Es war kühl. Die meisten Passanten hatten sich mit zusätzlichen Kleiderschichten gegen die Temperaturen geschützt. Mit seinem Programm versprach das Konzert im katholischen Pfarreizentrum St. Agatha in Dietikon wenigstens die Seele an diesem Sonntagabend etwas aufzuwärmen. Viel glühende, romantische Musik erwartete die Besucher. Aufgeführt wurde sie vom Dietiker Pianist Simon Nádasi und seiner Frau Olga Papikian. Diese hatte sich spontan als Ersatz für die ursprünglich angekündigte Fiona Cairns zur Verfügung gestellt und trat als Sopranistin auf.

Mit Bach und Mozart kamen zunächst zwei Überväter der Musikgeschichte zum Zug. Sie rollten sozusagen den musikalischen Teppich aus für den nachfolgenden Teil und wurden von Nádasi und Papikian souverän gemeistert. Gerade die einleitende Fuge von Bach machte mit ihren vertrackten, schwierig zu spielenden Läufen einigen Zuhörern Eindruck.

Stücke werden kommentiert

Als gebürtige Russin konnte sich Papikian dann wunderbar in die russischen Kunstlieder und Opernnummern einfühlen. Sie sang mit Vorliebe innig und ausdrucksstark, bisweilen durchaus mit einer Stimmgewalt, die nicht nur diesen Saal hätte füllen können. Glücklicherweise wurden die Stücke nicht einfach aneinandergereiht, sodass man über ihren Inhalt nur hätte mutmassen können, sondern von den Musikern mit einem einleitenden Kommentar bedacht. Dementsprechend stand da nicht bloss eine Sängerin, die etwas zum Besten gab, sondern eine Blinde, die zum ersten Mal die Liebe fühlt oder eine Frau, die über den 10-jährigen Militärdienst ihres Frischvermählten klagt.

Eine Überraschung gab es, als Papikian auf einmal auf dem Klavierhocker Platz nahm und ankündigte, nun auch etwas spielen zu wollen. Es folgte eine nur irrwitzig zu nennende Etüde von Rachmaninov. Der Russe gilt als einer der halsbrecherischsten Virtuosen überhaupt und wollte mit dieser Etüde wohl besonders auftrumpfen.

Papikian nun attackierte die Noten wie eine Löwin und legte einen furiosen Tanz auf den Tasten hin. Das Publikum staunte, war fast ein wenig in Ehrfurcht erstarrt. Wahrscheinlich hätte ob dieser Tour de Force sogar Rachmaninov Beifall gespendet. «Ich interessiere mich vor allem für die Wirkung der Musik, dafür, was sie mit den Menschen macht» sagte Papikian später. Kurzum, es konnte ihr an diesem Abend niemand vorwerfen, zu wenig Wirkung erzielt zu haben.

Nach etwas mehr als einer Stunde war das Konzert schon wieder zu Ende. Die Temperaturen draussen waren unterdessen noch weiter gefallen. Doch konnte das Publikum nach so vielen feurigen russischen Leidenschaften ein bisschen Abkühlung wohl vertragen.