Man hatte die 80er-Jahre gerade hinter sich, es war die Zeit der Wirtschaftskrise, der hohen Arbeitslosigkeit und des Haderns mit der eigenen nationalen Identität. Die offene Drogenszene, die die Stadt Zürich zur Spritzenhauptstadt Europas machte, war da nur ein Problem unter vielen. Aber auch hier, im Limmattal, damals schon hin- und hergerissen zwischen Urbanität und dörflicher Idylle, hier, in den Zimmern der längst nicht mehr ganz so neuen Wohnblöcke im noch jungen Bezirk Dietikon, in den Einfamilienhäusern mit Hanglage, auch hier machte sich bei manchem die Langeweile breit oder die Verzweiflung, die Aussicht auf keine Zukunft, oder keine, auf die man zu warten bereit war.

Auch von diesen jungen Männern und Frauen zog es an lauen Sommerabenden und an kalten Wintertagen einige in die grosse Stadt, auch sie haben in der Hölle, die hinter dem Hauptbahnhof lag, einen Moment der Ruhe und der Glückseligkeit gesucht, oder auch viele. Als die Zürcher Stadtregierung am 14. Februar 1995 dann den Letten räumen liess, drei Jahre, nachdem schon der Platzspitz geschlossen wurde, war in den Nachbargemeinden die Angst vor dem Vakuum, mit dem nach Jahren der offenen Drogenszene in Zürich zu rechnen war, entsprechend gross.

«Die vertriebenen Drogensüchtigen krochen wie Ameisen in die umliegenden Gemeinden», erinnert sich etwa Don Marek fast zwei Jahrzehnte später, als er seine 27 Jahre als Seelsorger der Missione Cattolica Lingua Italia in Dietikon Revue passieren lässt. Denn die Sucht kannte keine Gemeindegrenzen, das war schon zu Zeiten der offenen Szene so. Nicht nur die Drogen, die die Dealer in Zürich in den Fluss warfen, wenn die Polizei eine ihrer Razzien durchführte, flossen die Limmat hinab. Da gab es die Limmattaler Drogensüchtigen, die entweder von sich aus zurückkamen, um den gekauften Stoff zu Hause zu konsumieren, oder jene, die von der Zürcher Polizei in ihre Wohngemeinden zurückchauffiert wurden.

Dann gab es aber auch jene, die in die Gemeinden auswichen, weil ihnen Zürich gerade zu heiss war. Einer von ihnen, nennen wir ihn Urs, war viele Male «auf Kurve» im Limmattal, vor allem in Schlieren. Dort ass er dann in der Suppenküche von Christine Zenklusen, die später zum Mittagstisch Baobab wurde, wenn er in Zürich «wieder einmal zu fest ausgeschrieben» war. «Ich kannte einige, die so ihre Runden drehten.»

Auf die Angst folgten Taten

Dietikon, Schlieren und Urdorf begannen sich schon zu Platzspitzzeiten für das definitive Ende der Zürcher Geduld zu rüsten. «Wir wussten: Irgendwann geht Zürich zu – und was machen wir dann?», erinnert sich Karl Geiger, Präsident der Katholischen Kirchgemeinde Dietikon und damals Sozialvorstand. Man befürchtete, dass die offene Szene sich ins Limmattal verlagere. Eine ganz schwierige Zeit sei das gewesen, «wir wussten schlicht nicht, wie sich die Sache entwickeln wird», so Geiger. Doch die Angst hat auch eine Reihe von Massnahmen hervorgerufen, die rückblickend als erfolgreich bezeichnet werden können.

Die Stadt Zürich war heillos überfordert mit den Drogensüchtigen aus der ganzen Schweiz und aus weiten Teilen Europas. Für den ehemaligen Urdorfer Gemeindepräsidenten Kurt Gutknecht – von 1978 bis 1994 amtete er als Sozialvorstand – war klar: «Für die eigenen Leute hat man als Gemeinde eine Verantwortung.» Als die Zustände unhaltbarer wurden, schloss sich Urdorf mit Schlieren und Dietikon zusammen, um das Problem geschlossen anzugehen. In den übrigen Bezirksgemeinden war das Drogenproblem «weniger manifest», so Geiger.

