Stadtentwicklung
Weil der politische Support fehle: Die Halter AG zieht sich aus Schlieren zurück

Auf politischer Ebene fehle der Wille, weitere Überbauungen aufzugleisen, sagt die Investorin. Der Stadtrat streitet dies ab.

Florian Niedermann
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Die Eventhalle im Schlieremer Stadtzentrum hatte politisch keine Chance. Die Halter AG zeigte sich davon enttäuscht.

Die Eventhalle im Schlieremer Stadtzentrum hatte politisch keine Chance. Die Halter AG zeigte sich davon enttäuscht.

Zur Verfügung gestellt

Seit 2003 hat die Immobilienentwicklerin Halter AG das Gesicht der Stadt Schlieren massgeblich neu geprägt: Neben der Wohn- und Geschäftsüberbauung am Rietpark mit rund 600 Wohnungen zeichnet sie auch für die Überbauung Parkside im Zentrum verantwortlich. Nun zieht sie sich aus der Stadt zurück. Der Grund: Die jüngsten Bauprojekte, die die Entwicklerin in Schlieren ins Auge fasste, drohen zu scheitern.

«Wenn die Politik das Wachstum der Stadt verdaut haben wird, bieten wir gerne wieder Hand.» Gianfranco Basso, Projektentwickler Halter AG.

«Wenn die Politik das Wachstum der Stadt verdaut haben wird, bieten wir gerne wieder Hand.» Gianfranco Basso, Projektentwickler Halter AG.

Limmattaler Zeitung

Eigentlich plante Halter zwei weitere Siedlungen mit Gemischtnutzung in der Meuchwis gegenüber dem Grossmarkt Bauhaus und am neu entstandenen Goldschlägiplatz. Doch auf politischer Ebene fehlten zuletzt der Wille, diese Pläne umzusetzen, wie Gianfranco Basso, Projektentwickler bei Halter, sagt: «Die Stadt scheint derzeit satt zu sein, was ihre bauliche Entwicklung angeht.» Er kann zwar verstehen, wenn die Bevölkerung wegen der starken Bautätigkeit der letzten Jahre des Wachstums überdrüssig ist. Doch sei es ein Fehler, wenn sich die Stadtregierung nun zurücklehne, findet Basso: «Der Zuzügerstrom nach Schlieren hält an. Ich glaube deshalb, dass bald ein Umdenken stattfinden wird.»

Zügeltermin im Parkside Schlieren: So sehen die Wohnungen aus
5 Bilder
Wohn- und Esszimmer in der 2,5-Zimmer-Wohnung
Bad in der 2,5-Zimmer-Wohnung
Innenhof Parkside
Schlafzimmer in der 2,5-Zimmer-Wohnung

Zügeltermin im Parkside Schlieren: So sehen die Wohnungen aus

Limmattaler Zeitung

Weil es für die Halter AG «in Schlieren derzeit nichts mehr zu tun gibt», will sie laut dem Projektentwickler den Fokus nun auf andere Entwicklungsgebiete legen, «die noch hungrig sind». Ausserhalb des Limmattals sind dies etwa das Glattal oder die Regionen Bern, Basel und Luzern.

Der Schlieremer Bauvorstand Markus Bärtschiger sagt auf Anfrage, er sei von den Rückzugsplänen der Halter AG erstaunt. Er versichert, dass es der Stadt nicht am Willen fehle, weitere Wohnbauprojekte zu realisieren. Der Grund für das Scheitern der Halter’schen Vorhaben liegt laut Bärtschiger vielmehr in einem Gesinnungswandel bei der kantonalen Baudirektion: «In der Meuchwis wie auch am Goldschlägiplatz würde der Kanton heute Wohnbauprojekte kaum bewilligen, weil diese Areale als Industriezonen klassiert sind.»

