Schlieren
Wenn der Prophet zum Berg geht

In seiner letzten Ausstellung auf dem Turmplatz blickt Piero Maspoli auf ein halbes Leben Bildhauerdasein in Schlieren zurück – und freut sich auf die Zukunft.

Sophie Rüesch
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Beim Platzieren der Skulpturen auf dem Turmplatz hat Piero Maspoli Hilfe von seinen Söhnen erhalten. Mit einem davon steht er hier vor dem vorerst vollendeten Werk. Sophie Rüesch

Beim Platzieren der Skulpturen auf dem Turmplatz hat Piero Maspoli Hilfe von seinen Söhnen erhalten. Mit einem davon steht er hier vor dem vorerst vollendeten Werk. Sophie Rüesch

Limmattaler Zeitung

Zwischen seinen Steinblöcken fühlt sich Piero Maspoli wohl. Wenn er durch die in Gruppen arrangierten Skulpturen streicht und einzelne hervorhebt, hat man das Gefühl, er stelle einem seine Freunde vor. Er selbst würde dieses Bild wahrscheinlich als «zu pathetisch» abtun – für ihn sind die Skulpturen einfach Steine, «die in aller Ruhe am Boden hocken». Und durch ihre Selbstverständlichkeit bestechen.

Überhaupt beantwortet Maspoli viele Fragen mit der Erklärung: «Es ist halt so.» Das will nicht heissen, dass der Bildhauer einfach gestrickt ist. Vielmehr ist die Darstellung der Selbstverständlichkeit bei ihm Konzept. «Es gibt gewisse Gesetzmässigkeiten auf der Welt, eine bestimmte Ordnung, und als Künstler kann ich nicht viel mehr, als diese aufzuzeigen und sie dem Dialog mit dem Betrachter zu überlassen», sagt er.

Nach 27 Jahren auf dem Gaswerkareal kehrt Maspoli Schlieren dieses Jahr den Rücken zu. «Es ist mir hier zu eng geworden. Der Platz ist beschränkt, der Boden teuer. Und es wird immer noch enger», sagt er.

Maspoli, der ab 1984 als erster Künstler der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer auf dem Gaswerkareal in Schlieren gewirkt hat, wird in Zukunft vor allem auf dem Steinbruch Staad Skulpturen schaffen.

Im Lauf der Zeit seines Schaffens hat Maspoli sich zunehmend grösseren Objekten zugewendet. Im Steinbruch findet er für diese genügend Platz. Dort habe er alles, was er brauche; und die teuren Transport- und Lagerkosten fielen damit weg, sagt er.

Dazu könne er in einem Tempo arbeiten, wie es in Schlieren unvorstellbar wäre. «Im Steinbruch kann ich einen Stein nehmen, ihn auf mich wirken lassen, und wenn er mir nicht gefällt, kann ich zum nächsten gehen», so der Bildhauer. «Es ist ein Geschenk für Kopf, Herz – und Portemonnaie», fügt er lächelnd hinzu.

Ganz sang- und klanglos geht er aber nicht: Am Freitag wurde seine Abschiedsausstellung im vereinsinternen Rahmen eröffnet, bevor sie Ende August auch der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Bis dann wird sich an der Installation vielleicht auch noch einiges ändern. «Jetzt muss ich erst mal hinsitzen und alles auf mich wirken lassen.

Dann kommen vielleicht auch noch neuere Arbeiten dazu», sagt Maspoli. Denn die bereits platzierten Skulpturen auf dem Turmplatz sind allesamt ältere Werke, die bis anhin in seinem Aussenatelier auf dem Gaswerkareal gelegen hatten. «In Gedanken habe ich die Skulpturen schon ein paar Mal durch den Steinshredder gelassen. Die ältesten Steine hier sind immerhin 25 Jahre alt».

Doch vorerst werden die Stücke nun nicht nur vor dem Shredder, sondern auch vor der Vergessenheit gerettet. Kerim Steiner, selber Mitglied der Arbeitsgemeinschaft und Kurator von Maspolis Ausstellung, ist auf die Idee gekommen. Für Steiner stellt das Werk «eine Art langsame Performance» dar: Die Steinblöcke spiegelten einerseits einen jahrzehntelangen Schaffensprozess wider, während andererseits der Rückgriff auf alte Materialien und deren Neuarrangierung eine ganz eigene Dynamik entwickeln würden.

Maspoli war beim Konzipieren der Ausstellung auch wichtig, abschliessend noch einmal in einen kreativen Dialog mit seinen Kollegen aus der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer zu treten und durch sein Werk den Arbeitsplatz auf dem Gaswerkareal zu thematisieren. «Was ist der Sinn unseres Schaffens hier, was hält uns zusammen, und was trennt uns voneinander?» – Das sind die Fragen, die ihn im Hinblick auf seinen Abschied beschäftigen.

Seine letzte Ausstellung auf dem Gaswerkareal ist für Maspoli auch Anlass, die letzten 27 Jahre seines Schaffens in Schlieren Revue passieren zu lassen. «Jeder Stein ruft Erinnerungen hervor. So erlebe ich die gesamte Zeit, die ich hier gearbeitet habe, noch einmal», sagt er. Er möge sich noch genau an die Zeiten erinnern, als er alleine auf dem Areal gearbeitet hatte, inmitten leerstehender Gebäude des alten Gaswerks und viel unbebautem Land.

Der Turmplatz, auf dem die Skulpturen seit dieser Woche stehen, hatte ihm zuvor schon als temporärer Lagerplatz der Metallcontainer, die 2008 im Schlieremer Zentrum gestanden sind, gedient. Diese hatten in der Bevölkerung für grosse Aufregung gesorgt. «Ich glaube, es war das rostige Blech, das die Leute so irritiert hat», sagt Maspoli. «Die ‹aufstrebende Stadt›, wo sonst alles glänzt und man sich etwas Modernes, Sauberes wünscht, hat sich durch das raue Material offensichtlich verletzt gefühlt», fügt er hinzu.

Dass Maspoli sich mit seinen Arbeiten an einen ruhigeren Ort zurückzieht, hat auch mit der Verdichtung in Schlieren zu tun. «Überall wird gebaut, und alles muss aus Glas oder Blech sein. Was nicht rundherum dekorativ ist, findet hier keinen Platz mehr», gibt er zu bedenken. Doch genau diese Entwicklungen geben seinen Skulpturen auch ihren speziellen Anreiz: «In der heutigen Welt, in der schnelle und schöne Materialien vorherrschen, entwickelt der Stein wieder eine besondere Kraft. Er strahlt Selbstverständlichkeit und Ruhe aus». Nach seinem Ausflug in fremde Materialwelten während des Containerprojekts sei er auch gerne wieder zum Stein zurückgekehrt: «Hier fühle ich mich zu Hause», sagt er.

Dass er in Zukunft im Steinbruch arbeiten wird, ist so eine Art Heimkehr für ihn. Und sowieso habe er schon vor längerer Zeit eingesehen: «Man muss zum Stein gehen, man kann ihn nicht zu sich holen. So ist das einfach».