Neophytenbekämpfung
Wenn Pflanzen zu Feinden werden - Kampf gegen hartnäckige Überlebenskünstler

Von alleine gehen die nicht mehr weg. Dazu fühlen sie sich hier zu wohl. Ohne tatkräftige Unterstützung durch den Menschen wird die Natur die invasiven Fremdlinge nicht mehr los. Unterwegs mit Naturschützern, die an einer komplizierten Front kämpfen.

Gabriele Heigl
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 Der Zivildienstleistende Nico Assel aus Dietikon mit einem Bündel des Einjährigen Berufkrauts
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 Auch Projektleiter Michele Bühler vom Naturnetz kämpft sich durch das hoche Gras.
 Jonas Meili aus Geroldswil bei der Arbeit über den Weininger Rebbergen
 Projektleiter Michele Bühler von Naturnetz
 Zwischendurch haben die Zivis auch interessante Begegnungen, wie hier mit einer Raupe.
 Die Stängel müssen mit dem kompletten Wurzelwerk aus der Erde gezogen werden.
 Das Einsatzteam gegen die Neophyten
 Die Pflanzen werden abtransportiert und dann sachgerecht entsorgt.
Neophytenbekämpfung Weiningen
 Blick auf Weiningen und ins Limmattal
 Unscheinbar und sehr lästig: das Einjährige Berufkraut
 Das Einjährige Berufkraut in voller Blüte
 Weg mit dem Zeug.

Der Zivildienstleistende Nico Assel aus Dietikon mit einem Bündel des Einjährigen Berufkrauts

SEVERIN BIGLER

Schwüle Mittagshitze. Die Luft flirrt über dem Weinberg in Weiningen. Grillen zirpen. Der Geruch von frisch gemähtem Gras liegt in der Luft. In regelmässigen Abständen ziehen Passagierflugzeuge ihre lärmige Spur über das Limmattal. Sechs junge Männer kämpfen sich durch das taillenhohe Gras einer Wiese am Hang – und pflücken Blumen.

Was sind invasive Neophyten?

Dabei handelt es sich um Pflanzen, die aus fremden Gebieten, meist von anderen Kontinenten, absichtlich oder unabsichtlich, eingeführt wurden. Sie etablieren sich bei uns in der Natur und breiten sich auf Kosten einheimischer Arten aus. Auf der Schweizer «Schwarzen Liste» invasiver, vorrangig zu bekämpfender Neophyten finden sich 40 verschiedene Arten. Manche gefährden auch die Gesundheit von Mensch und Tier. Sie sind giftig oder hochallergen, weswegen sie gemäss der Freisetzungsverordnung von 2008 auch verboten und meldepflichtig sein können, wie etwa die Ambrosie.

Das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft der kantonalen Baudirektion geht seit Jahren mit Massnahmenplänen gegen invasive Pflanzen- und auch Tierarten vor. Derzeit startet ein neues Pilotprojekt im Reppischtal. Einen wertvollen Beitrag zur Bekämpfung leistet auch der gemeinnützige Verein Naturnetz, der sich für den Erhalt der Natur-, Kultur- und Siedlungslandschaft einsetzt. Er finanziert sich hauptsächlich durch Projektaufträge, die er für Kantone, Gemeinden und Private unter Mithilfe von Zivildienstleistenden ausführt. (GAH)

Dass aus ihnen kein Strauss werden wird, erkennt man daran, dass sie zu grossen Haufen achtlos zusammengeworfen werden. Die weissen, unscheinbaren Blüten des Einjährigen Berufkrauts erinnern an schwächliche Gänseblümchen: gelbe Staub- umrahmt von weissen Kelchblättern. Die Arbeit geht zügig voran, denn die langen Stängel lassen sich leicht aus dem Erdboden rupfen; sie wurzeln nicht sehr tief.

Michele Bühler, Projektleiter Limmattal des Vereins Naturnetz, Standort Kloster Fahr, streicht sich die Haare aus dem verschwitzten Gesicht. Der 36-jährige Forstingenieur aus dem aargauischen Etzwil arbeitet an diesem Tag im Auftrag der Fachstelle für Naturschutz des Kantons Zürich, die das Areal oben am Waldrand gekauft hat.

Der gemeinnützige Verein Naturnetz setzt sich hauptsächlich ein für die Aufwertung und den Unterhalt von Naturschutzgebieten und anderer ökologisch wertvoller Flächen. Die Arbeiten werden von kleinen Gruppen von Zivildienstleistenden unter fachkundiger Anleitung erfahrener Einsatzleiter ausgeführt, zumeist im Auftrag der öffentlichen Hand.

