Auch in der Schweizer Geschichte gibt es Kapitel, die man am liebsten überblättern würde. Doch sind sie da und können nicht einfach zu den Akten gelegt werden. Zumal wenn es noch Menschen gibt, die uns mit ihrem Schicksal daran erinnern, die eine wandelnde Mahnung dieser Vergangenheit sind.

Am Mittwochabend hatten in der Bibliothek Schlieren vier Heim- und Verdingkinder Gelegenheit, vom ihnen widerfahrenen Unrecht zu erzählen. Im Rahmen der Vorstellung von Erica Brühlmann-Jecklins neuem Buch «Weite Wege nach Daheim» lasen sie Teile daraus vor, und gaben dem Publikum so einen Einblick in ihre Kindheits- und Jugendgeschichte.
Zunächst sprach Dr. Thomas Huonker gleichsam aus einer Weitwinkelperspektive von den «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen», die bis in die 1960er- und 1970er-Jahre über Zehn-, ja Hunderttausende verhängt worden seien. Der Zürcher Historiker betonte, dass es auch Nutzniesser dieser Massnahmen gegeben habe, etwa Fürsorger und Psychiater, die ihnen ein gutes Einkommen verdankten.

Vier Menschen, vier Schicksale

Anschliessend lasen vier Betroffene aus Brühlmann-Jecklins Buch vor. René Schüpbach erzählte davon, wie er als Verdingkind nicht in der Küche essen durfte, sondern nach draussen auf die Treppe geschickt wurde. Hier musste er das Essen neben den Fressnäpfen der Hunde einnehmen. Immer wieder habe es Gebäck aus der Konditorei gegeben. Da er aber ein «Bettnässerkind» war und als solches gebrandmarkt wurde, bekam er nichts von den Süssigkeiten. Als er es einmal dahin brachte, nicht ins Bett zu machen, wurde er zurechtgewiesen. «Da sieh mal einer, es geht ja! Du hast das bis jetzt immer extra gemacht. Für dich gibt es sicher nichts.»

Als der Lehrer in der Schule merkte, dass René nicht gerade sitzen konnte – zu oft wurde er vom Bauern geschlagen – fuhr er geradewegs zum Bauern und bereitete seinem Regime ein Ende. Der Lehrer war einer der Leute, die sich weigerten, jene schlimmen Zustände hinzunehmen.

Vreni Gartmann durfte immer erst im letzten Moment zur Schule. Und als diese zu Ende war, musste sie sich sofort wieder auf den Heimweg machen. Zeit, mit anderen Kindern zu reden, hatte sie nicht. Daheim, bei einem betagten Geschwisterpaar, musste sie mit einem grossen, schmutzigen Bett vorliebnehmen. Es war ihr verboten, die Fensterläden zu öffnen, sodass ihr Zimmer stets im Dunkeln blieb. Waschen musste sie sich draussen vor dem Haus, ein Kübel kaltes Wasser wurde ihr dafür hingestellt.

Vreni begann zu beten und sich nach dem Bett ihrer Gotte zu sehnen. Sie betete, dass Gott ein Wunder geschehen lassen möge. Als eines Tages eine Frau kommt, glaubt sie, vom ihm erhört worden zu sein. Doch wird sie nur zurück in ein Kinderheim gebracht. Ein schweres Tor schliesst sich hinter ihr. Hier ist sie allein und hat mit niemandem mehr Kontakt, nicht mit ihrer Gotte, nicht mit ihren Eltern.

Auch Kurt Beer musste einen grossen Teil seiner Kindheit in Heimen zubringen. Schon früh kamen zwei Männern von der Vormundschaftsbehörde, um ihn abzuholen. Die Heimleitung war streng und duldete kein Abweichen von der Ordnung. Abends um acht sollte Ruhe herrschen. Beim geringsten Geräusch wurden die Kinder aus dem Bett gejagt und zum Auswendiglernen von Gedichten gezwungen. Bisweilen mussten sie auch einfach an der Wand stehen und die Hände hochhalten.

Dölf Bachmann kam als fünftes oder sechstes Kind zur Welt. So genau weiss er das nicht, zu sehr wurde die Familie auseinandergerissen. Sein Vater starb, als er vier war. Eine Gemeindevertreterin versprach Hilfe und begann, «Pflegeplätze» für die Kinder zu suchen. So kam Dölf zu einer alten Frau, für die er im Sommer Beeren pflücken und im Winter Holz und Tannzapfen sammeln musste. «Der Bub hat wieder einmal nicht gehorcht», sagte sie oft. Dann holte ihr Sohn den Teppichklopfer und er musste die Hose herunterlassen. Obschon er Zeter und Mordio schrie, hörte ihn niemand. Als Drittklässler kommt er auf einen Bauernhof, wo es ihm besser ergeht. Hier darf er mit der Familie am selben Tisch sitzen und ab und an etwas Speck essen.

Die vier, die am Samstag ihre Geschichte erzählten, haben sich davon nicht die Zukunft diktieren lassen. Sie haben das Heft selbst in die Hand genommen und sind erfolgreiche Mitglieder unserer Gesellschaft geworden. Doch, und daran erinnerte auch Brühlmann-Jecklin: Unrecht bleibt Unrecht und nicht alle haben es so gut wie sie verkraftet.