Thaiboxen
Wenn «Geti» den Ring betritt, wird es laut

Getuard Racaj kann an der Illyrian Fight Night auf eine grosse Fanbasis zählen. Doch bei seinem Kampf gegen Loik Rouge hadert der Schlieremer nach einer knappen Niederlage mit den Ringrichtern.

Michel Suter
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Thaiboxen: Getuard Racaj vs. Loik Rouge
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Die beiden Kontrahenten nähern sich im Ring an.
Racaj (links) muss gegen Loik Rouge auch seine Nehmerqualitäten unter Beweis stellen.
Zu früh gefreut: Racaj (links) rechnet vor der offiziellen Entscheidung mit einem Sieg nach Punkten, doch die Kampfrichter sehen das anders und entscheiden knapp mit 3:2 für Rouge.

Thaiboxen: Getuard Racaj vs. Loik Rouge

Michel Sutter

Das Mädchen wirkt verängstigt, zumindest irritiert. Es steht direkt am Ring und blickt mit grossen Augen und offenem Mund zu den Betreuern rechts daneben, die ihrem Kämpfer Anweisungen entgegenbrüllen. Dann schweift sein Blick wieder zur Ringmitte, wo der Schützling des brüllenden Betreuerteams ein paar harte Schläge einstecken muss.

Es geht zur Sache an diesem Samstagabend im Club Pasa in Winterthur an der Illyrian Fight Night. Zumindest im Ring. In den Zuschauerreihen ist die Stimmung weniger aufgeheizt. Auf den mit weissem Stoff überzogenen Stühlen, die auch zu einem Hochzeitsbankett passen, sitzt das vorwiegend aus jungen Männern bestehende Publikum fast wie bei einem Tennismatch: Es schaut gebannt zu, jubelt, wenn ihr Idol einen guten Schlag zeigt, und ruft manchmal dazwischen, um ihren Liebling anzufeuern. Alles sehr gesittet. Selbst die Stehplatzzuschauer, die die grosse Mehrheit des Publikums bilden, achten darauf, dass sie der sitzenden Gemeinschaft nicht den Blick versperren, wenn sie sich dem Ring nähern.

Getuard Racaj: Der Schlieremer dominiert im Thaiboxen in seiner Gewichtsklasse
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Im Training und beim Kampf stabilisieren und schützen Bandagen unter den Box-Handschuhen Getuard Racajs Hände.
Die Bandagen sind montiert und es kann mit dem Training losgehen.
Bei jedem Kick spritzt der Schweiss: Racaj beim Pratzentraining mit Trainer Oliver Alessandri. Links sein Onkel Jeton.
Racajs Kicks landen deutlich hörbar in den Pads seines Trainers.
Sieben Stunden Training, aufgeteilt in zwei Einheiten – Racaj gönnt sich während der Kampfvorbereitung nur kurze Pausen.

Getuard Racaj: Der Schlieremer dominiert im Thaiboxen in seiner Gewichtsklasse

Sandra Ardizzone

Am lautesten wird es im Saal jeweils, wenn die Muay-Thai-Kämpfer in den Ring gerufen werden. So auch beim Schlieremer Getuard Racaj, Schweizer Meister der «World Kickboxing and Karate Union» im Halbweltergewicht, der an diesem Abend gegen Loik Rouge antritt, den Schweizer Meister von 2014/15. «Geti», wie der erst 16-jährige Racaj genannt wird, hat zahlreiche Anhänger mitgebracht. Denn plötzlich tauchen rund um den Ring ganz viele in Getuard-Racaj-Shirts auf, darunter auch ein Mann mit einer Fotokamera. Es ist «Getis» Vater Habib. Die Nervosität ist ihm anzumerken. «Ich habe immer Angst, dass ‹Geti› sich verletzen könnte», gesteht er.

Aus den Lautsprechern ertönt eine albanische Hymne, eine Hommage an Racajs kosovarische Wurzeln. Die Racaj-Anhänger singen begeistert mit und klatschen zum Takt der Musik. Dann geht die Menge beiseite, «Geti» und sein Betreuerstab schreiten in Richtung Ring. Der Schlieremer blickt mit einer Mischung aus Konzentration und Grimmigkeit zu Boden, seine Hände liegen auf den Schultern eines Betreuers.

«Kann Entscheid nicht verstehen»

Kurz darauf betritt «Geti» den Ring, es geht los. Und wie. Sowohl «Geti» als auch Rouge gehen von Anfang an in die Offensive und decken sich gegenseitig mit Schlägen und Fusstritten ein. Einmal fällt Racaj kurz zu Boden, rappelt sich aber sofort wieder auf und revanchiert sich mit ein paar harten Schlägen. Es geht hin und her. Drei Runden zu jeweils zwei Minuten prügeln «Geti» und Rouge aufeinander ein. Dann ertönt der letzte Gong. «Geti» geht zum gegnerischen Betreuerteam, umarmt den Trainer. «You win», soll der Trainer ihm gesagt haben.Doch die Kampftrichter entscheiden den Kampf mit 3:2-Stimmen zugunsten von Rouge. «Ich dachte, ich hätte gewonnen», sagt «Geti» später, sichtlich enttäuscht. «Ich kann den Entscheid der Kampfrichter nicht verstehen. Ich habe ja einen guten Kampf gezeigt.» Dann fügt er hinzu: «Aber ich muss den Entscheid akzeptieren, das ist Sport.» Ein Lächeln huscht über sein Gesicht.

«In zwei bis drei Tagen wird er die Niederlage verdaut haben», meint Vater Habib. «Natürlich schmerzt es ihn, verloren zu haben. Aber es ist auch gut, wenn er lernt, was es bedeutet zu verlieren. Zudem ist er ja noch jung. Es geht weiter.»

Auch das kleine Mädchen am Ring, das von den lauten Zwischenrufen eines Betreuerteams verunsichert worden ist, findet nach dem Kampf Trost. Der Trainer küsst seinen Kämpfer, den er zuvor so energisch angeschrien hat, nach dem Gong auf den Kopf. Alles halb so wild.

Die Kämpfe der weiteren Schlieremer:

Leonardo Pluchino gewinnt gegen François Fiji

Ilir Shabani verliert gegen Albin Limani

Valdrin Igristha gewinnt gegen Yassin El Felous

Berat Osmani kämpft gegen Petr Kraft unentschieden

Herolind Krasniqi gewinnt gegen Frederic Jodl und wird neuer Intercontinental-Champion (70 kg)