Suizid bei Jugendlichen
Wenn alles nur noch bergab geht, liegt der Gedanke an Suizid nahe

Alle drei Tage nimmt sich ein Jugendlicher in der Schweiz das Leben. Die Pro Juventute hat eine Kampagne gestartet, um die Bevölkerung zu sensibilisieren. Die Therapeutin Nicole Züllig berichtet von ihren Erfahrungen und aus ihrem Alltag.

Alfred Borter
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Nicole Züllig, Psychotherapeutin aus Zürich.

Nicole Züllig, Psychotherapeutin aus Zürich.

Nicole Züllig, Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Zürich, findet es schlimm, wie viele junge Menschen Suizid begehen. Gemäss einer Statistik der Stiftung Pro Juventute nimmt sich in der Schweiz alle drei Tage ein Jugendlicher das Leben, Suizidversuche kommen in rund 10000 Fällen vor. Pro Juventute hat denn auch im letzten Herbst eine Kampagne gestartet, mit dem Ziel, die breite Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren und auf die Soforthilfe über die Notrufnummer 147 aufmerksam zu machen.

Sich mit dem Tod zu beschäftigen ist natürlich

Für Nicole Züllig ist es ganz natürlich, dass sich Jugendliche mit dem Tod beschäftigen. «Die Pubertät ist eine Umbruchzeit», sagt sie. Die Kindheit geht zu Ende, etwas Neues steht bevor, das vielleicht Neugierde weckt, aber auch Angst machen kann, denn es sind nicht mehr die Eltern, die den Kurs vorgeben, jeder wird nun selber verantwortlich für das, was er macht oder was er unterlässt.

«Die Pubertät kann zu einer Art Zerreissprobe führen», weiss sie. Und wenn dann noch ein akutes Problem auftaucht wie Liebeskummer, eine schlechte Schulnote, Druck bei der Lehrstellensuche oder Mobbing von Kollegen oder Kolleginnen, kann die Stimmung ganz düster werden. Dazu kann der Eindruck kommen, die Welt der Erwachsenen mit all ihren Skandalen biete ebenfalls keine positive Perspektive. Aggression kommt auf, die sich oft gegen sich selber richtet.

«Manche Junge glauben dann einfach nur noch, dass es bergab geht», ist ihre Erfahrung. Dann liege der Gedanke an Suizid nahe. Allem ein Ende zu setzen, kann dann als erstrebenswert erscheinen. Destruktive Ideen können dann die Oberhand gewinnen. Destruktivität bei Jungen nimmt zu, stellt Züllig fest. «Das ist nichts anderes als ein Spiegel der Gesellschaft.»

Sich jemandem anvertrauen kann helfen

Was hilft dagegen? Wenn die Jugendlichen sich jemandem anvertrauen können, ist schon viel gewonnen. Wenn ihnen jemand zuhört, Empathie zeigt. Ein Mensch genüge, das könne ein Elternteil sein, der Götti oder die Gotte, eine Lehrperson, sonst jemand. Und hilfreich sei, wenn diese erwachsene Person darauf hinweise, dass sie selber in ihrer Jugend auch Suizidgedanken hegte, dass die Jungen sehen: Sie sind nicht allein mit ihrer Verletzlichkeit. Angst vor der Zukunft, vor dem Leben hatte fast jeder einmal.

Von Medikamenten, die die Jugendlichen ruhigstellen, hält Nicole Züllig nichts. «Das ist blosse Symptombekämpfung», gibt sie zu verstehen. Eine Perspektive für die Zukunft lasse sich mit Ritalin, mit Antidepressiva und ähnlichen Mitteln nicht gewinnen.

Bei den jungen Leuten, die in ihrer Praxis erschienen, ergab sich häufig, dass dem akuten Problem eine traumatische Begebenheit aus früherer Zeit zugrunde lag. Etwa die Erfahrung frühgeborener Kinder, die die ersten Wochen in einer Isolette leben und die Zuwendung der Mutter weitgehend entbehren müssen. «Immerhin: Dank der ärztlichen Kunst und der technischen Hilfsmittel leben sie», meint Züllig. Aber nun gelte es, das Trauma aufzuarbeiten. Ähnlich könnten die Erfahrung sexueller Übergriffe, der Verlust eines geliebten Menschen, die Beobachtung eines Unfalls und anderes mehr zu einem Trauma führen, das mithilfe professioneller Begleitung aufgearbeitet werden könne.

Trauma-Aufarbeitung ist wichtig

Wie läuft das ab? «Ich zeige suizidgefährdeten Jugendlichen, dass es nicht ständig bergab geht, sondern irgendeinmal auch wieder aufwärts, wenn die inneren Turbulenzen reguliert werden können», sagt sie. «Wir können ihnen Werkzeuge mitgeben, wie sie selber aus dem Abwärtstrend hinausfinden.» «Die Erfahrung, dass es gelingt, sich von einem negativen Gefühl zu einem positiven hinzuwenden, ist sehr hilfreich», weiss die Therapeutin, das wandelt das Gefühl der Ohnmacht in eine Erfahrung des Meisterns: «Ich schaffe das.» Die negativen Gefühle sind zwar noch vorhanden, aber nicht mehr alles überwältigend. Besonders günstig sei, wenn ein Klient am Ende sehe, dass eine Erfahrung, die zu einem Trauma geführt hat, für ihn und seine Fortentwicklung sogar Sinn machen kann.

Ganz allgemein rät sie den Erwachsenen, ihre eigenen inneren Konflikte und Blockaden zu verarbeiten, um selber wieder lebendiger und offener für die Anliegen der Jugendlichen zu werden, und vor allem auch mehr als heute zu Anwälten der Kinder zu werden. Das komme allen zugute.

Beispiele aus der Praxis

Aus ihrer Praxis berichtet Nicole Züllig, da sei ein hoch qualifizierter Pädagoge zu ihr gekommen, weil sein 16-jähriger Sohn ganz plötzlich mit dem Konsum von harten Drogen begonnen habe. Er wisse nicht mehr wie weiter. Das Leben des Jungen war vorher völlig normal und wohlbehütet. Der Pädagoge kam zusammen mit seiner Frau in die Praxis; sie ging an Stöcken.

Züllig fragte, was ihr denn widerfahren sei, und erfuhr, dass sie die Diagnose Knochenkrebs gerade zu dem Zeitpunkt erfahren habe, als sie mit dem Bub schwanger war. Ihre Vermutung: dass das Kind schon im Mutterleib etwas von dem Riesenschreck und den gegen den Krebs verabreichten Medikamenten mitbekommen, ein Trauma erlitten hatte. Bevor Züllig mit ihm sprechen konnte, erlitt er aber einen tödlichen Autounfall. «Das beschäftigt mich noch heute», sagt sie. «Wir waren zu spät.»

Besser erging es einem 16-jährigen Mädchen, bildhübsch und blitzintelligent, dessen Mutter entsetzt war, als sie wahrnahm, dass ihr Kind wegen Liebeskummer Selbsttötungsgedanken hegte. Auch hier kam ein Trauma zum Vorschein, nämlich eines, das auf eine schwere Geburt zurückging. Dieses liess sich in ein paar Sitzungen verarbeiten. Die junge Frau gewann ihr Selbstvertrauen und die Kontrolle über ihre Gefühle zurück und schaffte es, mit ihrem wankelmütigen Freund Schluss zu machen. «Sie blühte sichtlich auf», stellt Züllig erfreut fest.

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