Frau Grieder* weiss nicht, ob sie ein Stück Brot möchte. Sie lächelt unsicher und zuckt mit den Schultern, so als wolle sie sagen: Woher soll ich denn das wissen? Doch Frau Grieder darf sich Zeit lassen, es eilt nicht. Schliesslich entscheidet sie sich doch für ein Stück Brot, und für eine Tasse Kaffee dazu. Frau Rüegg nebenan untersucht interessiert ihre leere Tasse. Kaffee will sie keinen mehr: «Ich gehe nach Hause», sagt sie. Am Nebentisch mag Martin, der von allen mit dem Vornamen und Sie angesprochen wird, weil er besser darauf reagiert, nicht essen. Er wimmert leise vor sich hin. Will er etwas anderes? Ein Joghurt vielleicht, ein Quark mit Schlagrahm? Jetzt nickt er, lächelt.

Es ist früher Abend auf der Demenzabteilung im Dietiker Alters- und Gesundheitszentrum Ruggacker. Essenszeit. Doch wer nicht essen will, muss nicht. Die Bewohner dürfen ihren eigenen Rhythmus leben. Herr Frei möchte zwar essen, aber dazu lieber im Zimmer bleiben. Berina Duric, die Leiterin der Demenzabteilung, versucht trotzdem, ihn zu einem kleinen Ausflug ins Esszimmer zu motivieren. Aber Herr Frei will nicht. Er darf im Zimmer bleiben, wenn er dafür gerade hinsitzt und sein Fleisch selber schneidet. «Herr Frei, Sie können das doch so gut, zeigen Sie es mir», sagt Duric.

Wie alle brauchen auch Personen mit einer Demenzerkrankung das Gefühl, dass sie noch etwas beitragen können, davon ist Duric überzeugt. «Das ist ganz wichtig für ihr Selbstwertgefühl», sagt sie. Deshalb lässt sie meist auch die Tür zum Stationszimmer offen, wenn sie dort arbeitet. Wenn dann jemand reinkommt und ein bisschen mitarbeiten will, ist das in Ordnung – auch wenn nur der Locher ein bisschen von links nach rechts verschoben wird und wieder zurück. Danach gibt es Lob von Duric: «Sie dürfen sich ausruhen», sagt sie: «Sie haben viel gearbeitet.»

Es beruhigt, den Atem zu hören

Auch Herr Frei ist müde heute, er bleibt nach dem Essen im Zimmer. Herr Frei hat ein Einzelzimmer, ist damit aber eher die Ausnahme. Von den 19 vorhandenen Plätzen auf der Demenzabteilung sind nur vier in Einzelzimmern – die anderen Personen wohnen zu zweit, zu dritt oder zu viert in einem Zimmer. Die Zimmer wirken freundlich und hell, die wenigen persönlichen Gegenstände erzählen von dem Leben davor: Vergilbte Familienfotos auf der Kommode, eine adrett gekleidete Puppe, ein Zierkürbis auf dem Fenstersims, Bilder von Eisenbahnen.

Für die Angehörigen seien die Mehrbettzimmer teilweise gewöhnungsbedürftig, sagt Pflegeleiterin Karin Ament. Aber für die meisten Bewohner seien sie ideal, denn demente Personen seien generell nicht gerne alleine. Dazu kommt, dass viele von ihnen jahrzehntelang mit einem Partner zusammengelebt haben. «Sie schätzen es, wenn sie nachher nicht plötzlich allein sind. Es kann beruhigend sein, wenn man in der Nacht jemanden atmen hört», sagt Duric.

Manchmal entstehen auch richtige Freundschaften. Wie bei Frau Ziegler und Frau Marti. Die beiden haben sich in der Demenzabteilung kennen gelernt und sind seither beste Freundinnen. Sie warten aufeinander, bevor sie zum Frühstück gehen, sitzen beisammen. Danach ziehen sie sich gerne in ihr gemeinsames Zimmer zurück und blättern eine Weile lang in der Zeitung – es ist ihr Ritual. Wenn man sie nach ihrer Freundschaft fragt, sagt Frau Marti schlicht: «Wir sind immer zusammen.»

