Limmattal

Weltkriegsroman: «Sofia» ist ein Denkmal für tapfere Frauen

Erica Brühlmann-Jecklin und Peter Kner.

Erica Brühlmann-Jecklin und Peter Kner.

Der Roman «Sofia» von Erica Brühlmann-Jecklin erzählt von einer mutigen Frau. Sieben Jahre nach der Erstveröffentlichung liegt er als Hörbuch vor – gelesen von Peter Kner.

Es ist das Jahr 1943: Während in Europa der Krieg tobt, sieht sich in einem Bündner Dorf die junge Sofia, zu dem Zeitpunkt Mutter dreier Kinder, zunehmend mit einem Kampf in den heimischen vier Wänden konfrontiert. Eine Zeit des Schämens und Schweigens beginnt – ihr Ehemann Peter hatte als Soldat im Aktivdienst angefangen, zu trinken. Sofia wird sich bewusst, dass Liebe allein nicht zur Vernunft führen wird. Sie muss eine schwere Entscheidung treffen.

Die Szene ist ein dramatischer Wendepunkt im Leben «einer Frau aus dem Prättigau», so der Untertitel des historischen Romans «Sofia», der aus der Feder von Erica Brühlmann-Jecklin stammt. Bereits 2009 erschienen, ist er Teil einer Trilogie, zu der auch «Alice singt – Die Geschichte eines Verdingkindes» und «Rosenkind» gehören. Sie alle eint, dass sie erschütternde Schicksale von Frauen im 20. Jahrhundert schildern. Nach der dritten, mittlerweile vergriffenen Auflage von «Sofia», erschien die Erzählung kürzlich als Hörbuch. Vorgelesen wird sie von Schauspieler Peter Kner, dem breiten Publikum als Stimme aus dem «Kassensturz» vertraut.

Eindrückliches Zeitdokument

Die Geschichte beginnt im Jahr 1898 und endet 1962, spielt im Prättigau und im Zürcher Oberland und spannt sich über drei Generationen. Der Hörer beziehungsweise der Leser verfolgt darin das Leben von Sofia in einer Zeit, in welcher die Rechte und Chancen der Frauen stark eingeschränkt waren. Schlussendlich gelingt es Sofia aber, sich und ihren sieben Kindern trotz ungünstigen Voraussetzungen eine neue Existenz aufzubauen. Der Roman ist vom Leben der Grosseltern der Autorin geprägt; manche Vorkommnisse seien tatsächlich passiert, andere fügte Brühlmann-Jecklin ein.

«Sofia» ist auch ein aufwendig recherchiertes Zeitdokument. «Für die Geschichte war es wichtig, dass das Weltgeschehen, die Geografie und auch das Wetter korrekt sind», so Brühlmann-Jecklin. Und selbst eine im Buch erwähnte Kinovorführung mit Stummfilmstar Mary Pickford gilt auf den Tag genau als verbürgt. Ein Käufer des Buchs schrieb auf Amazon folgerichtig, dass es sich bei «Sofia» um eine «Zeitkapsel der besonderen Art» handle. Der Roman ist aber auch einer Frau gewidmet, die ihrer Zeit voraus war. «Sofia kann als Vorbild dienen», meint Brühlmann-Jecklin. Ihre Romanheldin sei ein Denkmal für viele tapfere Frauen von damals.

Dass ein Mann die Geschichte einer mutigen Frau liest, könnte für Einwände sorgen. «In der Tat habe ich mir diese Frage zu Beginn auch gestellt», so Kner. Da die Geschichte aber nicht aus der Ich-Perspektive erzählt wird, sei sie neutraler. «Ich denke, dass Peter auch eine Art Gegengewicht gibt», ist Brühlmann-Jecklin überzeugt. Sie und Kner leben schon länger in unmittelbarer Nachbarschaft; eine Freundschaft entstand aber erst, als die Schriftstellerin öffentlich über ihre Sehbehinderung berichtete und Kner – erinnert an die Krankengeschichte seiner Mutter – mit Brühlmann-Jecklin Kontakt aufnahm. Beim ersten gemeinsamen Abendessen bat sie den Schauspieler, ob er einige Zeilen aus ihrem Buch vorlesen könnte. Sofort dachte sie: «Wow, habe ich das geschrieben?»

Der gebürtige Österreicher war schon vor «Sofia» mit der literarischen Arbeit von Brühlmann-Jecklin vertraut. Für den Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband vertonte er den Roman «Rosenkind». Eine Geschichte, die ihn sehr bewegte, wie er sagt. Bis heute liest er für den Verband Romane und Texte ein. Allerdings unterscheidet sich diese Arbeit von derjenigen an einem kommerziellen Hörbuch. «Die gelesenen Werke dort werden vom Anfang bis zum Schluss ohne Anpassungen aufgenommen», sagt Kner. Die Tonträger im Handel werden dagegen bisweilen gekürzt und es wird Wert darauf gelegt, dass das geschriebene Wort stimmig rüberkommt.

Fremde, doch vertraute Stimme

Wer nun denkt, Kner würde «Sofia» im Stil einer Nachrichtensendung vortragen, irrt. «Ich versuche immer, den Text zu verstehen und dies auch wiederzugeben.» Als Sprecher, beispielsweise beim «Kassensturz», sei das Vorgehen anders; seine Worte sollten dazu dienen, Dinge aufzuklären – mit dem für ihn bekannten ironischen Flair. Die Stimme kann daher fremd und doch vertraut sein. «Als ein Kollege vom SRF mich in einer literarischen Lesung am Radio hörte, erkannte er mich zuerst nicht», sagt Kner amüsiert.

An die dreitägigen Studioaufnahmen erinnern sich beide gerne. Brühlmann-Jecklin war immer vor Ort, allerdings nicht, um Anweisungen zu geben, sondern, weil sie auch Produzentin des Hörbuchs ist. «Und ich war begeistert davon, Peter zuzuhören. Einzig die Prättigauer-Begriffe musste ich ihm vorsagen», sagt sie. Auch Kner fühlte sich wohl bei ihrer Präsenz. Er habe so von Beginn weg das Gefühl gehabt, die Geschichte auf die richtige Art und Weise vorzutragen.

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