Limmattal
Weihnachtszauber aus der Vergangenheit: Als Orangen noch etwas Besonderes waren

Fünf über 80-jährige Limmattaler erzählen von ihren Weihnachtserinnerungen und Erlebnissen aus der Kindheit.

Ly Vuong
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Jean-Claude Vuilleumier mit Zwillingsbruder und Eltern

Jean-Claude Vuilleumier mit Zwillingsbruder und Eltern

ZVG

Die Armbanduhr verriet den Weihnachtsmann

Jean-Claude Vuilleumier, 81, Alterszentrum Am Bach in Birmensdorf

Jean-Claude Vuilleumier

Jean-Claude Vuilleumier

Ly Vuong

Man konnte direkt vom Fenster des ersten Stocks in den Schnee treten», erinnert sich Jean-Claude Vuilleumier. Der 81-Jährige lebt heute im Alterszentrum Am Bach in Birmensdorf. Vom Ledersessel aus schildert er die weihnächtlichen Geschehnisse von 1943. Nach einer vierstündigen Zugreise von Zürich nach La Chaux-de-Fonds mit den Eltern und dem Zwillingsbruder begann für die Familie Weihnachten mit den Grosseltern.

Noch ein Jahr zuvor hatte der siebenjährige Vuilleumier dem «Père Noël» einen Brief geschrieben, der Jahre später beim Pfarrer auftauchen sollte. Im Brief beteuerte der Bub, dass er lieb und gehorsam sein und weniger mit dem Bruder streiten wolle. Denn der Père Noël wusste alles, auch von der schlechten Note im Betragen in der Schule.

Doch in jenem Jahr sollte sich das Geheimnis um den Weihnachtsmann lüften. Als dieser dem Buben das Geschenk überreichen wollte, rutschte seine mit Radium-Leuchtziffern versehene Armbanduhr aus dem Ärmel seines Weihnachtsmann-Kostüms. «Sofort erkannten mein Bruder und ich Onkel Jean», sagt Vuilleumier. Der Bruder der Mutter war nämlich ihr Lieblingsonkel und arbeitete in einer Uhrenfabrik, in der Radium-Leuchtziffern hergestellt wurden.

Vuilleumier wurde mit der Erfahrung von diesen Weihnachten ein Stück erwachsener. Am nächsten Tag brach er sich das Bein beim Skifahren und musste das Bett hüten. «Onkel Jean erzählte mir während dieser Zeit viele Märchen und Geschichten», erinnert er sich. Ein paar Jahre später starb Jean an Krebs, an den Folgen seiner Fabrikarbeit, wo er die bei der Radiumverarbeitung entstehenden Säuredämpfe eingeatmet hatte.

Trotz Krieg erzählte die Mutter vom Engel, der durchs Fenster ging

Hanni Lampert, 88, Alterszentrum Am Bach in Birmensdorf

Hanni Lampert

Hanni Lampert

Ly Vuong

Während des Zweiten Weltkriegs musste man im st.-gallischen Rebstein abends dunkle Vorhänge ziehen, damit das Dorf für die vorbeifliegenden Bomber nicht sichtbar war. «Als Kind hatte ich keine Angst, doch spürte ich die bedrückte Stimmung der Erwachsenen», erinnert sich Hanni Lampert. Die 88-Jährige lebt im Altersheim Am Bach in Birmensdorf und blickt auf Weihnachten in ihrer Kindheit zurück.

Trotz des Kriegs hätten ihre Eltern sich Mühe gegeben, den Weihnachtszauber zu erhalten. «Sie schmückten den Baum im Wohnzimmer und wir Kinder warteten im Esszimmer. Sobald alles bereit war, rief uns die Mutter. Wenn wir ins Wohnzimmer kamen, schloss sie noch schnell das Fenster», erzählt Lampert. Der Engel sei gerade durchs Fenster gegangen, nachdem er die Geschenke gebracht hatte, hätte die Mutter dann behauptet.

Als Kind habe sie sich am meisten auf die Geschenke gefreut. Was sie jeweils bekam, weiss sie heute nicht mehr. Nur an das Geschenk im Jahr 1943 kann sie sich erinnern. «Ich erhielt von meinen Eltern Skis, die damals noch nicht gewachst waren», sagt Lampert. Auch dass Gotte und Götti ihr Jahr für Jahr versilbertes Besteck schenkten, bis sie sechs Paar hatte, weiss Lampert noch.

«Kunststoffbäume und elektrische Kerzen sind einfach nicht dasselbe wie ein richtiger Baum mit echten Kerzen», findet die Rentnerin. Vor 60 Jahren musste ihr Ehemann sogar einmal
einen brennenden Weihnachtsbaum aus dem Wohnzimmer werfen. Der Freude an Tannenbäumen und Kerzen tat dieser Zwischenfall jedoch keinen Abbruch.

Die Kinder klebten am Schaufenster: Adventskalender waren Luxus

Lina Landert, 87, Alterszentrum Ruggacker Dietikon

Lina Landert

Lina Landert

Ly Vuong

Es war das erste Jahr des Zweiten Weltkriegs. Die damals 10-jährige Lina Landert hatte zwar Angst vor dem Krieg. Doch man liess sich die Weihnachtsstimmung in Dietikon nicht verderben. «Nach der Schule gingen wir Kinder alle zum Schaufenster der Papeterie Oeschger. Dort waren die Adventskalender ausgestellt», erzählt die 87-jährige Dietikerin, die ihr Zimmer im Alterszentrum Ruggacker für den Besuch etwas herrichtet.