Die drei Gemeinden hatten unter sich bald ein Auffangnetz vereint, das Angebote wie eine Notschlafstelle, einen Mittagstisch, den Jobbus und betreutes Wohnen umfasste – heute sind diese zusammengeführt im Sozialdienst Limmattal. An diesen Stellen gab es saubere Spritzen, Aidsprävention, Beschäftigung, ein warmes Essen, ein Dach über dem Kopf, gebrauchte Kleider und ein Methadonprogramm. Vieles davon wäre – zumindest zu Beginn – ohne Freiwilligenarbeit nicht möglich gewesen. Bereits seit 1983 trugen die Limmattaler Gemeinden zudem die Stiftung Neuthal, die in Bäretswil noch heute Drogentherapien anbietet. In Urdorf eröffnete Pfarrer Sieber 1993 sein «Ur-Dörfli» – jedoch nicht, ohne Ängste in der Bevölkerung zu wecken. Gutknecht konnte dafür zwar Verständnis aufbringen. Doch die Augen vor dem Drogenelend zu verschliessen, war für ihn keine Option.

Das war damals längst nicht selbstverständlich. Wie Urs sich erinnert, «waren die Junkies, die die Polizei in ihre Wohngemeinden zurückkarrte, meistens schneller wieder in Zürich als die Polizei selbst». Denn viele Gemeinden – Urs sind vor allem Fälle aus den «Platingemeinden» am Schwyzer Ende des Zürichsees bekannt – hätten den Zurückgeschafften umgehend ein Zugbillett und ein Nötli in die Hand gedrückt, in der sich immer wieder bewahrheitenden Hoffnung, sie auf diesem Weg möglichst schnell wieder loszuwerden. «Aus dem Auge, aus dem Sinn – diese Scheinheiligkeit hätte einen fertiggemacht, wäre man nicht zu sehr mit dem Beschaffen von Stoff beschäftigt gewesen», sagt er und lächelt verbittert.

Gutknecht war schnell klar, dass niemandem geholfen war, wenn Urdorf seine jungen Drogensüchtigen einfach nach Zürich abschob. «Es war unsere Aufgabe, ihnen zu helfen. Und wir konnten nicht erwarten, dass sie einfach von einem Tag auf den anderen drogenfrei sind. Wir mussten sie ernst nehmen und ihnen Chancen für den Ausstieg bieten – Chancen, die jedoch mit entsprechenden Regeln verbunden sind.»

Naive Helfer und dreiste Süchtige

Vom «Junkie-Hätscheln», wie er es nennt, hält auch Urs nichts. Genauso wenig wie von blinder Repression. Die Medaille der Hilfsnetzwerke von Pfarrer Sieber und Co. habe aber eben auch eine Kehrseite gehabt: Plötzlich gab es in und um Zürich so viele Angebote für Süchtige, dass gerade das auch neue anzog. «Und die Leute, die den Drogensüchtigen helfen wollten, waren zum Teil auch einfach wahnsinnig naiv: Junkies tanzen dir auf der Nase rum, wenn du keine klaren Regeln durchgibst.»

«Blauäugig» bezeichnet Karl Geiger auch sich selbst, damals, als er sich als junger Sozialvorstand vom ersten Tag an mittendrin im Dietiker Drogenproblem wiederfand. Und dieses war ausgewiesen, betont er: «Wir hatten sämtliche Probleme, die Zürich hatte, einfach nicht auf einem Haufen.» Den Fehler, zu nett zu sein, hat Geiger nur einmal gemacht. Da hat er gedacht, er könne einem Zurückgeschafften ins Gewissen reden. «Jetzt hast du doch eine Chance, dein Leben zu ändern, ergreife sie», hat er ihm gesagt. Zwei Tage später wurde er in Zürich wieder aufgegriffen. «Das war mir eine Lehre.»