Frau Moser kommt jetzt zu Besuch

Zusammen auf dem gleichen Sofa sitzen die beiden auch nach dem Abendessen, umgeben von neun Mitbewohnern. Der Fernseher zeigt «Dick und Doof». Dass der Film auf Englisch läuft, bis es eine der Pflegerinnen merkt, stört niemand. Frau Ziegler und Frau Marti kichern und prusten bei jeder lustigen Szene wie junge Mädchen. Auch Frau Rüegg lacht oft. Gefällt ihr der Film? Sie nickt. «Es ist immer so», sagt sie dann: «Manchmal ist es schön und manchmal geht es vorüber. Wenn es so ist, ist es immer schön.»

Am Boden sitzt Frau Felber auf ihrem Sitzsack und summt leise vor sich hin. Dann räumt sie langsam einen Korb aus und wieder ein, wobei sie jeden Gegenstand zuerst einen Moment in der Hand hält und ihn sich dann vorsichtig zwischen die Füsse legt, bevor sie ihn wieder zurücklegt. Es ist ihr Erinnerungskorb: Wenn sie sich mit den Gegenständen beschäftigt, die alle eine Geschichte haben – eine Bürste, ein Wollknäuel, eine Rassel, ein Stück poröses Holz – ist sie zufrieden, versunken in ihrer eigenen Welt.

Ihr gegenüber sitzt das Ehepaar Moser, seit 65 Jahren verheiratet. Bis vor drei Jahren haben die beiden in der Altersresidenz gleich nebenan gewohnt. Doch Frau Moser, die für ihren Mann gesorgt hat, war mit der Pflege zunehmend überfordert. Es sei für sie schwer gewesen, sich das einzugestehen, sagt Duric: «Sie hat alles probiert.» Aber irgendwann ging es nicht mehr. Seither ist Herr Moser auf der Demenzabteilung, Frau Moser kommt ihn jeden Nachmittag besuchen. Znacht esse sie dann aber wieder bei sich in der Wohnung, sagt sie: «Ich brauche meinen Rückzugsort, hier auf der Abteilung zu sein, belastet mich manchmal auch», sagt sie.

Diesmal ist sie aber auch am Abend noch da. Sie hat Geburtstag, den 87. schon. Nach dem Znacht haben alle gesungen für sie, auch sie selber hat mitgesungen. Jetzt sitzt das Ehepaar vor dem Fernseher, Herr Moser kerzengerade im Rollstuhl, eine hellgelbe Decke über den Knien. Seine Hand zittert leicht unter der Hand seiner Frau. Sie schaut ihn liebevoll von der Seite an, streicht ihm sanft über die Wange, er reagiert nicht. Auch vorhin hat er nicht reagiert, als die Pflegefachfrau ihn fragte, ob er schon ins Bett wolle. «Red doch», hat Frau Moser gesagt, und Herr Moser: «Ich muss studieren.»

Hier weiss man nie, was noch geschieht. Jeder Tag ist anders. «Ein bisschen Struktur gibt den Bewohnern Sicherheit, aber sie muss flexibel sein», sagt Ament. Wie eng die Strukturen sein müssen, sei von Person zu Person, aber auch von Tag zu Tag verschieden. Klar ist: Seit fünf Jahren gibt der vierte Stock im Ruggacker Menschen, die sich in der grossen Welt nicht mehr zurechtfinden, einen geschützten Rahmen. Das heisst aber auch: Die Ausgänge sind zu, damit niemand wegläuft und verloren geht. Für die Tür zum Treppenhaus und den Lift nach unten braucht es einen Code. «Dass ihr Raum hier begrenzt ist, realisieren die Bewohner schon, aber sie finden es nicht schlimm», sagt Ament. Denn es gibt ihnen Sicherheit.

