Dietikon
Wenn der Strassenverkehr zur Qual wird: Wie ein Dietiker Fahrlehrer hilft, Fahrangst zu überwinden

Es ist ein eher unbekanntes Leiden, über das nur wenige sprechen: Panikattacken im Strassenverkehr. Ausgelöst werden sie durch alltägliche Situationen wie Staus oder Tunnelabschnitten. Der Dietiker Fahrlehrer Hans Frei hilft betroffenen Menschen, ihre Ängste zu überwinden.

Kevin Capellini
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Im Auto hinter dem Steuerrad gefangen. Für Menschen mit Fahrangst ist das Autofahren eine Tortur.

Im Auto hinter dem Steuerrad gefangen. Für Menschen mit Fahrangst ist das Autofahren eine Tortur.

Sandra Ardizzone

Nasse Hände, Herzrasen und Panikzustände – viele Menschen verbinden solche Beschwerden nicht mit dem Autofahren. Für Betroffene, die an Fahrangst leiden, ruft der Strassenverkehr jedoch oft solche Reaktionen hervor. Der Dietiker Fahrlehrer Hans Frei beschäftigt sich seit rund sechs Jahren mit diesem eher unbekannten Leiden. Gemeinsam mit seinen Klienten versucht der ausgebildete Lebensberater diese Angst zu bewältigen und zu überwinden. «Die Fahrangst betrifft vor allem das Fahren auf der Autobahn oder das Durchfahren von Tunnels», sagt er. Aber auch Strassenstaus würden teilweise zu Angstzuständen führen.

Ein grosses Problem für viele sei die hohe Geschwindigkeit oder auch die Hektik im Strassenverkehr. «Dies hat in den letzten Jahren durch die stärkeren Verkehrsüberlastungen zugenommen», sagt Frei. Und genau dies könne bei Verkehrsteilnehmern dann die Fahrangst auslösen, die teilweise urplötzlich und ohne Vorwarnung auftritt.

Es gebe Menschen, die ihren Führerausweis seit zehn Jahren besässen und plötzlich an Fahrangst leiden würden. Oft werde dies durch angespannte Situationen oder schlimme Ereignisse wie Strassenumfälle oder brenzlige Situationen ausgelöst. Es könne aber auch ganz andere Ursachen haben, so Frei. «Stress im Privat- oder Berufsleben kann zu erhöhter Anspannung führen, was dann in einigen Fällen wiederum die Fahrangst verursacht.»

Lieber Landstrasse als Autobahn

Viele Menschen mit Fahrangst leben lange mit dem Problem, ohne jemals etwas dagegen zu tun. «Menschen, die an Fahrangst leiden, vermeiden einfach die Dinge, die ihnen Angst machen», sagt Frei. Er habe einen Klienten, der aufgrund der Angst vor der Autobahn die Strecke von Zürich nach Lausanne auf der Landstrasse befahren hätte. Wieder andere würden grosse Umwege fahren, damit sie keine Tunnels benützen müssen. Doch genau dies sei der absolut falsche Weg. «Je mehr die betroffenen Personen diese Dinge vermeiden, desto mehr entfernen sie sich davon. Und so wird dann auch die Angst davor immer stärker.»

«Burnouts sind gesellschaftlich schon fast entschuldigt.» Hans Frei, Fahrlehrer und Fahrangst-Coach beim Team Humm in Dietikon

«Burnouts sind gesellschaftlich schon fast entschuldigt.» Hans Frei, Fahrlehrer und Fahrangst-Coach beim Team Humm in Dietikon

zvg

In den Einzellektionen bespricht Frei daher immer mit seinen Klienten das Problem und versucht herauszufinden, wie stark dieses ausgeprägt ist und ob bereits etwas dagegen gemacht wurde. «Einige gehen wegen der Fahrangst sogar zum Psychiater», sagt er. Mit seinen Klienten gehe er das Problem langsam an und versuche mit ihnen, die Angst zu überwinden. «Hat jemand Angst vor einem Tunnel, muss er in meiner Therapie durch Tunnels fahren.» Denn nur so könne die innere Blockade gelöst werden. «Viele Klienten realisieren dann, dass es ja gar nicht so schlimm ist.» Für Frei sei es schön zu beobachten, dass ein Grossteil der Teilnehmer am Ende der Lektionen, es sind jeweils so viele wie nötig, wieder selbstsicher und selbstständiger im Strassenverkehr unterwegs sind.

Hohe Dunkelziffer

«Da es vielen Betroffenen peinlich ist, an einem solch ‹banalen› Problem zu leiden, dauert es relativ lange, bis sie Hilfe aufsuchen», sagt Frei. Doch banal sei die Fahrangst, die Panikattacken auslösen kann, auf keinen Fall. Zugeben zu müssen, dass man mit etwas so alltäglichem grosse Probleme habe, sei für viele keine Option. Das Selbstvertrauen leide ansonsten stark darunter. Für Frei ist dies unverständlich. «Heutzutage sind Burnouts gesellschaftlich schon entschuldigt, man geht offen damit um. Aber bei Fahrangst schweigen die Menschen lieber.»

Zwar gibt es Onlineforen, die sich mit dem Thema beschäftigen und in denen sich Betroffene austauschen können, allerdings sind es dort hauptsächlich Frauen, die über ihre Angst und den Weg zurück zur Normalität berichten. Männer melden sich kaum zu Wort. Die Dunkelziffer der Betroffenen ist daher relativ hoch. In der Schweiz gibt es zur Fahrangst auch keine genauen Zahlen. Das deutsche Verkehrsministerium jedoch liess 2014 in einer Statistik auswerten, dass in Deutschland gut eine Million Menschen an Fahrangst leide.