Dietikon

Wer damals auf Bio setzte, tat das aus Überzeugung

Diese Augen können lügen. Diese grossen, dunklen Kullerkuhaugen; von wegen treuherzig. Wenns ums Fressen geht, kennen die Tiere kein Pardon, stupfen sich gegenseitig die Hörner in die Flanken, um sich den besten Platz am Futtertrog zu sichern.

Biobauer Samuel Spahn (58) schaut belustigt zu: «Kommt Futter ins Spiel, ist es mit der Ruhe vorbei.»

Die Vorgänger dieser Weiderinder waren es, die 1996 auf dem Bio-Hof Fondli in Dietikon für eine kleine Sensation gesorgt hatten: Damals errichteten Samuel Spahn und seine Partnerin Anita Lê den offenen Laufstall für die behornten Tiere.

Ein Unding damals. Das Unfallrisiko sei zu gross, so die gängige Meinung, es bestehe Verletzungsgefahr für Tiere und Bauern. «Wir hatten damals viel Besuch auf dem Hof, viele Kollegen wollten sich den Stall anschauen.«

Die Kühe waren längst nicht der einzige Aufreger der letzten 30 Jahre. Der erste war die Gründung selbst, die Gründung der Genossenschaft 1982, die den Hof auf Bio-Produktion umkrempelte.

Eine Kommune – das ist suspekt

Samuel Spahn, damals 28-jährig, übernimmt mit sechs anderen den Hof von seinen Eltern. «Eine richtige Kommune», sagt Spahn und streicht Hofhund Ziko über den Kopf, der einen Grashalm nach dem anderen frisst.

Doch das Treiben auf dem Hof zwischen Dietikon und Spreitenbach ist vielen Leuten suspekt. Nicht nur gegen die Lebensform, sondern auch gegen den Biolandbau hegen viele grosse Vorbehalte. «Wenn das alle machen würden, müssten wir verhungern», bekommt Spahn zu hören, Berufskollegen beschimpften ihn.

Doch das Geschäft mit der Bioware läuft. Der Fondlihof ist der einzige Biohof auf weitem Feld, die Produkte werden bis nach Zürich geliefert. «Früher war das noch viel eindeutiger als heute», sagt Spahn:

«Die einen wollten unbedingt Bio-Produkte kaufen, die anderen überhaupt nicht.» Wer auf Bio setzte, tat das aus Überzeugung – sowohl als Konsument als auch als Landwirt.

Mehrpreis für Bioprodukte

Damals gab es noch keinen geregelten Mehrpreis für Bioprodukte; Bauern mussten Kunden, die mehr zu zahlen bereit waren, suchen. Auch waren für Probleme wie beispielsweise Obstmaden und Blattläuse noch keine biotauglichen Produkte entwickelt worden.

Nach fünf Jahren löst sich die Genossenschaft auf, die Mitglieder gehen getrennte Wege. «Diese fünf Jahre waren eine wilde Zeit mit Höhen und Tiefen», sagt Spahn rückblickend.

«Wir wollten alles und möglichst sofort, wollten bei der Umsetzung unserer Ideen keine Kompromisse machen, waren ungestüm und ungeduldig.» Hat er sich in den letzten Jahren denn beruhigt? «Na, heute bin ich doch immerhin braver Lokalpolitiker», sagt er und lacht.

Das «Grossverteilerproblem»

Anfangs waren Obst, Milchwirtschaft und Ackerbau die wichtigsten landwirtschaftlichen Tätigkeiten. In den Neunzigerjahren wurde der Anbau von Kartoffeln eingestellt und 2000 die Milchproduktion aufgegeben und auf Weidekühe umgesattelt.

Auch der Direktvertrieb wurde ausgebaut. Der Hofladen wird von Anita Lê betreut, die 1988 auf den Hof kam. Das Sortiment ist breit, reicht von Gemüse über Fleisch bis hin zu Milchprodukten und Eiern.

Der Laden ist gut besucht. Und doch meint Spahn, hätte er noch mehr Kapazität, wäre da nicht das «Grossverteilerproblem»: «Der Bio-Boom hat nicht mit den Leuten stattgefunden, die damit angefangen haben, sondern mit den Grossverteilern.»

Seit deren Einstieg in den Biosektor in den Nullerjahren hatten die Bioläden das Nachsehen; der Preisdruck stieg, die Kunden wurden weniger. Auch auf dem Fondlihof.

Doch Spahn kann dieser Änderung durchaus auch positive Seiten abgewinnen: «Betriebe, die weit weg von ihren Kunden produzierten, fanden durch die Grossverteiler Abnehmer.»

Ausserdem hätten die Grossverteiler der Sparte Bio mehr Gewicht verliehen und ein breiteres Publikum angesprochen. Ob hingegen Angebote, wie beispielsweise der eben eröffnete Bio-Supermarkt «Alnatura» der Migros Zukunft haben, bezweifelt er.

Er glaubt, dass sie an der Preisfrage scheitern: «Noch immer entscheidet leider bei einem grossen Teil der Bevölkerung nicht die Qualität der Lebensmittel über das Kaufverhalten, sondern der Preis.»

Jubiläumsfest 30 Jahre Biohof im Fondli, Samstag, 22. September, von 11 bis 24 Uhr; Sonntag, 23. September, ab 10 Uhr

Infos auf www.biohof-fondli.ch

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