Auf dem Hochsitz nahe dem Egelsee, ganz am Rand zum nördlich angrenzenden Jagdrevier Bellikon gelegen, ist es zu zweit zwar eng, aber nicht unbequem. Rudolf Vogel hat kälteisolierende Sitzunterlagen und Wolldecken für seine Begleitung dabei. Die offene, nach Norden gerichtete Seite des Hochsitzes gibt den Blick frei auf eine noch saftig grüne Lichtung, auf der es zu dieser Jahreszeit am späten Nachmittag schon leicht dämmert.

Kein Tier ist zu sehen. Genug Zeit also, sich mit Ruedi Vogel über seine Aufgaben zu unterhalten. Als Jagdaufseher ist der 67-Jährige seit zwölf Jahren Herr über das Revier Nr. 20 (Heitersberg), 581 Hektaren gross, davon 160 Hektaren bewaldet. Seit 1983 besitzt er den Jagdschein, Voraussetzung für die Wählbarkeit als Jagdaufseher. Die Kantone organisieren die entsprechenden Prüfungen und sind zuständig für die Anerkennung von Jagdscheinen.


Abschuss für den Waldschutz


Das eidgenössische Jagdgesetz verpflichtet die Kantone, die Bestände der Wildhuftiere mittels Bejagung oder anderer Massnahmen so zu regulieren, dass diese die natürliche Waldverjüngung nicht verhindern und keine grossen Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen entstehen.

Alle zwei Jahre legt der Kanton aufgrund des Vorschlags der jeweiligen Förster und Jäger die Abschusszahlen für Rotwild fest. In Vogels Revier sind das 22 Tiere. «Am Ende des Jahres soll es noch etwa 50 Rehe im Revier geben, 25 weibliche und 25 männliche», erklärt Vogel. Dabei sortiert er alte und kranke Tiere aus. Rehwild wird vom
1. Mai bis Ende Dezember gejagt. Für Dachse, die im Herbst grosse Maisschäden anrichten können, und Füchse gibt es keine festen Zahlen.

Der Einsatz von Schrot (oben) oder Kugeln muss von Fall zu Fall erwogen werden.

Der Einsatz von Schrot (oben) oder Kugeln muss von Fall zu Fall erwogen werden.


Auf der Lichtung ist alles ruhig, keinerlei Bewegung ist im immer fahler werdenden Licht zu erkennen. Die Regentropfen fallen jetzt als sachte Graupel. «Im Sommer hätten wir mehr Glück, dann kommen die Tiere um diese Zeit in grosser Zahl aus dem Wald, um zu äsen», meint Vogel. Wenn die Tage kürzer werden, nimmt das Wild viel weniger Äsung auf. «Ihre Mägen ziehen sich zusammen, so bereitet sich das Wild auf den Winter vor», erläutert Vogel.

Ausserdem würden die Tiere jetzt in den Wäldern gut zu fressen finden. Ihre Mägen seien derzeit voller Bucheckern und Eicheln. Erst ist da nur ein schmaler, schemenhafter Schatten, der langsam über die Lichtung streift, ein zweiter, dritter, vierter gesellt sich dazu: ein paar Rehe auf der Suche nach dem letzten Grün des Jahres. Vogel reicht sein Fernglas rüber.

Er erkennt jedes der Tiere. Zwischen seinen Beinen hält der Jagdaufseher seine Jagdwaffe, eine ostdeutsche «Merkel» aus Thüringen. Er hat die Bockbüchse mit Zielfernrohr bereits 1983 erworben. Sie hat zwei Läufe und Abzüge, die je nach gewählter Munition – Schrot oder Kugel – zum Einsatz kommen. Vogel redet in normaler Lautstärke weiter, die Rehe würden das Gespräch nicht hören können, versichert er.

Schocktod im Visier


Die Ansitzjagd ist für das Wild die schonendste Art der Jagd. Der Jäger zielt meist auf die Stelle hinter dem Vorderlauf. Das Tier stirbt einen sogenannten Schocktod, es bekommt nichts von der Gefahr mit. «Seine Gefährten äsen meist ganz ruhig weiter und laufen nicht weg», meint Vogel. «Wenn mich ein Tier anschaut, schiesse ich nicht.» Es sei dann zu unberechenbar in seinen Reaktionen, und es bestehe die Gefahr, dass der Schuss nicht richtig sitze.

Bei der Pirschjagd versucht der Jäger, dem Wild unbemerkt zu folgen und sich ihm zu nähern. Die Pirsch bringt Unruhe ins Revier, deshalb wird sie eher zurückhaltend angewendet. Wenn Vogel auf Pirsch geht, begleitet ihn seine zehnjährige Dackel-Terrier-Hündin Kira, eine relativ kleine Rasse. Als sogenannte Stöberhunde sind laut Jagdgesetz des Kantons Aargau nur Jagdhunde mit einer Risthöhe bis zu 42 Zentimetern zugelassen.


Aber nicht immer sind lebende Tiere im Fokus von Jagdaufseher Vogel. Auch angebissenes, totes Wild muss er entsorgen. Vogel erinnert sich gut an die Arbeit, die der Schlieremer Wolf ihm vor zwei Jahren gemacht hat: «Acht Rehe hat er in unserem Revier totgebissen und liegengelassen.» Auch um Unfallrehe muss er sich kümmern. Zu tun hat er derzeit auch im Bergdietiker Schulhaus. Dort treibt ein Marder sein Unwesen, und Vogel wurde um Unterstützung bei dessen Vertreibung gebeten.

Die Rehe auf der Lichtung ziehen langsam zum Waldrand auf der gegenüber liegenden Seite. «Bei diesen Lichtverhältnissen darf man nicht mehr schiessen», so Vogel. Zu gross sei die Gefahr, dass ein nicht perfekt getroffenes Tier verwundet in den Wald flüchte und man erst Jagdhunde aufbieten müsse, um es aufzuspüren. An diesem Tag fällt in Bergdietikon kein Schuss.