiker Bezirksgericht unklar.

Oliver Graf
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Im März 2018 kam es hier an der Zürcherstrasse zu einer Auseinandersetzung: Der Fall liegt beim Bezirksgericht Dietikon.

Im März 2018 kam es hier an der Zürcherstrasse zu einer Auseinandersetzung: Der Fall liegt beim Bezirksgericht Dietikon.

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Den beiden 25-Jährigen drohen happige Strafen. Insbesondere die geforderten Landesverweise beschäftigen sie. «Das wäre eine harte Zeit», sagt der in Schlieren geborene Kosovare, der gemäss Antrag der Staatsanwältin die Schweiz für zehn Jahre verlassen soll. Sein Kollege, der mehr als die Hälfte seines Lebens im Limmattal verbracht hat, seit kurzem verheiratet und Vater ist, müsste die Schweiz für fünf Jahre verlassen. «Unsäglich», sagt dessen Anwalt dazu. Sein Mandant rede besser deutsch als albanisch, meint der Anwalt des anderen. Beide machen Härtefälle geltend: Die Männer seien in der Schweiz integriert, im Kosovo hielten sich nur noch vereinzelte Verwandte auf.

Die beiden seien jung, ihnen sei es zuzumuten, neu zu beginnen, hält demgegenüber die Staatsanwältin am Freitag in ihrem Plädoyer vor dem Bezirksgericht Dietikon fest. «Die Wiedereingliederung im Kosovo dürfte ihnen keine Probleme bereiten.» Das öffentliche Interesse einer Landesverweisung überwiege das persönliche Interesse der beiden, sagt sie. Die Beschuldigten würden eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen. Denn sie sollen in Schlieren einen Mann angegriffen haben. Doch was genau auf einem Trottoir der Zürcherstrasse am 27. März 2018 passiert ist, bleibt vorerst unklar.

Der Mann berichtet, dass er um 22.45 Uhr zu Fuss unterwegs war, als ein Auto mit 70 km/h angebraust kam und ihm den Weg abschnitt. Drei, vier Typen seien aus dem Wagen gesprungen. Mindestens zwei, die Beschuldigten, hätten ihn mit Faustschlägen traktiert und – als er am Boden lag – mehrmals mit den Füssen gegen den Kopf getreten. Sie hätten auch einen Pfefferspray eingesetzt.

Die beiden Beschuldigten erklären, dass der Mann verantwortlich dafür sei, dass ein paar Wochen vor dem Vorfall ein ­Video im Internet gelandet sei. Dieses zeigt, wie sie verprügelt wurden. An jenem Märzabend hätten sie den Mann zufällig auf dem Trottoir gesehen, sagen die beiden. Um ihn zur Rede zu stellen, damit dieser das Video ­lösche, hätten sie ihren Wagen halb auf dem Trottoir parkiert und seien zu ihm hingegangen. Als ihr Gegenüber sie erkannt habe, habe er einen Pfefferspray gezückt und eingesetzt. Es sei zu einem Gerangel gekommen, bei dem einer von ihnen dem Mann die Dose aus der Hand geschlagen habe. Danach, beteuern die beiden, hätten sie sich zum Auto zurückgezogen.

Die Staatsanwältin bezeichnet aber die Aussagen des Opfers als insgesamt stimmig. Sie wirft den beiden Kosovaren deshalb versuchte schwere Körperverletzung vor. In ihrer Anklage schreibt sie von «rabiatem Vorgehen». Gemäss Arztberichten war der Mann zwar vergleichsweise glimpflich davongekommen – mit einer mehrfragmentären Jochbogenfraktur unter dem linken Auge, einer Schleimbeutelentzündung am rechten Ellbogen sowie Schürfungen. Doch hätten die Tritte gegen den Kopf auch lebensgefährliche Verletzungen hervorrufen können, hält sie weiter fest.

Diskrepanzen und Ungereimtheiten

Die Verteidiger der Kosovaren sprechen hingegen von Diskrepanzen und Ungereimtheiten. So seien auf der Pfefferspraydose nur DNA-Spuren des Opfers gefunden worden. «Und dies auf dem gelben Druckknopf», wie ein Verteidiger festhält. Das Opfer hatte vorgebracht, dass er wohl damit geschlagen worden sei, weshalb sich nun Blutspuren darauf befänden. Für den Verteidiger nicht plausibel: «Wäre mit der Dose zugeschlagen worden, dann sicher nicht mit dem Plastikdeckel – die andere, die harte Seite tut weh.» Zudem würde dies das Fehlen von Spuren der Beschuldigten nicht erklären. Die Verteidiger der Beschuldigten verweisen im Weiteren unter anderem darauf, dass das Opfer als Security-Mitarbeiter von Berufs wegen einen Pfefferspray besessen habe. Zudem seien dessen Verletzungen, die Tage später medizinisch begutachtet wurden, auch anders erklärbar: Als Türsteher und Kampfsportler komme es zu derartigen Blessuren.

Für den verheirateten Kosovaren fordert die Staatsanwältin eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren bei einer Probezeit von drei Jahren sowie einen Landesverweis von fünf Jahren. Für den zweiten Beschuldigten, der zugegebenermassen auch mit rund 40 Gramm Kokain gedealt hat, beantragt sie eine unbedingte Freiheitsstrafe von vier Jahren und einen zehnjährigen Landesverweis. Der Anwalt des Opfers verlangt eine Genug- tuung von 5000 Franken und einen Schadenersatz für verletzungsbedingten Lohnausfall von 9600 Franken.

Der Verteidiger des verheirateten Kosovaren plädiert vor Gericht auf einen vollumfänglichen Freispruch für seinen Mandanten. Der Verteidiger des in Schlieren geborenen Kosovaren pocht ebenfalls auf einen Freispruch bezüglich der Körperverletzung. Für das Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz sei sein Mandant mit einem Jahr Freiheitsstrafe zu bestrafen. Dieser sitzt schon länger hinter Gitter; seit seiner Verhaftung im April 2019. Für die erlittene Überhaft sei er mit 100 Franken pro Tag zu entschädigen, so der Verteidiger. Das wären bislang knapp 30000 Franken. Das Bezirksgericht Dietikon wird das Urteil am 5. Februar fällen.

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