Herr Lim, als Sie 2009 mit Ihrer Rockband Redwood als Vorband von AC/DC im Hallenstadion auftraten, schwoll vor Nervosität Ihr Auge an. Wie geht es Ihrem Auge heute vor Auftritten?

Mark Lim: Nach mehreren hundert Konzerten hat die Nervosität nachgelassen. Meist verspüre ich eine freudige Erregung und Begeisterung, bevor es losgeht. Aber als wir für das Cover unseres neuen Albums «Fat Chance! Two Decades Of Redwood» Bilder von Auftritten der jüngeren Zeit gesammelt haben, mussten meine Band und ich feststellen, dass wir auch heute noch körperliche Anzeichen von Stress zeigen, bevor wir auf der Bühne stehen. Mein Auge schwillt jedoch nicht mehr an.

Wann kam in Ihrer 20-jährigen Karriere der Moment, in dem Sie wussten, dass Sie das Richtige tun?

Eines der prägendsten Erlebnisse fand im März 1999 statt. Wir hätten im Zürcher Club Abart als Vorband von Creed spielen sollen. Sie sagten aber kurz vor ihrem Auftritt ab. Die Organisatoren baten uns, für jene Gäste zu spielen, die trotz der Absage gekommen waren. Im Normalfall wird man als Barband oft aufgefordert, auch Cover-Stücke zu spielen. Hier war das nicht der Fall. Damals spielten wir erstmals nur eigene Songs vor einem «eigenen» Publikum. Das war ein Moment auf der Bühne, der uns alle glücklich gemacht hat.

Der grösste Tiefschlag von Redwod?

Als uns 2009 unsere Leadsängerin Lesley Meguid verliess, dachten wir einen Moment lang sogar daran, uns aufzulösen. Aber dann probten wir für unseren letzten Auftritt mit ihr und merkten, dass es schade wäre, unsere Songs nie wieder vor Publikum zu spielen. Deshalb entschieden wir uns, weiterzumachen.

Ihre Band schaffte stets den Spagat zwischen alternativem Rock und poppigen Hits. Sie verweigerten sich dem Mainstream standhaft. Warum?

Es ist nicht so, dass wir etwas gegen Mainstream-Musik hätten. Die Beatles waren grossartig und auch Bruno Mars gefällt mit bisweilen. Uns stellt sich die Frage nach dieser Einordnung nicht.

Wie meinen Sie das?

Es geht uns nur darum, ob ein Song gut ist. Wir schreiben beispielsweise keine Songs mit poppigen Harmonien und versperren diese anschliessend mit harten Gitarrenpartituren, nur damit sie nicht mainstreamtauglich sind.

Es liesse sich als Musiker mehr Geld verdienen, wenn man seine Musik mehr nach dem Geschmack der Masse ausrichten würde.

Sicher, aber das wäre unehrlich. Wir haben ein, zwei Mal sogar versucht, bewusst poppige Stücke zu schreiben, und sind dabei kläglich gescheitert. Ein Song entwickelt sich beim Schreiben selbst. Man kann nichts erzwingen. Unser Verständnis von guter Musik bringt aber mit sich, dass wir neben unserer Berufung auch einer anderen Arbeit nachgehen müssen, um unser Leben finanzieren zu können.

Was Sie an der Oberstufe in Weiningen als Musiklehrer tun. Wie ist es, sich die Nächte als Rockstar um die Ohren zu schlagen und am nächsten Tag den Schülern wieder Vorbild zu sein?

Für mich ist das kein Problem. Ich würde mich nie als Rockstar bezeichnen, aber wenn ich einer wäre, so wäre ich wohl der langweiligste Rockstar der Welt. Ich feiere nicht gerne Partys und trinke keinen Alkohol. Wenn wir nach unseren Konzerten die Bühne abgebaut haben, gehe ich meist nach Hause und schaue fern.

Augenringe sieht man bei Ihnen im Schulzimmer also nie?

Doch, sicher. Der schwierigste Teil meines Musiker- und Lehrerdaseins besteht darin, nach Konzerten morgens um sechs Uhr aufzustehen und mich unter die Dusche zu quälen.

Spielen Sie im Musikunterricht auch Ihre eigenen Songs?

Nein, nie.

Warum?

Klaus Maria Brandauer sagte im Film «Jenseits von Afrika» 1985 zu einer Frau, er müsse eine Jungfrau heiraten, da er mit der Kritik nicht umgehen könne. Ich halte es mit meiner Musik ähnlich. Ich will möglichst wenig Angriffsfläche für Kritik bieten. Wenn Schülerinnen und Schüler sich meine Songs auf Youtube ansehen, freut mich das natürlich. Aber meine Stücke vorspielen und mich ihrer Kritik aussetzen, das möchte ich nicht.

Die Meinung Ihrer Schüler ist Ihnen derart wichtig?

Klar. Deren Meinung ist genauso gut oder wichtig wie die eines Musikkritikers. Musikgeschmack ist etwas sehr Individuelles und lässt sich nicht messen.

Zurück zur Frage von vorhin. Was singen Sie mit Ihren Klassen?

Ich bearbeite mit den Schülern Stücke aller Richtungen, solange ich sie gut finde. Darunter sind beispielsweise Songs von Rihanna, Nirvana oder Eminem. Was nie fehlen darf, sind die Beatles. Sie nicht zu kennen, ist wie Milch nicht zu kennen. Wichtig ist, dass meine Schüler einen Bezug zur Musik haben, die sie singen. Sie muss ihnen gefallen.

Sie sind nun seit 20 Jahren ein fester Bestandteil der Schweizer Rockszene. Gehört man da nicht langsam zum alten Eisen?

Doch, das kann man so sagen. Und darauf sind wir auch stolz. Wir haben viele Bands gesehen, die steil aufgestiegen und nach kurzer Zeit wieder von der Bildfläche verschwunden sind. Wir waren zwar nie «Hallenstadionfutter», aber wir stehen seit 1993 auf der Bühne und sind mit unserem Erfolg zufrieden. Wir gehören zum alten Eisen, aber das Eisen rollt noch immer.

Wann kommt der Zeitpunkt, an dem Sie die Gitarre an den Nagel hängen?

Wenn ich einen Zettel an der Zehe trage und tot bin. Was soll ich sonst tun? Die drei grossen Männerthemen Fussball, Autos und Bier bedeuten mir nichts. Und wenn man ein Leben führen kann, das einem ermöglicht, mit Musik Geld zu verdienen, so ist das ein Privileg.

Sie haben mit Redwood soeben ein Best-of-Album auf den Markt gebracht. Wollen Sie damit auf die internationale Bühne treten?

Wir wären selbstverständlich glücklich, wenn sich Möglichkeiten ausserhalb der Schweiz eröffnen würden. Aber darum ging es uns bei diesem Album nicht. Vielmehr wollten wir, dass wir dem Publikum eine Platte liefern können, auf der die besten Redwood-Songs der letzten 20 Jahre zusammengestellt sind. Viele verbinden unsere Hits nicht mit unserem Namen, weil sie innerhalb eines derart langen Zeitraums entstanden sind.