Sonntagsgespräch
«Wenn mich etwas kaputtgemacht hat, dann war es die Anstalt»

Autor und Journalist Arthur Honegger hat im Limmattal die schlimmste Zeit seines Lebens verbracht. Er erzählt, was ihn gerettet hat und wie er die Gewalt und Einsamkeit ertrug

Bettina Hamilton-Irvine
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Arthur Honegger im Garten seines Hauses in Krummenau SG, wo er mit seiner Frau Heidi seit 35 Jahren lebt.

Arthur Honegger im Garten seines Hauses in Krummenau SG, wo er mit seiner Frau Heidi seit 35 Jahren lebt.

BHI

Herr Honegger, Sie haben in Ihrer Jugend schwierige Zeiten im Limmattal verbracht. Sind die Jahre im Pestalozziheim Schlieren und als Verdingbub eines der dunkelsten Kapitel Ihres Lebens?

Arthur Honegger: Ich habe ganz unterschiedliche Erinnerungen an die Zeit im Pestalozziheim Schlieren. Einerseits war es eine sehr dunkle Zeit, andererseits gab es auch wunderschöne Momente. Dies jedoch vor allem mit einer Person.

Ihr Sekundarlehrer Hans Därner?

Genau. Ich habe ihn zum letzten Mal gesehen, als er 92 Jahre alt war. Ich habe ihn in Schlieren besucht, er lebte noch zu Hause. Er freute sich wahnsinnig darüber, mich nochmals zu sehen. Die Tränen liefen ihm nur so über die Wangen.

Was für ein Gefühl war das für Sie?

Ich war auch sehr gerührt. Hans Därner war für mich eine ganz wichtige Person. Er wollte mir helfen, meine Träume zu verwirklichen. Dass ich nichts davon umsetzen durfte, darunter hat er ebenso gelitten wie ich.

Wieso war er so wichtig für Sie?

Hans Därner war ein Meilenstein in meinem Leben. In der Zeit, bevor ich verheiratet war, gab es vor allem zwei Menschen, die mir sehr viel bedeutet haben: mein Pflegevater und Hans Därner. Er hat mir immer zugehört, meinen Wunsch, Schauspieler zu werden, von Anfang an ernst genommen. Er motivierte mich, zu lernen und eine gute Ausbildung anzustreben. Er förderte mich, gab mir Bücher, die ich begierig verschlungen habe.

So begann Ihre Liebe zur Literatur?

Das kann man sagen. Zuerst las ich Schweizer Schriftsteller, später Theaterliteratur und Klassiker. Ich wurde Schiller-Fan, mein Schulkollege Güttinger war Goethe-Fan; auf dem Weg von der Schule zurück ins Heim haben wir uns darüber ausgetauscht. Dieser Weg war oft bitter, denn nach Schlieren in die Schule gingen wir sehr gerne, nach Hause gar nicht.

Dass Sie in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche eingewiesen worden waren, obwohl Sie gar nicht schwer erziehbar waren, muss Ihnen absurd erschienen sein. War Ihnen damals bewusst, dass Sie am falschen Ort waren?

Ich wusste zu wenig davon. Das Pestalozziheim hatte nicht das Image eines Heims für Schwererziehbare, obwohl es das war.

Wieso Sie dort hingeschickt wurden, war Ihnen aber nicht klar.

Nein, ich hatte keine Ahnung. Niemand hat es mir gesagt. Mein Vormund, der Jucker, dieser kleine, kurzsichtige Mann, sagte mir, ich müsste ins Heim, weil ich eine Gehilfin umarmt hätte. Er warf mir vor, ich habe sie vergewaltigen wollen.

Ein Vorwand.

Absolut.

Was war der wahre Grund?

Meine Pflegemutter wollte mich nicht mehr. Ich habe gehört, wenn sie mit Papa darüber gesprochen hat. Sie hat immer gesagt: Ich will ihn nicht mehr.

Ihnen wurde als Kind und Jugendlicher immer wieder gesagt, Sie seien nichts wert und aus Ihnen würde nichts werden. Haben Sie das irgendwann zu glauben begonnen?

Nein, eigentlich nicht (lacht).

Sie haben an sich selber geglaubt?

Es ging mir sonst eigentlich gut, ich spielte Theater mit den Kindern, manchmal kam das ganze Dorf zusammen. Ich war ein Lausbub, wie alle anderen auch, nur vielleicht nicht so fromm oder folgsam wie die anderen.

Waren Sie unbeschwert als Kind, trotz der schwierigen Situation?

Ja, ich glaube, das war ich.

