Man hört das Rattern des Töfflis schon von weitem. Begleitet von Motorenduft rast Werner Oggier auf die Poststelle Brunau zu. Sein graugelbes Posthemd flattert im Wind, Oggier lacht und winkt. An seinem zweitletzten Arbeitstag ist bei ihm von Müdigkeit nichts zu spüren. In rasantem Tempo flitzt Oggier auf den Dietiker Strassen von Haus zu Haus, wurstelt Briefe und Reklamen in Briefkastenschlitze, manövriert sein schwerfälliges Gefährt samt Anhänger wendig, als wäre es ein Körperteil.
«Ich bin viel zu langsam, viel zu langsam», tönt es aus Oggier zwischen Briefkastengeklapper immer wieder hervor. «Zu langsam» - zu diesem Verdikt würde ausser dem Urdietiker selbst wohl niemand kommen, der ihn bei der Arbeit beobachtet.

«Früher hatte man als Pöstler noch mehr Zeit», sagt Oggier. Wofür? «Für alles», sagt er. Für das Verteilen der Post natürlich, für ein anständiges Mittagessen und auch mal ein Znüni, doch vor allem für einen Schwatz mit den Menschen, die er seit Jahrzehnten mit Post beliefert. Im August wären es 45 Jahre gewesen.

«Ich habe meinen Dienst getan»

Heute hat der 62-Jährige seinen letzten Arbeitstag. Frühzeitig in den Ruhestand zu gehen, war nicht seine Idee. Die Post legt ihren Mitarbeitern seit einigen Jahren ans Herz, sich ab 62 früh- oder teilpensionieren zu lassen, um Geld zu sparen. Doch Oggier hat auch nichts dagegen; abgeschoben fühlt er sich nicht. «Ich freue mich auf die freie Zeit. Ich habe meinen Dienst getan; nun sollen die anderen übernehmen», sagt er.

Oggier ist keiner, der klagt und murrt. Doch die Veränderungen im Pöstlerberuf sind nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. «Die Routen wurden immer grösser, doch die Zeit, die wir zum Vertragen haben, blieb gleich.» Die Postmenge ist über die Jahre jedoch nicht mehr und nicht weniger geworden. «Sie sagen immer, es gebe heute weniger Post, wegen des ganzen Internetzeugs, doch davon habe ich nichts gemerkt.»

Die Arbeit wurde mit der Automatisierung des Briefverteilsystems zwar etwas einfacher. Früher mussten die Pöstler alle Briefe, die sie später - damals noch mit dem Velo - vertragen würden, noch selber sortieren. «Doch auch Maschinen machen Fehler», mahnt Oggier, während er ein Schreiben, das fälschlicherweise in der Kiste für das Dietiker Dörfli landete, aus dem Verkehr zieht.

Zeitdruck stieg

Mit zunehmendem Alter wurde es für Oggier schwieriger, die Anforderung, bis halb eins alle Post ausgetragen zu haben, zu erfüllen. Probleme mit den Knien - 2006 musste er beide Kniegelenke durch künstliche ersetzen lassen - halfen dabei auch nicht. Um seine Route trotzdem rechtzeitig zu schaffen, beginnt Oggier seinen Arbeitstag seit einigen Jahren etwas früher. Täglich trifft er um Viertel vor sechs in der Stelle der Briefzustellregion Limmattal in Schlieren ein, wo er die Ware für den Tag sortiert. Danach fährt er zur Poststelle Brunau, wo er zwischenlagert, was nicht in den Anhänger passt. Dann braust er los.

Nach 45 Jahren kennen die Leute Oggier, und Oggier kennt die Leute. Wenn der Briefträger durch die Strassen flitzt, wird links und rechts gewinkt und gegrüsst, vor den Briefkästen im Eiltempo übers Wetter geplaudert oder, wie heute, über seine baldige Pensionierung. «Am meisten vermissen werde ich den Kontakt zu den Leuten», sagt Oggier denn auch.

Kein bitterer Abgang

Und hört man sich die Gespräche an, wird klar: Vermisst werden wird auch er. Ein älterer Bewohner des Dörfli verschwindet im Haus, um mit einer Flasche Wein zurückzukommen, als er von der Pensionierung hört. Oggier ist sichtlich gerührt, doch Musse zum Verweilen hat er auch jetzt nicht. «Es tut mir manchmal leid, dass ich den Leuten nicht mehr Zeit widmen kann», sagt er später.

Auch wenn Oggier mit dem erhöhten Druck im Pöstlerdasein seine Mühe hatte, verbittert geht er nicht. «Ich habe meinen Beruf all die Jahre sehr gern ausgeübt», sagt er. Nicht nur den Kontakt zu den Leuten, auch die selbstständige Arbeit im Freien habe er immer geschätzt. Der Gedanke an die Pensionierung mache ihn zwar ein bisschen «nervös», doch dass ihm langweilig wird, befürchtet er nicht.

«Jetzt, wo das morgendliche Training wegfällt, werde ich einfach ins Fitnessstudio gehen. Ich habe nicht vor, mich im stillen Kämmerchen zu verstecken», sagt Oggier und lacht sein herzhaftes Lachen, für das er auch im Gehetze stets Zeit findet. Der Mann, der ihm den Wein schenkte, soll wohl recht behalten mit seinem Kommentar: «Jemand, der so auf Zack ist wie Sie, wird auch im Ruhestand nicht zur Ruhe kommen.»