Die anderen Extreme – Ignorieren oder Härtestmassnahmen – waren aber auch nicht die Lösung, das war Geiger schnell klar. «Ohne ein gewisses Einfühlungsvermögen hätte man die Arbeit nicht machen können.» Dabei gab es auch in Dietikon die Meinung: Die Drogensüchtigen sind doch selber schuld, wieso sollen wir Geld für die ausgeben? Das sei aber eine Minderheit gewesen; der Stadtrat unter Markus Notter habe die Drogenpolitik immer mitgetragen. «Man muss wissen: Dietikon war damals noch eine rote Stadt», sagt Geiger.

Es war ja auch schwierig, die Augen vor dem Problem zu verschliessen. So sah etwa manch einer, der auf dem Rückweg aus der Stadt Zürich das 13er-Tram in eine Gemeinde rechts der Limmat nahm, die Junkies, wie sie sich im Tram aufwärmten oder sich an der Haltestelle einen Schuss setzten. Auch in Limmattaler Gemeinden gehörten Süchtige zum Ortsbild. «Die Bevölkerung hat davon schon etwas mitbekommen, nicht nur aus den Medien. Es ist auch immer mal wieder jemand irgendwo gelegen, dem man sofort ansah, woher er kommt», so Geiger.

Auch Rudolf Lanz, seit 35 Jahren bei der Schlieremer Stadtpolizei, erinnert sich an solche Szenen. «Die Situation in Schlieren hat natürlich niemals Zürcher Ausmasse angenommen», sagt er. Doch auch in Schlieren wurde auf öffentlichem Grund konsumiert, wenn auch selten. Lanz erinnert sich, dass im Stadtpark, den öffentlichen WC-Anlagen, auf dem Friedhof, den Pausenplätzen, dem Bahnhofsareal und in den S-Bahnen immer wieder mal Spritzen auftauchten. Er und seine Kollegen wurden von städtischen Unterhaltsangestellten oder Einwohnern ab und zu mal zum Einsammeln gerufen.

Auch zu Angehörigen musste Lanz ausrücken. Wenn in Zürich einer an einer Überdosis gestorben war, war es Aufgabe der kommunalen Polizeien, die Hiobsbotschaft zu überbringen. Schwer belastet habe ihn das nicht, sagt Lanz. «Das war ein anderes Gefühl, als wenn man etwa jemanden benachrichtigen musste, dass ein Angehöriger vom Zug überfahren wurde — was dann eine andere Tragik hatte.» Zudem habe man die Leute, die an der Nadel hingen, gekannt und damit gerechnet, dass ihnen eines Tages etwas zustossen könnte. «Wir haben ja gesehen, dass es ihnen immer schlechter ging.»

«Nicht ein Junkie weniger»

Als der Letten dann geräumt wurde, setzten die Polizeien im Limmattal zuerst auf Repression. Sie verstärkten die Patrouillen, um die Bildung einer offenen Szene zu verhindern. Zusammen mit dem gemeindeübergreifenden Auffangnetz zeigte das Erfolg – aber nur, was die offene Szene betrifft, betont Geiger, «das Drogenproblem selbst blieb natürlich bestehen und fand fortan einfach versteckt statt». Dieses Schicksal teilte man mit der Stadt Zürich. Urs sagt: «Nach der Lettenschliessung gab es nicht einen Junkie weniger in der Stadt. Sie waren einfach nicht mehr alle am selben Ort konzentriert.»

Kurt Gutknecht ist heute noch überzeugt, dass die gemeinsame Anpack-Strategie die einzig richtige war. Die Arbeit sei zwar belastend gewesen; er hat einige tragische Schicksale von nahem miterlebt. «Doch letztlich war es eine Arbeit, die auch erfreuliche Resultate zeigte: Es kamen auch immer wieder Leute weg von den Drogen.» Karl Geiger sagt: «Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Kanton die Gemeinden völlig sich selbst überlassen hatte, haben wir damals unser Bestes getan.» Nicht vergessen dürfe man zudem: «Aus der damaligen Not heraus sind Institutionen geboren, die heute noch wertvoll sind.»