Und im Pestalozziheim in Schlieren, waren Sie da immer noch unbeschwert?

Auch dort gab es helle und dunkle Momente. Die Frau des Heimleiters, Hedi Fausch, war eine gute Frau. Sie war streng, aber freundlich und gerecht. Und sie hatte nie Ausbrüche.

Etwas, was man vom Heimleiter nicht behaupten konnte.

Gusti Fausch war ein Barbar. Vor etwa 35 Jahren lernte ich in einer Kirche seine Schwester kennen. Selbst sie sagte, Gusti sei immer ein Barbar gewesen, ein Wutmensch, der nicht Heimleiter hätte werden dürfen. Das hat mich bestätigt.

Der Heimleiter war nicht der Einzige, der gewalttätig war.

Es gab einen Lehrer im Pestalozziheim, Schläpfer, der sich zwar oft freundlich um uns kümmerte, mit uns Fussball spielte und Ausflüge unternahm. Aber einmal im Monat musste er einfach einen Buben verprügeln.

Sind Sie auch drangekommen?

Ja. In den zwei Jahren, die ich dort war, hat er mich dreimal blutig geschlagen. Einmal hat er mir fast das Nasenbein gebrochen. Auch er hätte nicht mit Jugendlichen arbeiten dürfen.

Hat das bei Ihnen nicht eine wahnsinnige Wut ausgelöst?

Nein. Klar, ich bin manchmal schon wütend. Zum Beispiel gestern, als der Computer nicht richtig funktioniert hat.

Aber damals, in Schlieren, haben Sie die Gewalt ausgehalten, ohne verbittert zu werden?

Ich habe Schläpfer kurz vor Kriegsausbruch ab und zu ganz hilflos erlebt. Manchmal ist er vor Verzweiflung fast ausgerastet. Er stand dann nachts bis spät auf dem Flur und tobte, aus Angst, es gäbe Krieg. Später realisierte ich, wie sehr er darunter gelitten hat.

Seine Gewalt hat bei Ihnen keine Wut ausgelöst, weil Sie verstanden haben, woher sie kam?

Vielleicht, ja. Ausserdem hat er mich eigentlich gut gemocht. Er war kein schlechter Mensch. Er war nicht so hinterhältig wie der Heimleiter, der barbarisch regierte und wahllos dreinschlug.

Welche Geschichten aus dieser Zeit können Sie nie vergessen?

Es gibt eine Geschichte, welche die Gewaltszenen im Heim sehr gut aufzeigt. Mohr, ein verschlossener, schwieriger Junge, hatte sich in eine der Praktikantinnen verliebt, ein ganz schönes Mädchen aus dem Jura. Einmal stieg er ihr im Keller des Schulhauses nach, umarmte sie und wollte sie ausziehen. Sie schrie um Hilfe, bis Schläpfer kam und Mohr verprügelte. Mohr flüchtete, Schläpfer erwischte ihn unten im Täli und drosch mit einer Holzlatte auf ihn ein, bis er blutüberströmt war. Zurück im Heim wurde der Junge ins blaue Zimmer gebracht.

Was war das blaue Zimmer?

Heute würde man sagen, es war ein Folterinstrument. Es war ein winziges Zimmer, das ganz mit fluoreszierendem blauen Papier ausgekleidet war, das die ganze Nacht leuchtete. Sonst war nichts drin, kein Bett, kein Mobiliar. Am nächsten Morgen verkündete Gusti, Mohr habe sich im blauen Zimmer aufgehängt. Doch das war gar nicht möglich, es gab nichts, womit er sich hätte aufhängen können. Ich habe mir das oft überlegt. Manchmal kommt es mir heute noch in den Sinn.

Sie haben nicht geglaubt, dass er sich aufgehängt hat?

Es war nicht möglich. Er muss an seinen Verletzungen gestorben sein. Daran sieht man, was im Pestalozziheim falsch lief.

Nach dem Pestalozziheim kamen Sie zu einem Schlieremer Bauern, bei dem es Ihnen nicht besser ging. Welche Zeit war schlimmer?

Die Zeit beim Bauern Haller war schlimmer, viel schlimmer. Es war wohl die schlimmste Zeit meines Lebens.

Wieso?