Fünf Zivildienstleistende aus der Region stehen Bühler heute dafür zur Verfügung: Nico Assel (20) aus Dietikon, Marco Cereghetti (19) aus Höngg, Jonas Meili (25) aus Geroldswil, Mirko Geiger (22) aus Dietikon und Joel Wicki (21) aus Oetwil. Den meisten war vor ihrem Einsatz weder das Problem Neophyten in der Schweiz im Allgemeinen noch das Berufkraut im Besonderen bekannt. «Die Arbeit ist langweilig und anstrengend, aber sicher nötig», lautet das Statement der Jungs. Dann picken sie nach kurzer Pause weiter die langen Stängel aus der Wiese.

Zähe Überlebenskünstler

Was ist so schlimm an dem Kraut? Das Einjährige Berufkraut ist eigentlich Amerikaner und wurde als Gartenpflanze nach Mitteleuropa eingeführt. Seine Samen können mit dem Wind kilometerweit getragen werden. Keimfähige Samen bilden sich auch ohne Befruchtung. Daher kann sich aus einer einzigen Pflanze ein ganzer Bestand bilden. Zwar ist das Kraut nicht giftig wie andere Neophyten, aber es wird vom Vieh gemieden.

Daher kann es sich auf Weiden massiv vermehren und diese stark verunkrauten. Auf nicht landwirtschaftlich genutzten sogenannten Ruderalstandorten und Magerwiesen verdrängt es die einheimische, zum Teil schon selten gewordene Flora. Um die Pflanzen wieder loszuwerden, müssen sie vor der Blüte ausgerissen werden. Das Material muss in der Kehrichtverbrennung entsorgt werden. Sie nur zu mähen bringt nichts, denn sie treiben wieder aus.

Es scheint, dass der Weininger Vernichtungstrupp spät dran ist; viele der ausgerissenen Stängel stehen in voller Blüte. Allerdings ist die Pflanze dann auch besser zu erkennen. Bühler geht die Sache mit deutlich mehr Elan an als seine jungen Helfer. Denn er hat ein wichtigeres Ziel vor Augen, als nur die Neophyten zu entfernen und sachgerecht zu entsorgen. Aus der Wiese soll im Laufe der Jahre wieder eine Magerwiese werden. «Brachpflegen» nennt Bühler das. Durch Düngung sind ursprüngliche Magerwiesen mit der Zeit immer fetter, also nährstoffreicher geworden.

Um das zu kehren, müssen der Wiese durch die Mahd über Jahre hinweg nach und nach Nährstoffe entzogen werden. Bei der sogenannten «Direktbegrünung» wird später das Mähgut einer Spenderwiese in der Nähe, in diesem Fall eine im Wiesentäli, mit reichlich heimischen Magerwiesensamen verteilt. In Anwesenheit von invasiven Neophyten wäre das ein vergeblicher Aufwand. «Das Problem in der Schweiz sind die Eigentumsgrenzen. Wenn die Pflanzen auf einer Wiese entfernt sind und auf der daneben nicht, hat man schon verloren», so Bühler. Es mache nur Sinn, wenn man grössere Gebiete zusammennehme, wie beim neuen Reppischtal-Pilotprojekt. Das treffe auch auf Privatgärten und Landwirtschaftsflächen zu, so Bühler.

Am Ende des Tages weiss er schon, dass er bald zurückkehren wird zum Einsatz in den Weininger Rebbergen. «Es hat noch Samendepots im Boden. Eine Nachkontrolle ist deshalb unerlässlich.»

