Ein dumpfes, lautes Hornen tönt vom Dach des Hochhauses, nahe vom Bahnhof Schlieren. «So vertreibe ich Krähen und Elstern», sagt Heinrich Lüthi, hält stolz sein Horn in die Luft und lacht. Er ist der führsorgliche Beschützer einer Stockente, die sich auf seinem Balkon in einer Blumenkiste ihr Nest eingerichtet hat. Ausgerechnet bei ihm, einem pensionierten Metzger. Doch fürchten muss sie sich nicht: «Ich habe noch nie eine Ente geschlachtet – nur Rinder, Kälber und Schweine, und selbst dazu musste ich mich überwinden», sagt Lüthi.

Bereits zum dritten Mal sitzt die Ente in ihrem Nest auf Lüthis Balkon – in einem Gebüsch brütet sie ihre Eier aus. Es ist immer dieselbe Stockente, vermutet er. Damit sie ihr Nest auspolstern konnte, habe er Laub aus dem Wald geholt und vor den Busch gelegt. Dieses Angebot habe die Stockente angenommen, erzählt Lüthi. Auch Futter steht bereit. «Das erste Mal, als die Ente hier genistet hat, sind keine Küken geschlüpft, wahrscheinlich waren die Eier nicht befruchtet», sagt der Pensionär. Im letzten Jahr dann der Erfolg: 13 flauschige Entenküken piepsten um die Wette. Letztlich haben elf von ihnen überlebt. Und die elf Überlebenden hatten eine weitere Prüfung zu bestehen: Als sie gross genug waren, hat die Mutter die Küken vom Dach gestossen. «Das hat ihnen nichts gemacht, die Mutter hat zuerst heruntergeschaut und sie dann auf einen Busch geworfen», sagt Lüthi und zeigt auf die kleine grüne Stelle, weit unten auf dem Parkplatz. Er hat die Kleinen dann einer Tierschützerin übergeben.

Auf Video festgehalten

Lüthi hat auf Video festgehalten, wie im letzten Jahr die frisch geschlüpften Entenbabys ihre Runden auf dem Balkon drehten, brav der Mutter hinterher hüpften oder in einer Pfütze badeten. Sogar in die Wohnung kamen die neugierigen Tiere und machten es sich unter dem Tisch für ein Nickerchen gemütlich. Vermutlich wird es Mitte Mai wieder so weit sein, zumindest sind die Enten vor einem Jahr zu dieser Zeit geschlüpft.

Der Vater der kleinen Vögel lässt sich nicht mehr auf dem Schlieremer Hochhaus blicken. «Die beiden Enten hockten auf dem Dach, noch bevor das Nest gebaut war», erzählt der pensionierte Metzger. «Sie haben zusammen den Nistplatz inspiziert, aber seit sie brühtet, ist das Männchen nie mehr da gewesen», bestätigt seine Frau Berti. «Die Enten habens besser, wir müssen bleiben», witzelt ihr Mann.

Einen Namen haben die beiden der treuen Ente bisher noch nicht gegeben. «Es ist einfach unsere Ente», sagen sie.