Wer ärgert sich nicht, wenn die neue Krankenkassenrechnung ins Haus flattert und die Prämie wieder gestiegen ist? Offensichtlich geht es selbst Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger nicht anders, wie er anlässlich einer Podiumsdiskussion in Oetwil sagte. «Ich habe die Rechnung so schnell wie möglich meiner Frau weitergegeben, sie erledigt das immer», gestand der Zürcher Regierungsrat.

Gründe und Rezepte

Dass dies jedoch keine Lösung ist, um die Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen, war der hochkarätigen Gesprächsrunde der Oetwiler Gemeindescheune klar. Sie waren auf Einladung der Oetwiler FDP-Gruppe «FDP move» gekommen, um über Gründe für und Rezepte gegen die explodierenden Gesundheitskosten zu diskutieren.

Die Akteure: Nebst Gesundheitsdirektor Heiniger sorgte auch der frisch wiedergewählte SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi für die nötige politische Präsenz. Die Seite der Ärzte und Spitäler wurde prominent vertreten durch den Direktor des Spitals Limmattal, Thomas Brack und seinem Chefarzt Medizin, Basil Caduff. Für die Seite der Krankenkassen wiederum sass Stephan Michel, Kommunikationschef der Kasse CSS auf dem Podium. Einziger Wermutstropfen war die krankheitsbedingte Absage von SP-Kantonsrätin Erika Ziltener, die als Präsidentin der Patientenstelle Zürich noch eine andere Perspektive hätte einbringen können.

Ist «Managed Care» die Lösung?

Doch an Ideen und Meinungen zur Zukunft des Gesundheitswesens in der Schweiz mangelte es der Runde nicht. Als ein mögliches Rezept, um die Gesundheitskosten unter Kontrolle zu bringen, sahen viele die soeben vom Parlament beschlossene «Managed Care»-Vorlage – bei der es unter anderem darum geht, dass zukünftig Prämienzahler, die sich keinem Ärztenetzwerk anschliessen, mit einem höheren Selbstbehalt bestraft werden.

Mit diesem viel gehörten Schlagwort eröffnete die einzige Frau auf der Bühne, Bettina Hamilton-Irvine, die Diskussion in der Männerrunde. Die Moderatorin des Podiums und stellvertretende Chefredaktorin der az Limmattaler Zeitung fragte als Erstes Toni Bortoluzzi, der sich im Nationalrat für die integrierte Versorgung, wie sie auf Deutsch genannt wird, starkgemacht hat: «Herr Bortoluzzi, ist ‹Managed Care› die Lösung?» Sie sei ein Teil der Lösung, aber sicher nicht die gesamte, meinte der SVP-Nationalrat. Auf jeden Fall werde man damit Kosten senken können. Wichtig sei jedoch auch zu bedenken, dass die falschen Anreize für Ärzte zu einer Überversorgung und damit Kostenexplosion führten.

Natürlich war auch das neue und viel diskutierte Spitalfinanzierungsgesetz ein Thema, welches per 1. Januar 2012 schweizweit in Kraft tritt. Die zentralste Änderung dabei wird, neben einer Umverteilung der Spitalkosten von den Gemeinden auf die Kantone, die umstrittene Fallpauschale sein.

Spitaldirektor Thomas Brack betonte, dass die Spitäler kein Problem mit den Fallpauschalen hätten – auch wenn dies in den Medien oft so dargestellt worden sei. Die Fallpauschalen seien eine Chance für das Gesundheitswesen.

In der Bevölkerung höre man immer wieder die Befürchtung, in den Spitälern würden es zu so genannten «blutigen Entlassungen» kommen, da die Entschädigung neu nicht mehr für die Leistung, sondern pauschal per Fall erfolge, sagte Hamilton-Irvine. Ob er hier Entwarnung geben könne, fragte die Moderatorin Chefarzt Caduff. Er konnte: Das Spital Limmattal lege schon heute grossen Wert auf die Planung der richtigen Aufenthaltsdauer pro Patient. Zu frühe Entlassungen kämen auch in Zukunft nicht infrage, so Caduff. «Es ist wichtig zu verstehen, dass die Fallpauschale nicht in Stein gemeisselt ist», so Caduff. So werde ein Fall, bei dem Komplikationen auftreten würden, anders verrechnet als ein problemloser Fall. Es sei also nach wie vor so, dass nicht jede Blinddarmoperation einfach gleich viel koste, so der Internist.

Weniger Kranke, weniger Kosten

Einen weiteren Ansatz zur Senkung der Gesundheitskosten präsentierte Regierungsrat Heiniger, der betonte die Fallpauschale sei «nur ein Teil der Lösung». Aus seiner Sicht liege noch ein grosses Potenzial in der Prävention. Die Rechnung sei einfach: Weniger Kranke bedeute auch weniger Kosten, so Heiniger. Mit diesem Argument konnte sich auch Stephan Michel von der CSS Krankenkasse anfreunden. «Es braucht aber noch mehr. Mit dem Hausarztmodell, der ‹Managed Care›-Vorlage und der Fallpauschale sind wir auf dem richtigen Weg», so Michel.