Limmattal

Weihnachten: Für manche ein Tag wie jeder andere

Der siebte Tag von Chanukka in der Synagoge der Jüdisch Messianischen Gemeinde Beit Moriyah in Schlieren.

Der siebte Tag von Chanukka in der Synagoge der Jüdisch Messianischen Gemeinde Beit Moriyah in Schlieren.

Weihnachtsdekorationen beleuchten den Himmel, der Duft von Zimttee und Glühwein hängt in der Luft und Weihnachtslieder erklingen in den Strassen. Bald sind die Geschäfte geschlossen und fast alle geniessen die freien Tage mit der Familie beim Weihnachtsfest. Doch wie verbringen Anhänger anderer Religionen die Festtage?

Eigentlich gibt es auf diese Frage keine allgemeingültige Antwort. «Es hängt ganz von der Religiosität der Person ab. Ein orthodoxer Jude würde sehr wahrscheinlich nie an einer Weihnachtsfeier erscheinen. Aber ein Jude, der beispielsweise mit einer Christin liiert ist, feiert je nachdem das Fest mit ihrer Familie mit», sagt Joschija Cardoso von der Jüdisch Messianischen Gemeinde Beit Moriyah in Schlieren.

Messianische Juden glauben wie Christen an Jesus als Messias des jüdischen Volkes, stimmen ansonsten aber mit dem jüdischen Glauben überein und feiern auch die jüdischen Feste. Weihnachten gehört dementsprechend genauso wenig zu ihrem Glauben hinzu wie bei anderen Juden. Persönlich würde Cardoso eine Einladung an ein Weihnachtsfest ablehnen. Den 25. und 26. Dezember verbringt er zu Hause mit der Familie. «Für mich ist Weihnachten ein ganz normaler Sonntag. Vielleicht gehen wir mit der Familie spazieren oder machen uns Popcorn und schauen einen Film», sagt er.

Weihnachten ohne Tannenbaum

Bernardino Peres hingegen, ebenfalls Mitglied der Jüdisch Messianischen Gemeinde Schlieren, nimmt Weihnachtseinladungen gerne an und feiert auch mit seinen Liebsten. «Natürlich machen wir kein traditionelles Weihnachtsfest. Es geht einfach nur ums Zusammensein und das Feiern mit der ganzen Familie. Im Grunde genommen ist es ein ganz normales Familienfest», sagt Peres. Die Kinder bekommen auch kleine Geschenke, nur liegen die bei Peres nicht unter einem geschmückten Tannenbaum.

Die Juden würden sich oft an die Traditionen ihrer Wohnorte anpassen, meint Cardoso. In den USA feiern sie ja auch Thanksgiving, das sei dasselbe mit Weihnachten. Juden, die am 25. Dezember feiern, sähen nicht den religiösen Hintergrund, also die Geburt von Jesus, sondern einfach die traditionellen Bräuche der mehrheitlich christlichen Schweiz und den allgemeinen Weihnachtskult als Anlass zum Fest.

Die Weihnachtsbeleuchtungen beispielsweise empfindet auch Jüdin Elizaveta Novik als einen schönen Brauch. «Ich bin ein Fan von Licht, auch wenn Weihnachten keine tiefere Bedeutung für mich hat», sagt sie. Die freien Tage kommen aber auch ihr ganz gelegen. «Alle haben dann frei und man kann endlich wieder etwas Schönes mit Freunden und der Familie unternehmen. Ich werde dieses Jahr sicher zu meinen Eltern nach Basel fahren», so Novik, die erst seit Kurzem in Wallisellen wohnt und die Jüdisch Messianische Synagoge in Schlieren besucht. Ansonsten sind die Festtage für sie zwei ganz normale Tage, an denen sie etwas Sport treiben und sich vom Arbeitsalltag erholen wird.

