Annely liebt Alois. Angela liebt Andrei. Josef liebt Doris. Und Witaly liebt Swetlana. Er liebt sie sogar so sehr, dass er für sie ein Leben auslöscht und später als Fluglotsenmörder von Überlingen traurige Berühmtheit erlangt.

Die neun Erzählungen, die Erwin Koch in seinem neusten Buch «Was das Leben mit der Liebe macht» gesammelt hat, sind berührende, bewegende und nachdenklich stimmende Dokumente. Dokumente verschiedener wahrer Lebens- und Liebesgeschichten, wie sie tragischer und doch schöner nicht sein könnten. Erwin Koch schreibt Geschichten nieder, die das Leben bereits geschrieben hat und zieht den Leser mit seiner kochschen Schreibweise bereits von der ersten Zeile an in seinen Bann. Am Montagabend präsentierte der Journalist und Autor (siehe Box) sein neustes Werk in der Bibliothek in Schlieren.

Aus zufälligem Treffen ward Liebe

Im Rahmen der Serie «Literaturzyklus» lud ihn Bibliotheksleiterin Monique Roth gemeinsam mit der Kulturkommission nach Schlieren ein. «Es war schon lange unser Wunsch, Erwin Koch hier zu haben», erklärt Roth. Jetzt, mit «Schicksal – Zufall – Wendungen», war endlich das passende Thema gefunden.

Erwin Koch erzählt, wie seine Texte entstehen

Koch trug dazu mit der Geschichte von Annely und ihrem Alois bei. Getroffen hatten sich die beiden per Zufall, als sich Alois mit den grünen Augen entschloss, der jungen und ihm unbekannten Annely im Gotthardloch einen Kaffee zu zahlen. Einen Kaffee, den sich Annely damals nie hätte leisten können. Aus dem Kaffee wurde Kino, aus dem Kino wurde ein Wochenende am Walensee, aus der gemeinsamen Zeit wurde Liebe.

Kochs Sprache berührt

Geleitet von Erwin Kochs sanfter, tiefer Stimme erlebten die rund 30 Zuhörer die Lebensgeschichte von Annely und Alois mit. Das erste Kind, die erste Reise nach Gran Canaria. Das erste Mal Bauchschmerzen. Alois, der sonst immer Fleisch isst, will nur Eis und Suppe. Koch erzählt die Geschichte in knappen, prägnanten Sätzen, die längst zu seinem unverkennbaren Stilmittel geworden sind. Sie berühren und wühlen auf. «Annely liegt im Meer und weint», liest Koch. Im Publikum sitzen die Zuhörer, Tränen in den Augenwinkeln.

Ein seltenes Happy End

Die Geschichte von Annely und Alois hat Erwin Koch aus einem einfachen Grund ausgewählt: Es ist seine liebste Geschichte im Buch. «Dieser Text ist der Schönste der neun», sagt Koch, «Die anderen sind Geschichten vom Scheitern. Annely und Alois finden für mich aber ein Happy End.» Das Publikum nickt. Annely und Alois lachen ihnen auf dem Cover entgegen; gemeinsam glücklich.

Schön gehen aber längst nicht alle neun Erzählungen aus, im Gegenteil: Teilweise enden sie mit Tränen in den Augen, teilweise mit einem Schlag ins Gesicht. Die abrupten Enden hinterlassen eine Sehnsucht im Lesenden, einen Wunsch nach einer Fortsetzung der Geschichte, nach einem besseren Ende für deren Protagonisten. Aber ein anderes Ende für die Geschichten von Erwin Koch gibt es nicht. Schliesslich sind es Geschichten, wie sie das Leben bereits geschrieben hat.

Der ganze Text zu Annelys und Alois‘ Geschichte auf zeit.de

Literaturzyklus Nächste Veranstaltungen: 18. Februar, 20 Uhr mit Oscar Peer, 25. Februar, 20 Uhr mit Michèle Minelli