Adventskalender waren in jener Zeit Luxusgüter, von denen sie nur träumen konnte. Ihr Vater arbeitete während der Kriegsjahre beim Grimsel-Stauwehr und beim Simplonpass. Die Mutter liess sich einiges einfallen, damit der Weihnachtszauber für alle möglichst lange währte. Die selbst angepflanzten Maiskolben liess die Mutter bei der Spreitenbacher Mühle zu Maismehl verarbeiten. An Weihnachten gab es zum Dessert Kakaokuchen, der zum Teil mit Maismehl gestreckt wurde.

«Ich glaubte sehr lange noch ans Christkind», erinnert sich Landert. Wenn die Mutter mit dem Glöckchen läutete, durften ihr älterer Bruder und sie den Weihnachtsbaum samt Geschenke bestaunen gehen. «Immer verpassten wir das Christkind, das eben gerade durch die Balkontüre verschwunden war», sagt sie und man hat das Gefühl, sie ärgere sich noch heute, wenn sie zurückdenkt.

Weil ihre Eltern Bekannten in Not Unterschlupf boten, bekam Landert einmal zu Weihnachten ein besonderes Geschenk. Der Freund ihres Vaters schenkte ihnen zum Dank fürs Obdach kleine Holzmöbel für ihre Puppen. Jahre später schreinerte ihr älterer Bruder im Werkunterricht gar ein Zimmer für diese blau-weissen Holzmöbel.

Der Vater kaufte einen Schallplattenspieler für die ganze Familie

Felix Thoma, 99, Alterszentrum Ruggacker Dietikon

Felix Thoma

Felix Thoma

Ly Vuong

Vor 91 Jahren ass Felix Thoma zum ersten Mal eine Orange. «Mein Vater war Mühlenbauer und musste in Spanien arbeiten. An Weihnachten kam er zurück nach Wil mit Orangen für Frau und Kind», erzählt der 99-Jährige, der heute im Dietiker Alterszentrum Ruggacker lebt und sich an seine Kindheit zurückerinnert. Als Weihnachtsdessert bereitete die Mutter Birnenweggen zu. An die Hauptmahlzeit kann sich Thoma nicht mehr erinnern.

Felix Thoma (ganz rechts) mit Mutter und den Schwestern Rosa und Margrit

Felix Thoma (ganz rechts) mit Mutter und den Schwestern Rosa und Margrit

ZVG

Als der Vater Arbeit bei der Mühle in Wolhusen fand, zog die ganze Familie dorthin. «Mit dem besseren Lohn kaufte uns der Vater an Weihnachten 1928 einen Schallplattenspieler und zwei Schallplatten», blickt Thoma zurück. Mit den beiden jüngeren Schwestern und den Eltern sang er die zwei deutschen Volkslieder der Schallplatten: «Des Schäfers Sonntagslied» und «Horch die alten Eichen rauschen». Es waren zwei Stücke, die Thoma und seine Schwestern aus der Schule kannten, weil damals mit Schulbüchern aus Deutschland gelehrt wurde.

Im Alter von 14 Jahren begann Thoma den Beruf des Müllers zu lernen, wie es sein Vater wollte. Pro Tag bekam er einen Franken. Mit dem verdienten Geld konnte er seiner Mutter und den Geschwistern Äpfel und Mandarinen zu Weihnachten kaufen. Dem Vater schenkte er eine Zigarre. Riesenkaninchen züchtete er auch. Die schönen Tiere verkaufte er weiter und an Weihnachten diente ein weniger schönes Exemplar als Festschmaus. Heute möchte er Weihnachten mit möglichst wenig Aufwand feiern, sagt Thoma. Dieses Jahr hat er, der in den 1970er-Jahren einen BMW-Motorradklub gründete, bereits 40 Weihnachtskarten verfasst und versendet.

Statt Weihnachtsliedern sangen sie aargauische Volkslieder

Willy Fäs, 88, Alterszentrum Ruggacker Dietikon

Willy Fäs

Willy Fäs

Ly Vuong

In den 1930er-Jahren verlor der Vater aufgrund der Krise seine Arbeit, erinnert sich Willy Fäs. Der gebürtige Dietiker holt weit aus, wenn er von Weihnachten in seiner Kindheit berichtet. Seine Stimme erfüllt die ganze Wohnung, die er mit seiner Frau Nelly im Dietiker Alterszentrum Ruggacker teilt.

«Meine älteren Brüder waren Lausbuben und spuckten einer Nachbarin auf den Kopf. Wir mussten umziehen», erzählt der 88-Jährige. Der Vater kaufte deshalb ein Haus in Schlieren. Um die Zinsen zahlen zu können, musste die Familie den Gürtel noch enger schnallen, als er schon war. Trotzdem gab es an Weihnachten immer ein Tannenbäumlein. «Dieses kam vom Onkel mütterlicherseits, der Bettler und Knecht war», erinnert sich Fäs.

Nahten die Festtage, liess der Onkel jeweils einen Baum aus dem Wald mitgehen und brachte ihn seiner Schwester.
Der Vater schlachtete fürs Weihnachtsessen eines seiner 200 Zuchtkaninchen. Die Mutter las an Heiligabend Abenteuer- und Liebesgeschichten vor, während es sich die fünf Kinder auf dem Boden nahe des Ofens bequem machten. «Wir sind nicht religiös», sagt Fäs. Aus diesem Grund sang die Familie statt Weihnachtsliedern gemeinsam aargauische Volkslieder.

Da seine Gotte und sein Götti eher reich waren, schenkten sie ihm an Weihnachten immer 15 Franken, was etwa ein Drittel des Monatslohns gewesen sei. «Damit konnte meine Mutter im neuen Jahr ein Paar neue Schuhe und ein neues Hemd für mich kaufen», sagt er. Von seiner Mutter bekam er an Weihnachten meistens selbst gestrickte Socken oder andere notwendige und nützliche Sachen
geschenkt.