Tanja Stoll, Mutter von vier Kindern und ebenfalls Mitglied der Jüdisch Messianischen Gemeinde in Schlieren, nutzt die Feiertage auch zur Erholung. Vom 3. bis 10. Dezember feierten die Juden dieses Jahr Chanukka, das Fest des Lichtes zur Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 164 vor Christus. Dabei erhalten die Kinder jeden Tag ein kleines Geschenk. «Jetzt freue ich mich auf die zwei freien Tage zu Hause mit meinen Kindern. An Weihnachten mache ich gar nichts Spezielles», sagt Stoll. Eine Weihnachtsfeier besuchen könne sie auch vom Gefühl her nicht. «Wenn ich weiss, dass da die Geburt von Jesus gefeiert wird, aber ich selber nicht daran glaube, dass er an Weihnachten geboren wurde, dann kann ich das Fest nicht mit reinem Herzen feiern. Ich versuche eher, Weihnachten zu umgehen», meint Stoll.

Zeit für Religionsunterricht

Die Muslime verbringen die Weihnachtszeit ähnlich wie die Juden: Viele besuchen Freunde und Verwandte. Nicht weil Weihnachten ist, sondern weil sie dann endlich Zeit haben. «Die Familie zu besuchen ist im Islam fast eine Pflicht, eine Art religiöse Aufgabe. Man soll immer wieder schauen, wie es den anderen geht, um sich gelegentlich unter die Arme greifen zu können», sagt Ersin Tan, Präsident der Islamischen Gemeinschaft Dietikon. Er habe sich erst gerade mit seiner Cousine für die anstehenden Festtage verabredet.

Tan nutzt die Weihnachtszeit aber auch, um Jesus und Maria zu gedenken. «Jesus hat im Koran auch einen hohen Stellenwert, aber nicht als Sohn Gottes, sondern als Prophet. Durch das Weihnachtsfest an ihn erinnert zu werden, schadet auch uns Muslimen überhaupt nicht», so Tan. Das Fest seiner Geburt wird aber nicht gefeiert. «Kinder hören in der Schule oder im Fernsehen oft die Geschichte von Jesus und Maria und fragen sich, weshalb sie bei den Christen so erzählt wird und bei uns anders.»

Islamische Gemeinden und Vereine nutzen die Weihnachtsferien deswegen auch für Religionsunterricht. Dieser wird in Ferienlagern über Weihnachten angeboten. «Die Kinder verbringen zwei Wochen zu Hause, deshalb sind viele Eltern froh, wenn sie eine sinnvolle Beschäftigung finden», so Tan. «Die Kinder sollen ihre Ferien ja auch geniessen können.» Unternommen wird in solchen Lagern Verschiedenes: Schwimmbadbesuche im geschlossenen Kreis gehören dazu, aber auch Skitage, Schlittenfahrten und andere Ausflüge. Die Unterhaltung wird aber immer mit der Religionslehre verbunden. Ungefähr drei Stunden am Tag werden die Knaben und Mädchen, die meist im Primarschulalter sind, getrennt über den Islam aufgeklärt.

Es gebe aber auch Muslime, die migrationsmässig die Weihnachtstradition übernommen haben. «Da wird zum Beispiel auch das Haus geschmückt oder man beschenkt sich gegenseitig», sagt Adem Kujovic aus Dietikon. Dies werde in seinem Bekanntenkreis aber nicht stark praktiziert. Persönlich mache er seinen Brüdern einfach ab und zu Geschenke in der Adventszeit. Auch das Weihnachtsessen mit dem Büro findet Kujovic eine gute Sache. «Ich schätze das immer sehr. Man hat es als Team lustig zusammen und lernt sich gegenseitig näher kennen.» Der Teamanlass stehe da an erster Stelle und nicht die Feier der Geburt von Jesus. Genauso steht Kujovic zum Weihnachtssingen in der Schule. «Solche Anlässe stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Kinder können dann immer noch frei entscheiden, ob sie einen Part weglassen wollen.»

Verwandtes Thema:

Autor

Flavia Lehmann

Meistgesehen

Artboard 1