Studie
Wegen neuer Steuerpraxis: Schlieremer Start-ups erwägen Wegzug

Wegen der aktuellen Steuerpraxis überlegen sich einige Start-ups, den Kanton oder gar das Land zu verlassen.

Sophie Rüesch
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85 Prozent der befragten Start-Ups erwägen einen Wegzug aus dem Kanton Zürich. (Symbolbild)

85 Prozent der befragten Start-Ups erwägen einen Wegzug aus dem Kanton Zürich. (Symbolbild)

Getty Images

«Lachhaft und schädlich», «veraltet», «sehr gefährlich für das Zürcher Start-up-Ökosystem», «kontraproduktiv»: Das alles ist die neue Steuerpraxis im Kanton Zürich, wenn man hiesige Jungunternehmer fragt. Genau das hat das in Schlieren ansässige Start-up-Förderprogramm «Venturelab» getan: Es hat unter 61 Zürcher Start-ups, bei denen in der jüngeren Vergangenheit eine grössere Finanzierungsrunde stattfand, eine Umfrage durchgeführt. Sie sollte aufzeigen, welche Konsequenzen die Jungunternehmer aus der aktuellen Besteuerungssituation im Kanton ziehen.

Das Resultat ist eindeutig: 85 Prozent der Befragten ziehen demgemäss zurzeit einen Wegzug aus dem Kanton Zürich in Betracht – 33 Prozent halten in anderen Kantonen Ausschau nach einem neuen Firmensitz, 37 erwägen gar, die Schweiz zu verlassen. 15 Prozent sind bezüglich neuem Standort noch unentschlossen.

Die Venturelab-Studie ist nur das jüngste Druckmittel, mit dem die Zürcher Jungunternehmerszene auf die für sie unbefriedigende Situation aufmerksam machen will. Ihr Widerstand richtet sich gegen die neue Methode, mit der die Zürcher Behörden die Vermögenssteuern für Jungunternehmer und ihre Investoren bemessen. Seit 2012 wird dafür die letzte Finanzierungsrunde als Grundlage verwendet. Das Problem: Da Start-ups in der Anfangsphase grosse Investitionen tätigen müssen, ist dieses Geld zu Beginn eigentlich nur hypothetisch vorhanden; es fliesst meist direkt in die Weiterentwicklung der Firma.

Einen ersten Schritt ist der Kanton zwar jüngst auf die Jungunternehmer zugegangen: Seit März wird Start-ups eine dreijährige Schonfrist gewährt, in der die Finanzierungsrunden nicht in die Berechnung der Vermögenssteuer einfliessen. Danach folgt eine zweijährige Übergangsfrist mit stufenweiser Erhöhung. Ab dem sechsten Betriebsjahr fallen diese Privilegien weg. Bei Start-ups aus dem Bio- und Medtech-Bereich gilt eine fünfjährige Schonfrist.

Doch das vermochte die Jungunternehmer nicht zu besänftigen – im Gegenteil. Da die grossen Finanzierungsrunden in der Regel erst nach diesen Fristen anfielen, bringe diese Massnahme wenig. Sie fordern eine Rückkehr zur bisherigen sogenannten «Praktikermethode», die Startups gleich behandelte wie KMUs. Beat Schillig, Gründer und Präsident des in Schlieren ansässigen Instituts für Jungunternehmen (IFJ), nennt das Entgegenkommen eine «kosmetische Massnahme, die davon zeugt, dass der Kanton Zürich die Situation von Jungunternehmen nicht verstanden hat».

1000 potenzielle Arbeitsplätze

Schillig befürchtet, dass dem Zürcher Start-up-Boom ein baldiges Ende beschieden ist, wenn der Kanton sich nicht schnell von seiner Praxis abwendet. Die Studienergebnisse unterstützen diese Einschätzung. Sollten die Unternehmen, die mit dem Wegzug drohen, tatsächlich Nägel mit Köpfen machen, errechnet Venturelab, würden im Kanton über 1000 künftige Arbeitsplätze wegfallen – Arbeitsplätze also, die ein Unternehmen in Zukunft zu schaffen plant, aber nicht im Kanton Zürich.

Auch aus Schlieren, wo die Start-up-Szene kontinuierlich wächst, nahmen drei Unternehmen an der Umfrage teil, wie Venturelab auf Anfrage erklärt. Zwei von ihnen würden einen Umzug in Betracht ziehen, was insgesamt 50 potenzielle Arbeitsplätze gefährde. Alle drei finden, «dass es zukünftig noch schwieriger wird, Investitionsgelder zu erhalten, als es heute schon ist». Die neue Steuerpraxis mache überhaupt keinen Sinn, schreibt das eine Schlieremer Unternehmen im Kommentarfeld. «Sie macht nur das Leben der Gründer schwerer.» Ein anderes schreibt: «Wenn wir Start-ups in einem internationalen Umfeld wettbewerbsfähig bleiben sollen, muss das Zürcher Start-up-Besteuerungs-System schnell gelöst werden. Andernfalls, befürchte ich, werden wir im Raum Zürich oder gar der Schweiz viele gute Start-ups verlieren.»

Beat Schillig hofft nun, dass der Widerstand von Jungunternehmern und deren politischen Interessensvertretern doch noch Wirkung zeigt. Im Kantonsrat wurden jüngst zwei Vorstösse von CVP, FDP, SVP und GLP eingereicht, die eine fairere Besteuerung für Start-ups fordern. Auch Gespräche mit Finanzdirektionen anderer Kantone stimmen Schillig zuversichtlich. Nach der lauten Kritik hatte Regierungsrat Ernst Stocker nämlich angekündigt, sich für eine schweizweit einheitliche Lösung starkzumachen, damit Zürich im interkantonalen Wettbewerb nicht das Nachsehen hat. «Und die Chancen, dass die anderen Kantone die Zürcher Praxis übernehmen, erachte ich als sehr tief», so Schillig.