Ein Umdenken hat stattgefunden

Tatsächlich fand in den letzten Jahren beim Kanton ein Umdenken statt: Noch Mitte der Nullerjahre konnten Gemeinden Industriezonen mit Wohnsiedlungen bebauen lassen, wenn sie die Investoren verpflichteten, einen privaten Gestaltungsplan für diese Gebiete zu erstellen. Bewilligten die Gemeindebehörden und der Kanton diese Planungsinstrumente, so waren Wohnbauprojekte möglich, ohne dass dazu eine langwierige Revision der kommunalen Bau und Zonenordnung (BZO) nötig wurde. Weil Industrie- und Gewerbezonen im Kanton Zürich immer knapper werden, behandelt die Baudirektion Umnutzungen seit einigen Jahren aber restriktiver. Private Gestaltungspläne für Industrieareale werden kaum mehr bewilligt.

Doch Basso von der Halter AG will Bärtschigers Argument, dass dieser Gesinnungswandel die Bauprojekte der Halter AG zum Scheitern brachte, nicht gelten lassen: Die kantonale Baudirektion habe klar signalisiert, dass sie für Umnutzungen von Industriezonen weiterhin offen sei. Allerdings nur, wenn die Gemeinden ihre BZO überarbeiten und damit zeigen würden, dass ihr Bedürfnis nach zusätzlichem Wohnraum den Bedarf an Arbeitsplatzgebieten überwiegt.

Die Halter AG war laut Basso bereit, «die Kröte zu schlucken», das heisst, die Revision der Schlieremer BZO abzuwarten. Denn gegenwärtig ist der Stadtrat daran, ein neues Stadtentwicklungskonzept zu erstellen und anschliessend die Bauordnung zu revidieren. Halter habe in diesem Zusammenhang frühzeitig aufgezeigt, wo Entwicklungspotenziale liegen, sagt Basso: «Doch bis heute gab die Stadt noch keine Signale, wie sie mit diesen Entwicklungsgebieten umgehen wird.»

«Schlieren, eine Erfolgsgeschichte»

Bärtschiger glaubt nicht, dass der Kanton für Umzonungen von Industriegebieten offen wäre, auch wenn diese über eine BZO-Revision vollzogen würden: «Klar könnten wir versuchen, den Nachweis zu erbringen, dass wir diese Arbeitsplatzgebiete nicht mehr brauchen. Aber auch dann wären langwierige Diskussionen mit der Baudirektion vorprogrammiert», sagt er.

Dass sich der Stadtrat bei der Schaffung neuer Wohnzonen zurückhält, dürfte nicht nur dem Umdenken des Kantons, sondern auch einem Stimmungsumschwung der Schlieremer Bevölkerung geschuldet sein: Im Zusammenhang mit der geplanten Limmattalbahn oder bei den Debatten um das gescheiterte Zentrumsprojekt der Halter AG wurden vermehrt Stimmen laut, die einer Verdichtung und Urbanisierung der Stadt ablehnend gegenüberstehen. Gleichzeitig entwickelt sich Schlieren auch ohne das Zutun der Halter AG noch immer stark – so etwa auf dem Areal der Firma Geistlich im Rietpark oder auch in Schlieren Südwest. «Der Wind droht zu drehen», sagt Bärtschiger. Das Parlament beurteile das Wachstum der Stadt heute kritischer als noch vor zehn Jahren.

Basso erinnert daran, dass Grossüberbauungen wie der Rietpark der Stadt zum Aufschwung verholfen hätten. «Unsere Pionierprojekte haben viele andere Investoren angezogen», sagt er. Leider habe die Stadt dieses Argument auf politischer Ebene kaum betont. «Damit liesse sich der aufkommenden Skepsis der Bevölkerung sinnvoll begegnen», ist er sich sicher. Trotz der gegenwärtigen Hindernisse ist die Halter AG auch in Zukunft bereit, weitere Gebiete in Schlieren zu entwickeln, wie Basso sagt: «Für uns ist Schlieren eine Erfolgsgeschichte. Wenn Bevölkerung und Politik das Wachstum der Stadt verdaut haben werden, bieten wir gerne wieder Hand.»