Schwüle Mittagshitze. Die Luft flirrt über dem Weinberg in Weiningen. Grillen zirpen. Der Geruch von frisch gemähtem Gras liegt in der Luft. In regelmässigen Abständen ziehen Passagierflugzeuge ihre lärmige Spur über das Limmattal. Sechs junge Männer kämpfen sich durch das taillenhohe Gras einer Wiese am Hang – und pflücken Blumen.

Dass aus ihnen kein Strauss werden wird, erkennt man daran, dass sie zu grossen Haufen achtlos zusammengeworfen werden. Die weissen, unscheinbaren Blüten des Einjährigen Berufkrauts erinnern an schwächliche Gänseblümchen: gelbe Staub- umrahmt von weissen Kelchblättern. Die Arbeit geht zügig voran, denn die langen Stängel lassen sich leicht aus dem Erdboden rupfen; sie wurzeln nicht sehr tief.

Michele Bühler, Projektleiter Limmattal des Vereins Naturnetz, Standort Kloster Fahr, streicht sich die Haare aus dem verschwitzten Gesicht. Der 36-jährige Forstingenieur aus dem aargauischen Etzwil arbeitet an diesem Tag im Auftrag der Fachstelle für Naturschutz des Kantons Zürich, die das Areal oben am Waldrand gekauft hat.

Der gemeinnützige Verein Naturnetz setzt sich hauptsächlich ein für die Aufwertung und den Unterhalt von Naturschutzgebieten und anderer ökologisch wertvoller Flächen. Die Arbeiten werden von kleinen Gruppen von Zivildienstleistenden unter fachkundiger Anleitung erfahrener Einsatzleiter ausgeführt, zumeist im Auftrag der öffentlichen Hand.

Fünf Zivildienstleistende aus der Region stehen Bühler heute dafür zur Verfügung: Nico Assel (20) aus Dietikon, Marco Cereghetti (19) aus Höngg, Jonas Meili (25) aus Geroldswil, Mirko Geiger (22) aus Dietikon und Joel Wicki (21) aus Oetwil. Den meisten war vor ihrem Einsatz weder das Problem Neophyten in der Schweiz im Allgemeinen noch das Berufkraut im Besonderen bekannt. «Die Arbeit ist langweilig und anstrengend, aber sicher nötig», lautet das Statement der Jungs. Dann picken sie nach kurzer Pause weiter die langen Stängel aus der Wiese.

Michele Bühler über das Einjährige Berufskraut und die Bekämpfung anderer Neophyten in Weiningen.

Michele Bühler über das Einjährige Berufskraut und die Bekämpfung anderer Neophyten in Weiningen.

Zähe Überlebenskünstler

Was ist so schlimm an dem Kraut? Das Einjährige Berufkraut ist eigentlich Amerikaner und wurde als Gartenpflanze nach Mitteleuropa eingeführt. Seine Samen können mit dem Wind kilometerweit getragen werden. Keimfähige Samen bilden sich auch ohne Befruchtung. Daher kann sich aus einer einzigen Pflanze ein ganzer Bestand bilden. Zwar ist das Kraut nicht giftig wie andere Neophyten, aber es wird vom Vieh gemieden.

Daher kann es sich auf Weiden massiv vermehren und diese stark verunkrauten. Auf nicht landwirtschaftlich genutzten sogenannten Ruderalstandorten und Magerwiesen verdrängt es die einheimische, zum Teil schon selten gewordene Flora. Um die Pflanzen wieder loszuwerden, müssen sie vor der Blüte ausgerissen werden. Das Material muss in der Kehrichtverbrennung entsorgt werden. Sie nur zu mähen bringt nichts, denn sie treiben wieder aus.

Es scheint, dass der Weininger Vernichtungstrupp spät dran ist; viele der ausgerissenen Stängel stehen in voller Blüte. Allerdings ist die Pflanze dann auch besser zu erkennen. Bühler geht die Sache mit deutlich mehr Elan an als seine jungen Helfer. Denn er hat ein wichtigeres Ziel vor Augen, als nur die Neophyten zu entfernen und sachgerecht zu entsorgen. Aus der Wiese soll im Laufe der Jahre wieder eine Magerwiese werden. «Brachpflegen» nennt Bühler das. Durch Düngung sind ursprüngliche Magerwiesen mit der Zeit immer fetter, also nährstoffreicher geworden.

Um das zu kehren, müssen der Wiese durch die Mahd über Jahre hinweg nach und nach Nährstoffe entzogen werden. Bei der sogenannten «Direktbegrünung» wird später das Mähgut einer Spenderwiese in der Nähe, in diesem Fall eine im Wiesentäli, mit reichlich heimischen Magerwiesensamen verteilt. In Anwesenheit von invasiven Neophyten wäre das ein vergeblicher Aufwand. «Das Problem in der Schweiz sind die Eigentumsgrenzen. Wenn die Pflanzen auf einer Wiese entfernt sind und auf der daneben nicht, hat man schon verloren», so Bühler. Es mache nur Sinn, wenn man grössere Gebiete zusammennehme, wie beim neuen Reppischtal-Pilotprojekt. Das treffe auch auf Privatgärten und Landwirtschaftsflächen zu, so Bühler.

Am Ende des Tages weiss er schon, dass er bald zurückkehren wird zum Einsatz in den Weininger Rebbergen. «Es hat noch Samendepots im Boden. Eine Nachkontrolle ist deshalb unerlässlich.»