Limmattal
Wenn die Erben fehlen: Schlieren erhält 4,6 Millionen Franken über 90 Jahre verteilt

Fehlen die Erben, kommt es hin und wieder vor, dass Gemeinden ein Vermögen vermacht wird.

Alex Rudolf
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4,6 Millionen Franken wurden der Stadt Schlieren im Jahr 2015 vermacht.

4,6 Millionen Franken wurden der Stadt Schlieren im Jahr 2015 vermacht.

Aargauer Zeitung

Julius Canovese verstarb im November 2015. Über den damals 94-Jährigen ist nicht viel bekannt. Einzig, dass er in seinem Testament, welches er vor rund zehn Jahren aufsetzte, die Stadt Schlieren als Alleinerbin erkor. Erst kürzlich beschloss der Schlieremer Stadtrat, das Erbe anzunehmen. Wie der Leiter der Finanzabteilung, Oliver Küng, auf Anfrage sagt, handelt es sich dabei um rund 60 000 Franken. Diese würden ins Eigenkapital der Stadt fliessen, da bezüglich der Verwendung des Geldes keine Bedingungen bestünden. Dies ist selten der Fall. «Wurde Schlieren in der Vergangenheit mit einem Erbe bedacht, waren dies Legate, die zu einem bestimmten Zweck verwendet werden sollten», so Küng.

Limmattaler Gemeinden erben selten. Einige Beispiele zeigen jedoch, dass es in den vergangenen Jahrzehnten hin und wieder vorkam. Der höchste Betrag wurde der Stadt Schlieren im vergangenen Jahr vermacht: 4,6 Millionen sollen in Tranchen von jährlich 50 000 Franken (über 92 Jahre) ausgezahlt und – nach dem Willen des Verstorbenen – für die soziale Wohlfahrt im grösseren Sinn verwendet werden. «Welchen Zwecken diese Beträge zukommen, wird der Stadtrat erst noch bestimmen», so Küng. Im Zeitraum davor sind Küng keine grösseren Erbschaften bekannt.

In den vergangenen zehn Jahren wurde auch der Nachbar Dietikon zweimal mit Vermögen aus einem Nachlass bedacht, wie Uwe Krzesinski, stellvertretender Stadtschreiber, auf Anfrage sagt. Dabei handelt es sich um zwei Liegenschaften im Dietiker Zentrum im Wert von rund 780 000 Franken, die im Jahr 2007 an die Stadt übergingen. In diesem Legat sei zudem eine wertvolle Puppensammlung enthalten gewesen, welche die Stadt verkaufte. Drei Jahre später vermachte ein ehemaliger Mitarbeiter Dietikons einen Betrag in der Höhe von 10 000 Franken. Dieser sollte für einen gemeinschaftsbildenden Personalanlass verwendet werden.
Legat König unterstützt Lernende

Bereits in früheren Jahren wurden Dietikon Legate entrichtet, die noch heute ihre Wirkung zeigen. So zum Beispiel das Legat König, welches die Auszeichnung von Dietiker Lernenden ermöglicht. Auch werden Pensionärinnen und Pensionäre im Altersheim, deren finanzielle Mittel eingeschränkt sind, unterstützt.

Auch Urdorf wurde einst mit einem namhaften Betrag bedacht. Anna und Jakob Grob vermachten der Gemeinde 500 000 Franken. Aus diesem Geld wurde im Jahr 1978 der gleichnamige Fonds eröffnet. «Gemäss den Zweckbestimmungen soll damit bedürftigen Einwohnern und Bürgern der Gemeinde der Aufenthalt im Altersheim Weihermatt ermöglicht oder erleichtert werden», wie Martin Büchi, Bereichsleiter Verwaltung und Gesellschaft bei der Gemeinde Urdorf, auf Anfrage sagt. Dies werde etwa mit Beiträgen an Veranstaltungen, Ausflügen und infrastrukturellen Verbesserungen zur Erhöhung der Lebensqualität der Bewohner sichergestellt, so Büchi. Vom Anna-und-Jakob-Grob-Legat abgesehen, wurden der Gemeinde Urdorf in den beiden vergangenen Jahrzehnten keine Erbschaften mehr entrichtet.

Geroldswil kauft Fussballschuhe

Auch in anderen Gemeinden sind Erbschaften oft zweckgebunden. Beispielsweise erbte Birmensdorf im Jahr 1986 einen höheren sechsstelligen Betrag, wie Gemeindeschreiber Angelo Umberg auf Anfrage sagt. «Dieses Geld floss gemäss dem Wunsch des Verstorbenen in den Altersfonds der Gemeinde», so Umberg. Er ergänzt, dass es schön wäre, würden mehr Menschen in ihrem Testament die Gemeinden und somit das Allgemeinwohl berücksichtigen.
Auch kam es bereits vor, dass Städte oder Gemeinden ein Erbe ausschlagen mussten. So geschehen im Jahr 2014 in Schlieren. Laut Oliver Küng hätten damals mehr finanzielle Verpflichtungen als Vorteile bestanden. Sprich: Die Stadt hätte draufzahlen müssen.

Vielen Gemeinden der Region wurde in jüngster Vergangenheit nichts vermacht: So zum Beispiel Bergdietikon, Oetwil, Unterengstringen und Oberengstringen. Geroldswil erbte zwar auch nicht, kam aber trotzdem in den Genuss eines finanziellen Zustupfs. Wie die stellvertretende Gemeindeschreiberin Alexandra Deplazes gegenüber der Limmattaler Zeitung sagt, erhielt die Gemeinde im Jahr 2006 eine Spende in der Höhe von 5000 Franken. «Der Spender wollte, dass das Geld für Freizeitbeschäftigungen hilfsbedürftiger Jugendlicher verwendet wird.» Dies habe die Übernahme von Vereinsbeiträgen oder der Erwerb von Fussballschuhen beinhaltet. Das Geld hielt lange, denn es war erst Ende 2015 vollständig aufgebraucht, heisst es bei der Gemeinde.

Spezielle Charakteristiken lassen sich den spendablen Verstorbenen nur sehr wenige zuordnen. Oliver Küng vermutet, dass es sich um Menschen handelt, die selber keine Erben haben. Uwe Krzesinski und Angelo Umberg verorten bei den Verstorbenen eine grosse Verbundenheit mit ihrer Wohngemeinde.