Akzeptieren und Raum geben

Sicherheit ist wichtig. Weil die Demenz langsam immer mehr Erinnerungen und damit Referenzpunkte nimmt, geht die Orientierung zunehmend verloren. Als Folge davon fühlen sich an Demenz erkrankte Personen schnell überfordert, was sich auch als Aggressivität äussern kann. Dafür gebe es immer einen Grund, sagt Ament: «Manchmal ist es zu laut, jemand hat zu schnell geredet oder es wurde eine Erinnerung geweckt.» Wichtig sei, dass man nicht urteile, sondern versuche, herauszufinden, wieso jemand so reagiere, sagt Ament. Akzeptieren und Raum geben: Das ist auch für Duric das Geheimnis im Umgang mit dementen Personen. Wenn man authentisch sei, geduldig und das Gegenüber wertschätze so, wie es sei, bekomme man ganz viel zurück.

«Das ist das Schönste an unserer Arbeit», sagt sie. Man lerne, zuzuhören, zu entschleunigen, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Doch die Arbeit ist auch höchst anspruchsvoll und setzt viel Professionalität und Fachwissen voraus. So sei es beispielsweise nicht immer einfach, zu erkennen, ob jemand, der sich verbal nicht mehr richtig ausdrücken könne, nun einen physischen oder emotionalen Schmerz habe, sagt Duric. Das sei auch das Schwierigste an der Arbeit: Wenn man einen hilflosen Menschen sehe, der sich ausdrücken wolle, aber nicht einmal mehr wisse, was ein Löffel sei.

Draussen stehen Frau Zehnder und Frau Beder auf der Terrasse und rauchen. Wenn das Wetter schön ist, werden beide Terrassentüren offengelassen, sodass die Endlosschlaufe durch die Abteilung, auf der die Bewohner ihren Bewegungsdrang beim Spazieren ausleben können, über die Terrasse verlängert werden kann. Aber nicht jetzt, es hat geregnet, auf den Tischen und Stühlen haben sich kleine Pfützen gebildet, über die Frau Zehnder gedankenverloren mit ihrer Handfläche streicht, so, als hätte sie noch nie Wasser gespürt. Plötzlich schaut sie auf: «Wenn wir es haben, haben wir es halt nicht mehr», sagt sie, und fügt hinzu: «Das wäre auch schade.» Später dreht sie noch ein paar Runden durch die Abteilung, sie ist etwas rastlos heute und wird erst am späten Abend zur Ruhe kommen.

Der Morgen beginnt bedächtig

Nach und nach werden die Bewohner ins Bett gebracht – aber erst, wenn sie explizit darum bitten. Um halb elf Uhr sitzt nur noch ein dösender Martin vor dem Fernseher. Er lasse ihn noch ein bisschen, er schlafe gern im Sessel, sagt Paul Alukkal, der kurz vorher seine Nachtschicht angetreten hat. Es wird eine problemlose Nacht werden, obwohl Alukkal etwa alle zehn Minuten auf Geheiss seines Buzzers in ein Zimmer eilen muss – meistens, weil jemand Hilfe braucht, um auf die Toilette zu gehen. Ab und zu dreht der Pfleger eine Runde durch die Zimmer, leise, damit niemand aufwacht. Er legt dort sanft einen aus dem Bett hängenden Arm zurück auf die Mattratze, zieht hier einen Vorhang zu, knipst ein Nachtlämpchen an. Seine Bewegungen sind ruhig, bedacht.

Am nächsten Morgen liegt eine wattige Ruhe über allem. Weil es über Nacht abgekühlt hat, haben die Bewohner gut geschlafen und sind nun entspannt, aber noch etwas langsam unterwegs. Im Esszimmer sitzen drei verschlafene Gestalten, einsam dudelt das Radio Ländler vor sich hin. «Wie war die Nacht?», ruft Duric Frau Ziegler zu, die noch etwas zerknittert in das Esszimmer schlurft. «Ich weiss es nicht, ich habe geschlafen», gibt diese zurück und grinst erfreut über ihren eigenen Witz. Ein neuer Tag bricht an auf der Dietiker Demenzabteilung. Einer, der so sein wird wie keiner zuvor.

* Die Namen sämtlicher Bewohnerinnen und Bewohner wurden durch die Redaktion geändert.