«Ich bin ein Landmeitli», sagt Bertha Schenker beim Öffnen der Tür und lächelt verschmitzt. Man könnte leicht vergessen, dass sie eine 82-jährige Frau im Altersheim ist. Die Seniorin führt einen direkt nach draussen, auf den Balkon, und zeigt dort auf einen grossen Baum im Innenhof, im Schatten des Limmattowers, dem Wahrzeichen des Dietiker Limmatfelds: «Wegen ihm wollte ich diese Wohnung unbedingt haben.» Seine Äste wachsen so nah ans Geländer, dass sich die Seniorin nur leicht zu strecken braucht, um sie zu berühren. «Das tue ich jeden Tag.»

Zurück in der Zwei-Zimmer-Wohnung der Senevita, die sie mit ihrem dementen Mann (83) teilt, erzählt Schenker aus ihrer Kindheit im Gefängnis. Ihre Augen leuchten. Wieder ist sie das kleine Mädchen, das dort Jahr für Jahr Weihnachten gefeiert hat.

Verbrochen hat sie selber nichts, sie war einfach die Tochter des Wärterehepaars. Im Männergefängnis bei Luzern ist sie geboren. Als sie zwei Jahre alt war, zügelte die Familie in den «Wybersädel». Die Eltern hatten das Frauengefängnis am Luzerner Rotsee übernommen. Abgetrennt und nur durch eine Fähre erreichbar, stand dort ein Bauernhaus und im weissen Anbau befand sich das Gefängnis.

«Mueti» mit den Hamsterbacken

Die inhaftierten Frauen hatten gemordet, gestohlen oder lebten auf der Strasse. Einige hatten abgetrieben, was damals eine strafbare Tat war. Schenker erinnert sich noch genau an sie, beispielsweise ans «Graber-Mueti», die einen Pagenschnitt trug und wie ein Hamster ass. «Wir Kinder versteckten uns jeweils in der Küche und beobachteten ihre Backen, wie sie sich füllten und als runder Ballen auf und ab gingen.»

Oder an Frau Durrer, die rote Fingernägel hatte und auf der Strasse lebte. «Wenn es Winter wurde, stellte sie immer irgendetwas an, um wieder zu uns ins Bauernhaus am Rotsee zu kommen, in ein warmes Bett.»

Wenn das Haus voll war, dann lebten dort 30 bis 40 Personen. «Am runden Tisch der Angestellten sassen zwei Aufseherinnen, der Melder, der ‹Charrer› mit den Ochsen und der Fährimann, der die Leute über den Rotsee brachte.» Auch sie, Bertha, habe als junge Frau gerne als Fährifrau ausgeholfen und auf diese Weise 20 Rappen pro Fahrt dazuverdient.

Josy, die Aufseherin, stand morgens als Erste auf und setzte im Waschhaus um 3 Uhr früh den riesigen Kupferkessel aufs Feuer. Mit dem heissen Wasser konnte später alles geputzt und gewaschen werden. «Die Insassinnen wurden zudem entlaust und auf versteckte Messer am Körper – oft im Füdli! – untersucht. Besonders Frau Durrer, wenn man sie wieder mal von der Strasse geholt hatte.»

Bertha Schenker muss nicht lange überlegen: «Meine Kindheit war paradiesisch!» Nicht nur wegen der vorbildlichen Eltern – der Vater ein liebenswerter Mann, der es gut mit den Menschen konnte; die Mutter von natürlicher Autorität, ebenfalls begabt im Umgang mit den Nächsten, sodass manch eine Insassin nach ihrer Freilassung als Freundin zurück auf Besuch gekommen sei.

Das Wichtigste für das Kind Bertha war, dass es um sie herum Natur gab. «Ich und meine drei Geschwister haben stundenlang Mäuse gefangen und Grillen ausgegraben, auch im Stall gab es eine Menge Tiere. Wir hatten nicht viel Kontakt mit der Aussenwelt, aber miteinander.»

Etwas Schwieriges musste das Mädchen aber früh lernen, nämlich mit einer ständigen Angst zu leben. «Es gab eine Mörderin bei uns, die schlug alles kurz und klein, wenn sie wütend war.» In der Nacht wurde Klein-Bertha durch den Lärm geweckt. Deshalb hatte sie es sich angewöhnt, unter das Bett zu schauen, bevor sie schlafen ging. Auch hörte sie einmal, wie jemand drohte, ihren Vater umzubringen.

«Gesprochen habe ich nie mit jemandem über meine Ängste. Aber ich baute mir ein Schutzheer auf. Eine eigene kleine Armee mit winzigen Leuten, die es nur in meinem Kopf gab.» Bis heute glaubt Bertha Schenker an Engel und an Gebete. «Diese werden bestimmt gehört.» Über ihrem Tisch im Altersheim hängt ein selbst gebasteltes Bild, das fröhlich und warm in seinen Farben ist: «La Cità in Pace» – die Stadt in Frieden.

Josef, Maria und die Engel

Friedlich und warm waren auch die Adventstage im Gefängnis – und voller Arbeit. «Bei uns wurde den ganzen Dezember über gebacken, gekocht und geschmückt. Die Chriesi-stei-Säckli wärmten uns im Bett nach einem betriebsamen Tag.» Und die Kinder des Wärterpaars übten jedes Jahr mit den Insassinnen des «Wybersädels» ein Weihnachtsspiel ein, Regie führte immer die älteste Schwester.

Die nötigen Kleider – für die Maria, den Josef, die Engel und die Könige – nähten die Kinder selber. Die Aufführung war dann der Höhepunkt am Weihnachtsabend. Wärter und Gefangene sassen beisammen in der grossen Stube, in der Mitte stand ein Ofen, der den Raum beheizte, die Scheiben liefen wegen der Kälte draussen an. «Drinnen breitete sich aber ein unbeschreibliches Gefühl von Geborgenheit, Freude und Fröhlichkeit aus.»

Das ist Weihnachten für Bertha Schenker bis heute geblieben: ein Fest der Liebe und der Familie. Nach Zürich, zum Weihnachtsshopping, geht sie nie. «Das vertrage ich nicht.» Die Seniorin findet, «wir wollen heute immer mehr, alles immer schöner, immer grösser – wir sind grenzenlos geworden». Eines Tages gebe es wohl einen «Chlapf», und dann komme die Vernunft wieder.