Dietikon
Wer betreut mich, wenn ich alt und krank bin?

Wer kümmert sich um mich, wenn ich einmal alt und krank werde? Um diese Frage drehte sich eine Podiumsdiskussion in Dietikon. Die hochkarätigen Gäste waren sich in allen Punkten einig. Und hätten noch viel zu diskutieren gehabt.

Mojan Salehipour
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Für viele Menschen ist es eine Erleichterung, wenn sie im Alter in ihrem Zuhause bleiben können. Patricia Schoch/Archiv

Für viele Menschen ist es eine Erleichterung, wenn sie im Alter in ihrem Zuhause bleiben können. Patricia Schoch/Archiv

Die Frage «Alt, krank, dement: Wer betreut? Wer bezahlt?» interessiert im Limmattal offensichtlich brennend. Denn zur Podiumsdiskussion unter diesem Titel, zu welcher der Verein Wabe Limmattal ins Stadthaus Dietikon geladen hatte, erschien das Publikum in Strömen. Der Andrang war wohl nicht zuletzt wegen der geladenen Gäste, aus Politik, Wissenschaft und dem Berufsfeld Pflege, so gross. Auf dem Podium sassen der Soziologe François Höpflinger, die CVP-Nationalrätin und Präsidentin des Roten Kreuzes des Kantons Zürich Barbara Schmid-Federer, der Fachpsychologe Franjo Ambroz, der zudem Vorsitzender der Geschäftsleitung Pro Senectute Kanton Zürich ist, und Hanspeter Stettler, der Gründer des HauspflegeServices. Geleitet wurde das Gespräch von Jürg Krebs, Chefredaktor der Limmattaler Zeitung.

Der Abend stand ganz im Zeichen neuer Ideen für eine «Betreuungsphilosophie der Zukunft». Gleich zu Beginn wurden die grundlegenden Probleme und der Status quo in der Betreuung und Pflege diskutiert. Schnell wurde klar, dass sich die Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen abspielen und dass sie komplex sind. Es geht um Kosten, Ressourcen und Bedürfnisse.

Denn heute wird die Pflege und Betreuung einer bedürftigen Person oft von den Familien selbst übernommen; nur im Notfall wird Hilfe in Anspruch genommen. Professionelle Pflege ist teuer oder wird den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen kaum gerecht. Eine 24-Stunden-Betreuung können sich nur die wenigsten leisten.

Soziologe Höpflinger wies darauf hin, dass zuerst die speziellen Bedürfnisse abgeklärt werden müssen, wenn eine Person pflegebedürftig wird. Viele ältere Menschen seien geistig absolut in Form, aber hätten körperliche Beschwerden – oder umgekehrt. Daraus würden sich nicht nur völlig unterschiedliche Bedürfnisse, sondern auch Möglichkeiten ergeben, so Höpflinger.

Auf die Wichtigkeit der individuellen Abklärung wies auch Franjo Ambroz von Pro Senectute Kanton Zürich hin. Denn genau dort könne man schon vorhandene Ressourcen der einzelnen Personen aufdecken und Angehörige einbeziehen, aber auch den bisherigen Wohnraum der betroffenen Personen, so Ambroz. Dies sei für eine individuelle Betreuung von Bedeutung.

Das Stichwort dazu, das sowohl Höpflinger als auch Nationalrätin Barbara Schmid-Federer erwähnten, ist «Integriertes Modell». Dabei geht darum, den Personen dank einer Kombination aus Einbezug der Familie und professioneller Hilfe zu ermöglichen, weiterhin in ihrem Zuhause wohnen zu können.

Dies kommt der systemischen Betreuung des HauspflegeService von Hanspeter Stettler sehr nahe. Er betonte, dass sich die meisten Familien keine persönliche 24-Stunden-Betreuung leisten könnten. Die Hauptprobleme seien einerseits die hohen Kosten einer individuellen Pflege und andererseits die Zeit, die vielen Familienangehörigen fehle, so Stettler.

Hier wurde die Frage nach politischen Massnahmen gestellt. Nationalrätin Schmid-Federer gab zu, dass die Politik zurzeit noch weit entfernt sei von einer Betreuungsphilosophie der Zukunft. Dennoch gebe es beispielsweise im Bereich der Entlastung der Angehörigen von Pflegebedürftigen zwei wichtige Vorstösse, damit diese finanziell sowie mit Urlaubstagen und Zeit unterstützt würden, so Schmid-Federer. Als den aktuell wichtigsten Vorstoss sehe sie aber die Parlamentarische Initiative von SVP-Nationalrat Rudolf Joder, die den Pflegeberuf aufwerten wolle.

Zu den Themen Beruf und Weiterbildung gebe es noch viel zu diskutieren, waren sich Höpflinger und Schmid-Federer einig. So sehe man im angelsächsischen Raum, dass spezifischere Lehrgänge für Pflegepersonal zwar Berufsfelder aufweichen, wenn zum Beispiel Pfleger auch hausärztliche Kompetenzen übernehmen. Letztendlich seien sie aber sinnvoll und würden zu Kosteneinsparungen führen. Auch im Bereich Prävention werde viel zu wenig unternommen. Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe seien Strukturen, die gut funktionierten und ausgebaut werden könnten.

Zum Abschluss der Diskussion wies Ambroz darauf hin, dass Debatten über «Überalterung» eine Stigmatisierung bedeuteten. Älteren Menschen werde damit das Gefühl gegeben, eine finanzielle Last zu sein. Dabei würden die Menschen heutzutage zwar älter, aber auch später pflegebedürftig. Statt einer Stigmatisierung sei ein Umdenken erforderlich.