Auf der Schwarzen Liste: Robinie Über 30 Meter hoher Baum, aus Nordamerika. Ausbreitung durch Wurzelausläufer. Schädigen wertvolle Magerstandorte, da sie Luftstickstoff im Boden binden und so die ursprünglich nährstoffarmen Standorte düngen. Rinde, Blätter und Samen sind stark giftig für Mensch und Tier. Bekämpfung: Durch Ringeln der Rinde. Nicht fällen, er schlägt dann massiv aus.
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Verboten: Schmalblättriges Greiskraut 60 Zentimeter hoch, aus Südafrika. Entlang von Strassen und Bahnlinien. Viele flugfähige Samen, die mit dem Wind der Fahrzeuge weiterverbreitet werden. Die ganze Pflanze ist giftig und gefährdet Mensch und Vieh. Bekämpfung: Das Kraut ist ziemlich herbizidresistent und mahd-tolerant. Es muss vor der Blütezeit ausgerissen werden. Entsorgung in der Kehrichtverbrennungsanlage.
Verboten: Drüsiges Springkraut Zwei Meter gross, aus dem Himalajagebiet, wächst hauptsächlich entlang von Gewässern. 4000 Samen je Pflanze, die bis zu sieben Meter weit geschleudert werden. Durch Samendepots im Boden keimen den ganzen Sommer über neue Pflanzen aus. Bekämpfung: Grosse Bestände können durch Mähen bekämpft werden. Ansonsten ausreissen und Nachwuchs kontrollieren.
Auf der Schwarzen Liste: Kirschlorbeer Bis zu acht Meter hoch, aus Asien. Der Strauch wird in Gärten oft als Hecken- und Ziergewächs gepflanzt. Durch Entsorgung von Gartenmaterial gelangt er in die Natur. Seine Früchte werden von Vögeln gefressen, wodurch er weiterverbreitet wird. Ausser den Früchten ist die ganze Pflanze giftig. Bekämpfung: Kleine Pflanzen ausgraben, grosse roden. In die Kehrichtverbrennung.
Verboten: Riesen-Bärenklau Drei Meter gross, aus dem Kaukasus. 10 000 Samen pro Pflanze. Enthält Stoffe, die bei Berührung und mit Sonneneinstrahlung schwere Hautentzündungen verursachen. Abheilung oft nur unter Narbenbildung. Bekämpfung: Kleinere Pflanzen ausgraben. Samenstände vor dem Versamen abschneiden und vernichten. Nur mit Schutzkleidung und Brille und an bewölkten Tagen arbeiten.
Verboten: Kanadische Goldrute 2,5 Meter gross, aus Kanada und den USA. Pro Quadratmeter über 300 Pflanzen, je 12 000 Samen. Sie ist die häufigste invasive Pflanze der Schweiz und kann wohl nicht mehr vollständig entfernt werden. Verdrängt heimische Pflanzen. Bekämpfung: Durch mindestens zweimaliges, tiefes Mähen im Mai und im August vor der Blüte. Die Wurzeln in die Kehrichtverbrennung geben.
Auf der Schwarzen Liste: Buddleia Drei Meter hoch, aus China, Tibet, auch «Schmetterlingsflieder». Wird als Zierpflanze immer noch verkauft. Bis zu drei Millionen Samen. Verdrängt heimische Pflanzen und schadet so selteneren heimischen Schmetterlingspopulationen, die ihn meiden. Bekämpfung: Verblühte Rispen vor der Samenreife abschneiden, in die Kehrichtverbrennung. In der Natur: Rodung und mehrjährige Kontrolle.
Verboten, meldepflichtig: Ambrosie 150 cm gross, aus Nordamerika. Bis zu 40 Jahre keimfähige Samen. Pro Pflanze 30 000 Samen. Produziert grosse Mengen Blütenstaubs, der massiv allergisierend ist und Asthmaanfälle auslösen kann. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung sollen sensibel reagieren. Bekämpfung: Noch vor der Blüte mit Handschuhen, Brille und Staubmaske ausreissen, in der Kehrichtverbrennung entsorgen.
Verboten: Essigbaum Acht Meter hoch, aus Nordamerika, breitet sich durch Wurzelausläufer aus und bildet dichte Bestände. Mit Gartenerde kann Wurzelbrut in die Natur gelangen. Sein Milchsaft ist schwach giftig und verursacht Entzündungen. Bekämpfung: Kleinere Pflanzen ausgraben, in die Kehrichtverbrennung. Grössere durch Ringeln der Rinde schwächen. Nicht fällen, er schlägt dann massiv aus.
Verboten: Asiatischer Staudenknöterich Drei Meter gross, aus China, Japan. Als Böschungsbefestigung genutzt. Verbreitung durch Wurzelausläufer. Diese dringen in kleinste Ritzen von Mauern und Asphalt ein und sprengen sie. Bekämpfung: Durch mehrmaliges Mähen pro Jahr kann er geschwächt, aber nicht beseitigt werden. Alle Pflanzenteile müssen verbrannt werden. Ausgraben nützt kaum, da die Wurzeln zu tief reichen.

Auf der Schwarzen Liste: Robinie Über 30 Meter hoher Baum, aus Nordamerika. Ausbreitung durch Wurzelausläufer. Schädigen wertvolle Magerstandorte, da sie Luftstickstoff im Boden binden und so die ursprünglich nährstoffarmen Standorte düngen. Rinde, Blätter und Samen sind stark giftig für Mensch und Tier. Bekämpfung: Durch Ringeln der Rinde. Nicht fällen, er schlägt dann massiv aus.

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