Beim Probeauftritt erinnert sie weniger an eine Prostituierte aus dem Niederdorf als an eine Dame, die sich im Café Sprüngli am Paradeplatz halbherzig einen solventen Herrn angeln will: Hier ein Lächeln, dort ein Zuprosten mit dem Champagnerglas, die Hände ruhen brav auf den eigenen Beinen. Milly schaut, sie lacht: kein verführerisches, sondern ein herzhaftes Lachen.

Puzzleteile kommen zusammen

«Ja, ich spiele noch etwas verhalten», sagt die 64-Jährige in der Pause in einem Raum der International School Zurich West in Schlieren. Die Konzentration auf die eigene Rolle fällt derzeit schwer: Diese Woche werden die Szenen der Schlieremer Version der Niederdorfoper (siehe Infobox) erstmals seit dem Projektstart im Mai mit sämtlichen Rollen geprobt.

Bisher haben Regisseurin Karin Berry und Vocal Coach Belinda Bandinu die 27 Laiendarsteller aus Schlieren in den Proben einzeln oder in kleinen Gruppen unter ihre Fittiche genommen. «Jetzt herrscht Tohuwabohu», sagt Berry. Oder um es mit dem Titel eines Liedes aus der Niederdorfoper auszudrücken: «Jubel, Trubel, Heiterkeit».

Noch viel Zeit zum Proben

Viele Darsteller laufen bei der Massenszene im Wirtshaus «Lilie» schon zur Topform auf – aber ein paar Puzzleteile wollen noch nicht so recht zusammenpassen. Die Serviertochter platziert Gläser auf Tischen, an denen keine Gäste sitzen. «Das sieht nach einer Geisterszene aus», kommentiert die Regisseurin.

Bunker Willy, der Gauner, wird mitten im Text von einer anderen Darstellerin unterbrochen: «Lass mich meinen Satz zu Ende sagen!», protestiert er mit gespielter Empörung. Gut, dass bis zu den Auftritten am Schlierefäscht im September noch viel Zeit zum Proben bleibt.

Musiklehrerin braucht keine Inspiration

Die Laiendarsteller sind an jenem Abend oft mehr Zuschauer denn Akteure – vor allem, wenn sie nicht gerade ihren grossen Auftritt haben. «Jeder Tisch in der ‹Lilie› ist ein Biotop, eine kleine Szene für sich. Aber im Moment lassen wir uns noch ablenken», sagt Lisa Scaramuzza alias Milly.

Die Animierdamen wissen noch nicht genau, wie sie die männlichen Gäste umgarnen sollen. «Ich will sexy, aber nicht ordinär wirken – wie ein Revuegirl. Dieses Verführspiel mit den Männern ist eine Herausforderung», so Scaramuzza. Die sechs Schlieremerinnen, die Prostituierte verkörpern, sind deshalb auf eine nicht ganz ernst gemeinte Idee gekommen: «Warum schauen wir nicht im Niederdorf, wie es die Echten machen?»

Keine Inspiration braucht die pensionierte Musiklehrerin für die erotischen Bewegungen: Dank zwölf Jahren Bauchtanzkurs wirkt ihr Hüftschwung reizvoll statt steif. «Meine Tanzerfahrung war wohl ein Grund dafür, dass ich die Rolle bekommen habe», sagt Scaramuzza, die in ihrer Jugendzeit Theater spielte. Perfektioniert habe sie die verführerischen Choreografien in den letzten Monaten zu Hause vor dem Spiegel. «Unsere Regisseurin Karin hat uns in den Proben demonstriert, wie das geht.»

«Sits Manne git, gits au eus»

Und was meint die Familie zum verruchten Auftritt der gebürtigen Österreicherin? «Meine Kinder finden das toll. Sie kennen mich und wissen, dass ich solche verrückten Dinge mache», lacht Scaramuzza. Ungewöhnlich ist auch der Weg, auf dem sie zur Schlieremer Niederdorfoper gefunden hat: Ein Jahr nach ihrer Pension habe sie Lust gehabt, sich zusammen mit anderen Menschen für ein Projekt zu engagieren.

Die Niederdorfoper habe sie vor dem Casting nie gesehen und für «etwas Bünzliges» gehalten. Erst ein Besuch im Zürcher Bernhard-Theater habe sie vom Gegenteil überzeugt: «Ich war absolut begeistert.»

Überzeugend ist auch der Solo-Auftritt in der «Lilie», den die Animierdamen am Probeabend hinlegen. Sobald der Scheinwerfer auf sie gerichtet ist, verfliegt die Zurückhaltung. Hinterteile wackeln, Arme werden lasziv bewegt, die langen Beine mit den Stilettos an den Füssen gespreizt und dann wieder übereinander geschlagen. Und Lisa Scaramuzza alias Milly singt mit charmantem französischem Akzent: «Mir sind nüt Neus – sits Manne git, gits au eus.»