Ich war völlig einsam, obwohl ich Leute um mich herum hatte. Aber sie sprachen nicht mit mir. Zudem war Haller ein furchtbarer Gewaltmensch. Er argumentierte nicht, er schlug einfach drein. Essen musste ich unter der Treppe. Als ein Hagelsturm einmal einen Teil seines wunderschönen Obstgartens zerstörte, wolle ich ihn trösten. Darauf fuhr er mich an, ich verstehe sowieso nichts davon und fing an, auf mich einzuprügeln. Er schlug mich halb tot. Danach sperrte er mich vier Tage lang in den Schweinestall, beachtete mich nicht mehr. Ich musste aus der Schweinetränke essen.

Haben Sie nie an Flucht gedacht?

Ich konnte ja nicht. Wohin hätte ich denn sollen?

Aber der Gedanke kam Ihnen schon.

Natürlich. Einmal war ich auch nahe dran. Doch Haller erfuhr davon und wartet mit einem Prügel auf mich.

Danach kamen Sie in die Arbeitserziehungsanstalt nach Uitikon. Wiederum hatten Sie keine Ahnung, wieso. Hat Sie das nicht schier wahnsinnig gemacht?

Natürlich. Mein Vormund tauchte eines Morgens ohne Ankündigung auf. Als ich mich von den Leuten auf dem Hof verabschieden wollte, wendeten sie sich ab. Dann wurde ich nach Uitikon gebracht.

Wie fühlten Sie sich?

Es war erschütternd. Noch heute denke ich manchmal, dass es ein Wunder ist, dass ich das überstanden habe.

Was hat Ihnen die Kraft gegeben, die Hoffnung nicht zu verlieren?

Hoffnung hatte ich damals keine mehr. Ich wusste, wo ich war. Es war tyrannisch.

Sie schreiben im Buch, in Uitikon hätten Terrormethoden geherrscht.

Ja, das war so. Es hat sich dort eine Angstpsychose breitgemacht. Nicht nur bei mir, bei allen.

Wie haben Sie die Zeit überstanden?

In der wenigen Freizeit, die wir hatten, habe ich mich vor allem ins Lesen verkrochen. Ich las die ganze Bibliothek, schrieb zwei Theaterstücke, die ich mit den Zöglingen aufführte. Ich las auch jeden Tag die Zeitung, den «Tages-Anzeiger» und die «Limmattaler Zeitung».

Das Lesen und Schreiben hat Ihnen Halt gegeben?

Ja.

Haben Sie mit dieser Zeit unterdessen Frieden geschlossen oder beschäftigen Sie die Vorkommnisse heute noch?

Den Frieden habe ich mit dieser Zeit schon geschlossen. Ich hatte das Glück, dass ich über alles schreiben konnte.

Hat Sie das Niederschreiben dieser schlimmen Geschichten erlöst?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich kam völlig verändert aus der Anstalt heraus. Aus einem hoffnungsvollen jungen Burschen war einer geworden, der sich an nichts mehr halten konnte. Doch ich konnte die Zeit deswegen verschaffen, weil ich nach der Anstalt einen grossen Glücksfall erlebte. Ich kam zu Bauern, die mich behandelten wie ein vollwertiges Mitglied der Familiengemeinschaft. Diese Zeit tat mir wahnsinnig gut.

Hat die Anstalt Ihren Blick auf die Welt verändert?

Sie hat bei mir insofern eine Wende bewirkt, als dass ich nichts mehr geglaubt habe. Ich war zu oft belogen worden und stand völlig illusionslos da. Wenn mich etwas kaputtgemacht hat, dann war es die Anstalt.

Sind die Wunden jemals verheilt?

Ich habe viel Vertrauen verloren. Und bis heute bin ich die Angst nicht losgeworden. Ich habe nachts immer noch Angstzustände und kann nicht ohne Licht schlafen. Das quält mich.

Hat Ihnen die Heirat mit Ihrer Frau Heidi Trost gespendet?

Für mich war es ein Wunder, dass ich Heidi heiraten konnte. Sie hat es am Anfang nicht schön gehabt mit mir. Ich war haltlos, habe zu viel mit mir mitgetragen. Heidi hat schon sehr unter der Situation gelitten, damals.

Aber Sie hat immer zu Ihnen gehalten.

Ja, das hat sie.

Trotz all den schwierigen Zeiten scheinen Sie sich einen positiven Blick auf die Dinge bewahrt zu haben.

Daran habe ich auch gearbeitet.

Wie haben Sie das gemacht?

Das Schreiben hat sehr geholfen. Denn das System der Anstalt hat mich ja über die Anstalt hinaus noch verfolgt. Werner Fankhauser, Adjunkt der Anstalt und ein extremer Typ, hat mir jahrzehntelang das Leben zur Hölle gemacht. Darüber habe ich in meinem ersten Buch geschrieben.