Apiyo, Yvonne, Rosetta, Akoth, Nyarogoma: Das sind die Vornamen der aus Kenia stammenden Weiningerin. Sie habe entschieden, sich hier in der Schweiz bloss Yvonne zu nennen, weil das für die Leute einfacher ist, sagt sie, während ihre Afro-Locken - in mehrere Brauntöne gefärbt - mit ihren Kopfbewegungen mitwippen.

Sie schwimmt zurzeit auf einer Erfolgswelle: Denn Yvonne Brändle-Amolo gewann Ende März den mit 7 000 Euro dotierten venezianischen Kunstpreis «Art Laguna» in der Sparte Video Art.

Im dreiminütigen Kurzfilm «Not Swiss Made» arbeitete die 34-Jährige ihre Erfahrungen als schwarze Frau in der Schweiz auf und tourt seither mit dem Werk durch Europas Kurzfilm-Festival-Szene.

Alles begann vielversprechend

Ihre Beziehung zu der Schweiz begann sehr vielversprechend. Mit Anfang zwanzig arbeitete Brändle-Amolo in einem 5-Sterne-Hotel in Kenia. Sie war für die Betreuung der Gäste zuständig, mit ihren dunklen Augen blickt sie während des Erzählens in die Ferne. Die Klientel habe auch aus Flugpersonal der Swissair bestanden, fährt sie fort. So lernte sie ihren künftigen Mann kennen.

Eines führte zum anderen und was als einmonatiger Besuch im st.-gallischen Gossau geplant war, führte zu einer Liebeshochzeit.

Die Assimilation in die Schweizer Kultur verlief erst harzig, wenngleich Brändle-Amolo von Beginn weg ein Fan davon war. Ein kenianisches Sprichwort bringe ihr damaliges Problem auf den Punkt: «Wenn du willst, dass dich jemand hört, dann musst du in seiner Sprache sprechen.» Ihr Deutsch war damals jedoch noch eher kümmerlich. «Daher versuchte ich, über Musik in der Schweiz Anschluss zu finden», sagt sie und schildert, wie sie sich auf Google nach folkloristischen Musikgruppen in der Ostschweiz erkundigte.

Die Suchmaschine verwies sie auf den Appenzeller Jodler Josef Rempfler, ihren künftigen Lehrer. Umgeben von folkloristischem Gesang fühlte sie sich pudelwohl: «Ich merkte, dass die Schweizer beim Jodeln locker sein können. Sie tragen bunte Farben und trinken mal eins über den Durst. Die Appenzeller Jodler haben mir auf eine gewisse Weise das Leben gerettet, weil sie meine neuen Freunde waren.»

Trotz subtiler Anfeindungen - «Orte, an denen ich schlechte Erfahrungen machte, mied ich einfach» - begann sie sich wohlzufühlen. Schliesslich wurde sie Schweizerin, erhielt den Pass.

Scheidung von Mann und Schweiz?

Die Liebe zwischen Brändle-Amolo und ihrem Mann erlosch im Jahr 2009. Doch auch die Liebe zu ihrer neuen Heimat wurde danach auf die Probe gestellt. «Nachdem mein Ex-Mann die Scheidung eingereicht hatte, wollte das Bundesamt für Migration die erleichterte Einbürgerung annullieren», erklärt sie und kneift ihre Augen zusammen.

Dass dies eine schwierige Zeit für sie war, steht Brändle-Amolo nun ins Gesicht geschrieben. Der Grund für den drohenden Entzug des Passes und somit der Aufenthaltsbewilligung: Ihre Ehe mit dem Schweizer hatte bis zur Scheidung neun Jahre gedauert. Damit erleichtert Eingebürgerte den Schweizer Pass nach einer Scheidung behalten können, müssen sie mindestens zehn Jahre verheiratet sein, erklärt sie mit traurigen Augen. Teils intime Abklärungen und Befragungen der Behörden folgten.

Die Aussicht darauf, den Pass ihrer neuen Heimat zu verlieren, erschütterte sie, wie sie sagt, in ihren Grundfesten. Brändle-Amolo nahm sich einen Anwalt und konnte den Behörden nach einigen strapaziösen Monaten verständlich machen, dass sie inzwischen - auch durch ihre Jodlerfreunde - zur waschechten Schweizerin geworden war.

Weg in Filmform ausgedrückt

Als sie kurze Zeit später auf das Plakat eines Videofestivals in der Roten Fabrik zum Thema «Interkulturelles Leben» in Zürich stiess, wusste sie, wie sie ihre Erfahrungen am besten ausdrücken würde - sie würde einen Film machen. Erst kurz davor hatte sie an der Schweizer Journalistenschule MAZ in Luzern einige Kurse in Kameratechnik und Moderation belegt. Die Kameramiete kostete sie 35 Franken, was die gesamten Ausgaben für den Film blieben.

Das Werk ist simpel gehalten. Eine lachende Brändle-Amolo steht vor dem Plakat eines im Sonnenschein glänzenden Matterhorns. Ein frenetisches Lachen transformiert sich in einen kenianischen Singsang, ein Kinderlied. Unmerklich wechselt der Gesang zu schweizerdeutschem Jodel. «Ich wollte meine Geschichte erzählen, mich dafür aber nicht nur der Sprache bedienen. Daher entschied ich mich für Gesang und Jodel», so Brändle-Amolo. Nach und nach wird die Stimmung düsterer, bis die Künstlerin in Tränen ausbricht, währenddessen malt sie sich ein Schweizerkreuz auf die Wange. Den Zuschauer bedrücken diese Szenen.

Umgang mit Ausländern ist aktuell

Ihr Werk entschied den Wettbewerb in der Roten Fabrik für sich, wurde anschliessend auch an bislang 27 anderen Festivals gezeigt. An diejenigen in Hamburg, Amsterdam Brüssel, San Diego und Venedig wurde sie sogar eingeflogen. «Die Resonanz, auf die mein Film gestossen ist, hat mich wirklich überrascht.» Wie erklärt Brändle-Amolo dieses rege Interesse an ihrem Schaffen? «Die Kontroverse um Oprah Winfreys Täschli-Gate in Zürich hat dem Film sicherlich unverhofft Publicity verschafft», sagt sie.

Der Umgang der Schweizer Gesellschaft mit Schwarzen - oder generell mit Ausländern - sei plötzlich brandaktuell und in aller Munde gewesen. Mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative habe sich der ausländerfeindliche Ruf der Schweiz im Ausland weiter gefestigt. Auch wenn im gesellschaftlichen Leben direkte Anfeindungen eher selten seien, mit Blicken oder Untertönen zeige sich jedoch eine gewisse Abwehrhaltung, so Brändle-Amolo.

Seit 2009 wohnt sie in Weiningen. Sie habe von der ländlichen Ostschweiz in die städtische Zürcher Agglomeration ziehen wollen, sagt sie. Das Kosmopolitische an Zürich habe sie angezogen. Hier fühle sie sich auch wohl, habe gute Leute kennen gelernt und sei heute zu Hause. Auch wenn Weiningen ländlicher ist, als sie es sich erst vorgestellt habe. Einer regionalen Folkmusikgruppe ist sie noch nicht beigetreten: «Es würde mich aber schon reizen, bei einer Limmattaler Formation mitzujodeln», sagt sie lachend. Offenbar tat die strapaziöse Zeit mit den Schweizer Behörden ihrer Liebe zur hiesigen Volksmusik keinen Abbruch.