Schlieren
Wenn das Diktat zur Hürde wird - mangelnde Sprachkenntnisse als «tickende Zeitbombe»

Die unterschiedlichen Deutschkenntnisse der Schüler sind laut einer GLP-Politikerin problematisch.

Alex Rudolf
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Jeder zweite Schlieremer Schüler entstammt einer ausländischen Familie.

Jeder zweite Schlieremer Schüler entstammt einer ausländischen Familie.

KEYSTONE/Gaetan Bally

Derzeit fiebern zehn Schlieremer Kleinklässler ihrem grossen Auftritt entgegen. In etwas mehr als einem Monat werden sie in der Bibliothek Schlieren das gemeinsam verfasste Buch – es beinhaltet Krimis und Liebesgeschichten – präsentieren und Passagen daraus vorlesen. Oberstufenlehrerin Beatrix Kandil verweist darauf, dass es sich um ein Quims-Projekt handelt, mithilfe dessen die Qualität in multikulturellen Schulen verbessert werden soll. Sprich: Es wird Deutsch gebüffelt.

Wie gut Schüler deutsch sprechen, ist ein brandaktuelles Thema: Zuletzt sorgte die Thurgauer Gemeinde Sirnach in diesem Zusammenhang für Aufsehen: Dort müssen Eltern, die hier aufgewachsen sind und Kinder haben, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, selber für Förderlektionen aufkommen. Viel Aufsehen erregte vor gut einem Jahr auch die Gemeinde Egerkingen, die eine Deutschpflicht für den Pausenplatz einführen wollte. Jürg Brühlmann vom Schweizer Lehrerverband prophezeite gegenüber dem «Blick», dass es sich bei den mangelnden Sprachkenntnissen der Schüler um eine tickende Zeitbombe handle.

«Familien ziehen weg»

Solche Nachrichten verunsichern – auch im Limmattal. «Wir haben in Schlieren eine besondere Situation und müssen teilweise mehr machen als andere Städte», sagt Songül Viridén. Die Schlieremer GLP-Gemeinderätin sagt, sie werde oft darauf angesprochen, dass die Deutschkenntnisse in Schlieremer Schulen zu gering seien. Sie habe etwa vernommen, dass es nicht möglich sei, einer zweiten Klasse kurze Texte zu diktieren. Obwohl dies im Lehrplan vorgesehen sei, reiche die Sprachkenntnis mancher Schüler zur Bewältigung einer solchen Aufgabe nicht aus. So kämen auch Schüler, die Deutsch können, nicht vorwärts. «Bereits heute ziehen Familien aus der Stadt weg, nur weil sie mit der Schulsituation nicht zufrieden sind – oder sie schicken ihre Kinder an Privatschulen», so Viridén.

Die Eltern, egal ob Schweizer oder Ausländer, denen die Ausbildung ihrer Kinder wichtig sei, dürfe man nicht verlieren. In der Antwort auf eine kleine Anfrage Viridéns schrieb der Stadtrat kürzlich, dass knapp 49 Prozent der 1321 Schlieremer Schüler keinen Schweizer Pass haben. In manchen Klassen, etwa in der dritten oder der fünften, klettert der Anteil mit jeweils rund 51,5 auf über die Hälfte an. Der Schule stehen jedoch Mittel zur Verfügung, diesem Umstand Rechnung zu tragen. Etwa das im kantonalen Volksschulgesetz definierte Programm Deutsch als Zweitsprache (Daz) – es wird bereits im Kindergarten angeboten.

Seit vergangenem März hat die Stadt gar die Möglichkeit, das Deutsch der künftigen Schüler noch vor dem Schuleintritt zu verbessern. Mitte März genehmigte der Stadtrat die Leistungsvereinbarung mit der Spielgruppe Plus, welche die frühe Integration der Kinder im Vorschulalter fördert. «Das Ziel des Angebots besteht darin, dass möglichst viele Kinder beim Eintritt in den Kindergarten die Sprache verstehen und so die Lehrpersonen entlastet und weniger Daz-Stunden benötigt werden», schreibt der Stadtrat in seiner Antwort. Für die kommenden drei Jahre genehmigte er zudem eine Leistungsvereinbarung mit dem Projekt «Zeppelin – Familien – startklar», welches ebenfalls die Sprachförderung thematisiert.

Es gibt Begabtenförderung

Nach dem Kindergarten soll das Projekt Quims (Qualität in multikulturellen Schulen) dafür sorgen, dass niemand den Anschluss verliert. Weist eine Schule einen Anteil fremdsprachiger Schüler von über 40 Prozent auf, qualifiziert sie sich für Fördergelder, mit denen unter anderem auch das eingangs geschilderte Beispiel finanziert wird. 13 der kantonsweit 119 Quims-Schulen befinden sich im Limmattal – in Schlieren, Dietikon, Oberengstringen und in der Fahrweid. In der Stadt Zürich sind es 44. Die Quims-Massnahmen fokussieren ebenfalls auf die Sprachförderung und die individuelle Förderung. Jährlich gibt der Kanton dafür 4 Millionen Franken aus.

Viridén findet es schwierig, sich bei diesem Thema nur nach dem kantonalen Volksschulgesetz zu richten. «Gerade die Tatsache, dass unsere Lehrer manchmal Schwierigkeiten haben, den Lehrplan vollumfänglich zu erfüllen, bemängle ich.» Hierbei verweist der Stadtrat darauf, dass es für Lehrpersonen selbstverständlich sei, der heterogenen Schülerschaft mit individueller Förderung gerecht zu werden. Neben einer Begabtenförderung erwähnt er die Vorbereitungskurse fürs Gymnasium. Viridén bleibt skeptisch: «Ich hoffe, dass da noch mehr passiert.»