Das Thema Alter beschäftigt die Gemeinden rechts der Limmat seit einigen Jahren intensiv. Nachdem die Zweckverbandsgemeinden einen Kredit für die Sanierung des Alters- und Pflegezentrums Im Morgen im Jahr 2009 ablehnten, kam eine in diesem Jahr erstellte Bedarfsanalyse zum Schluss, dass rund 50 neue Betten gebraucht werden. Sie zeigt zudem auf, dass ältere Menschen immer öfter erst dann von zu Hause ausziehen, wenn eine Pflegebedürftigkeit vorliegt — normale Alterszentren sind dafür aber nicht gerüstet. Im Pflegezentrum Im Morgen sollen je 24 Plätze für Demenzkranke und sonstige Patienten zwischen 2018 und 2020 in Betrieb genommen werden.

In Sachen Pflege im Alter tut sich rechts der Limmat jedoch noch mehr. Vor knapp einem Monat öffnete die Pflegeinstitution «Almacasa» ihre Tore an der Zürcherstrasse in Oberengstringen. Zurzeit sind von den 25 bis 30 Plätzen deren 9 besetzt. Voraussichtlich soll Ende August schon eine Auslastung von zwei Dritteln erzielt werden können. Das Betriebskonzept ist erfolgversprechend — auch die Beliebtheit des ersten «Almacasa»-Standorts in Weisslingen bei Winterthur weist darauf hin. Dort wird eine Warteliste geführt. «Der Bewohner soll seine Persönlichkeit nicht an der Eingangstür abgeben müssen», sagt Co-Geschäftsleiterin Liliane Peverelli über ihr Pflegeheim. Andere Pflegezentren seien in der Architektur und in ihren Abläufen stark von Spitälern inspiriert, fährt sie fort. Dabei wolle doch kaum jemand, der ein chronisches Leiden hat oder mit Demenz lebe, in einem Mini-Spital wohnen. Ihr Geschäftspartner Vincenzo Paolino fügt an, dass in solchen Einrichtungen kaum Platz für individuelle Alltagsbehandlung bleibe.

Der Unterengstringer Paolino und die Urdorferin Peverelli lernten sich im Jahr 1997 im Schlieremer Alters- und Pflegeheim Sandbühl kennen. Er war Pflege- und Betreuungsleiter, sie Ausbildungsleiterin. 2008 wagten sie den Schritt in die Selbstständigkeit als Berater und Coach und eröffneten vergangenes Jahr den «Almacasa»-Standort Weisslingen. Ihre Erfahrungen im Altersbereich setzten sie dort in Innovationen um. So ermöglichen sie den Bewohnern eine Partizipation am alltäglichen Leben trotz Pflegebedürftigkeit. In drei Wohneinheiten können sie dort mitkochen, mitwaschen und mitputzen — alles freiwillig. «Sie haben die Sicherheit, Pflege in Anspruch zu nehmen, die sie benötigen, ohne dass Pflege den Alltag dominiert», so Paolino.

Eine weitere Eigenheit bilden die Räumlichkeiten an sich. Die dafür verantwortlich zeichnende Peverelli verweist auf das Farbkonzept. «Jede Etage hat ihre eigenen Farbtöne. Diese sollen warm und heimelig sein, damit sich die Bewohner zu Hause fühlen können», sagt sie. Das Motto lautet: Das Pflegepersonal ist zu Gast bei den Bewohnern und nicht umgekehrt. Auch in den Details wie dem Geschirr soll dies zum Ausdruck kommen. So sind sämtliche Tassen aus Porzellan, man findet keine Schnabelbecher, und die Teller haben einen höheren Rand, damit das Essen auch nur mit einer Hand auf den Löffel gehievt werden kann. «Details machen einen grossen Unterschied», so Peverelli.

Eine Frage des Geldes sei der Aufenthalt im «Almacasa» aber kaum, so Paolino. Die Taxen für den Aufenthalt seien auch ohne grosses Einkommen oder Vermögen finanzierbar, versichert er und verweist darauf, dass der Markt an Luxusresidenzen nahe der Sättigung sei. Doch auch in Oberengstringen kann gegen einen Aufpreis ein grösseres Zimmer mit Balkon oder ein speziell grosses Studio bezogen werden.

Senioren sollen die Wahl haben

Dass sich ein Trend der individualisierten Pflege in den Betreuungsangeboten für Betagte einstellt, darüber sind sich Paolino und Peverelli einig. «Ältere Menschen, die ihr Leben vorübergehend oder auf Dauer nicht alleine bewältigen können, wünschen sich mehr Wahlmöglichkeiten», so Paolino. So seien für die einen generationenübergreifende Wohnprojekte das Richtige, andere würden es vorziehen, so lange wie möglich zu Hause zu wohnen, ergänzt Peverelli.

Die Oberengstringer Behörden zeigen sich derweil erfreut über das neue Angebot in der Gemeinde. Zieht man nun gar in Betracht, aus dem Zweckverband des Alters- und Pflegezentrums Im Morgen auszutreten? Schliesslich gibt es in der Gemeinde nun rund 30 neue Pflegeplätze der «Almacasa». Sozialvorsteher Kurt Leuch glaubt, dass es für solche Gedankenspiele zu früh ist. «Der Fachvorstand Im Morgen wird demnächst mit einem Vorschlag zur Erweiterung und einem Kreditantrag für die weitere Planung auf die Gemeinden zukommen. Dann schaut der Gemeinderat die Situation genau an», erklärt er auf Anfrage.