Die Magnolienblüten sind sattgrünen Blättern gewichen. Trotz sommerlichen Temperaturen herrscht auf dem Sitzplatz vor dem Restaurant Pergola in Dietikon Öde. Keine Tische, keine Stühle, keine Gäste. Im Innern der Altberger Quartierbeiz sieht es ähnlich aus. Die Regale sind leer geräumt. Der rote Boden glänzt. Hinter dem Tresen stehen Oezkan Vergili und seine Schwester Nurdan Vergili. «Es ist wirklich schade, dass unsere Zeit hier so endet», sagt er und entfernt einen Schlüssel von seinem Schlüsselbund. «Wir schicken ihn heute dem Vermieter per Post», sagt Nurdan Vergili. Am 19. Mai war das Restaurant zum letzten Mal geöffnet. Es gab eine Ustrinkete. «Wir feierten mit unseren Gästen bis um 5 Uhr morgens», erzählt Oezkan Vergili.

19 Jahre lang wirteten die Geschwister in der Quartierbeiz. Davon 15 Jahre mit ihrem Vater, der vor vier Jahren verstarb. «Wir sind damals geblieben, weil wir am Restaurant hängen. Hier haben wir so viele Erinnerungen an unseren Vater», sagt Nurdan Vergili. Ihr Bruder zeigt auf den Platz an der Wand neben dem Tresen. «Hier sass er immer auf seinem Stuhl und hat auf die Gäste gewartet.» Auch mit ihnen hätten sie in der «Pergola» viel Schönes erlebt. «Wir waren wie eine Familie. Wir stritten und lachten zusammen.

Wenn viel los war, holten sich die Gäste ihre Getränke sogar selbst hinter dem Tresen», erinnert sich die 36-Jährige. Ihre Stammgäste seien sehr traurig und auch hässig, dass sie aufhören. «Einige weinten sogar, andere suchten in ganz Dietikon nach leeren Restaurants, damit wir hier in der Stadt bleiben.»

Gerne länger geblieben

Ganz freiwillig gehen die Vergilis nicht. «Der fünfjährige Vertrag läuft Ende Juni aus. Wir hätten ihn eigentlich gerne verlängert und unsere Gäste weitere fünf oder sogar zehn Jahre bedient», sagt Oezkan Vergili. Doch der Vermieter habe ihnen die Lust weiterzumachen gründlich verdorben. «Er wollte uns abzocken und die Miete erhöhen», sagt der 40-Jährige. Und dies, ohne etwas im Restaurant zu verbessern. «Ich habe ihm mehrmals gesagt, dass die Lüftung in der Küche und der Keller, wo wir die Lebensmittel lagern, sanierungsbedürftig sind. Er versprach uns mehrmals, dass etwas gemacht wird.» Doch nichts sei passiert. «Er wollte sogar, dass ich den Büroraum abgebe, den wir im oberen Stock haben. Dort habe ich während den Ruhezeiten Administratives erledigt oder geschlafen», sagt Oezkan Vergili.

Stattdessen schlug der Vermieter ihm vor, den Rückzugsraum in den Keller zu verlegen. «Das ist ein Hohn, wenn man weiss, wie es dort unten aussieht», sagt der gelernte Koch. Er steigt die Treppe zum Keller hinunter und öffnet die Türe zur Kühlkammer. Es riecht nach Abwasser. Die grüne Farbe auf dem Boden blättert. In der Mitte weist er ein Loch auf: die Quelle des Gestanks. «Hier musste ich Gemüse aufbewahren. Den Salat konnte ich nach zwei Tagen wegwerfen, weil er so stank.» Und noch schlimmer: In der Waschküche daneben seien manchmal sogar Ratten herumgerannt. In den anderen Räumen sieht es nicht besser aus. Eine Wand im Nebenraum ist von Schimmel zerfressen. Und dort, wo Vergili seine Teigmaschine benutzte, ist die Isolation an der Decke bröckelig. «Ich konnte keinen Koch und kein Servicepersonal finden, die unter diesen Umständen arbeiten wollten.»

Und nicht nur für die Vergilis war es klar, dass man in diesem Restaurant nicht mehr länger wirten kann. Das kantonale Lebensmittelinspektorat fällte nach seiner Kontrolle im Oktober 2017 dasselbe Urteil (die Unterlagen liegen der Limmattaler Zeitung vor). «Die Küche und der Kellerbereich sind dringend sanierungsbedürftig», steht im Bericht. Die Mängel würden gegen das Lebensmittelgesetz, die Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung und die Hygieneverordnung verstossen. Aufgrund dessen verhängte das Inspektorat für den Betrieb ein Benutzungsverbot für den Verkehr mit Lebensmitteln ab dem 1. Juni 2018. Das Verbot könne erst durch eine erneute Kontrolle des Lebensmittelinspektorats aufgehoben werden, steht weiter im Bericht.

Einen Monat länger zahlen

Als der Vermieter auf dieses Verbot wiederum keine Renovierung einleitete, entschieden sich die Vergilis, bereits Mitte Mai aufzuhören. Doch das schien nicht im Sinne des Vermieters. «Er beantragte, unter dem Vorwand im Haus Umbauten vorzunehmen, eine Fristverlängerung für die Benutzung des Restaurants», sagt Oezkan Vergili. Die Geschwister vermuten aber, dass das nicht das eigentliche Ziel ist. «Er will dadurch erreichen, dass er von uns auch die Miete für den Monat Juni kassieren kann.»

Mit sich reden lasse der Vermieter nicht. Dabei wäre es nötig, zusammenzusitzen, um eine saubere Übergabe zu machen. Die Rückzahlung der Mietkaution müsse etwa gemeinsam in die Wege geleitet werden, sagt Oezkan Vergili. Die Geschwister haben aufgrund der Kommunikationsschwierigkeiten einen Anwalt eingeschaltet. «Wir sind sehr enttäuscht, dass wir nicht vernünftig miteinander kommunizieren können.» Ein solches Ende im «Pergola» hätten sie nie für möglich gehalten. «Wir haben die Miete immer pünktlich bezahlt und uns nichts zuschulden kommen lassen. Wir haben nicht verdient, dass das so endet», sagt Nurdan Vergili. Ihr einziger Wunsch sei, die Sache so schnell wie möglich abzuschliessen und nach vorne zu schauen.

Der Gastrobranche werden die Geschwister trotz dieser Erfahrung nicht den Rücken kehren. Oezkan Vergili wird mit seiner Freundin in Aarau ein Café betreiben und Nurdan Vergili wird Filialleiterin bei einer grossen Kaffeekette.

Auf die Vorwürfe angesprochen, will der Vermieter keine Auskunft geben. Er sagt nur so viel: «Der Vertrag mit den Vergilis läuft Ende Juni aus. Ich möchte nicht weiter mit ihnen zusammenarbeiten.» Er werde das Lokal renovieren und sei derzeit auf der Suche nach neuen Pächtern. Denn: «Die Dietiker sollen das ‹Pergola› nicht verlieren», sagt er. Es gebe bereits Interessenten.