Gerichtsurteil
Wegen Foul zum Straftäter geworden: «Macht das Schule, wird dem Fussball der Todesstoss versetzt»

«Wenn das Schule macht, wird dem Fussball der Todesstoss versetzt», sagt Willy Scramoncini. Der Leiter Spielbetrieb des Fussballverbandes Region Zürich (FVRZ) spricht über den Fall, der seit einigen Tagen Schlagzeilen macht.

Leo Eiholzer
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Wegen eines Fouls zum Straftäter werden? Ein aktueller Fall verunsichert Amateurfussballer.

Wegen eines Fouls zum Straftäter werden? Ein aktueller Fall verunsichert Amateurfussballer.

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Ein 20-jähriger Fussballgoalie zertrümmerte im Mai 2016 mit einem Foul das Knie seines Gegenspielers und wurde vom Kreisgericht Wil SG wegen fahrlässiger Körperverletzung schuldig gesprochen. Während er vom Schiedsrichter nur eine Gelbe Karte erhalten hatte, verurteilte ihn der Einzelrichter zur Zahlung einer Busse sowie einer Genugtuung von 6000 Franken. Aus einem Polymechaniker wurde ein Straftäter, weil er auf dem Fussballplatz eine falsche Entscheidung getroffen hat.

Das sagen Limmattaler Trainer

Das wirft Fragen auf: Plötzlich könnte jedes unabsichtliche Foul mit Verletzungsfolge vor Gericht landen. Das würde den Amateursport in der Schweiz entscheidend verändern. Diese Befürchtung haben auch Trainer von Limmattaler Fussballvereinen: «Die Spieler gehen jetzt vielleicht weniger hart in die Zweikämpfe, weil sie immer Angst haben müssen, angezeigt zu werden», sagt der Trainer des FC Urdorf, Gianni Musumeci. Sein Pendant beim FC Dietikon, Goran Ivelj, sieht den Sachverhalt ein bisschen gelassener: «Ich mache mir jetzt nicht wirklich Sorgen, aber natürlich wäre es schwierig, wenn einer meiner Spieler wegen so etwas tatsächlich vor Gericht müsste.»

Beide können insbesondere nicht verstehen, warum der gefoulte Spieler seinen Gegner überhaupt anzeigte. «Unfassbar, sowas! Eine Verletzung kann im Fussball einfach passieren. Für etwas ist man ja versichert», sagt Urdorfs Musumeci. Und Ivelj beklagt: «Ich habe dieses Jahr auch schon vier Spieler durch Fouls verloren. Sollen wir jetzt alle Gegner anzeigen?»
Ivelj ist Teil der Spielergewerkschaft «SAFP» und leitet dort Trainings für vertragslose Spieler auf der Dornau in Dietikon. Der Präsident der Gewerkschaft, Lucien Valloni, hat den verurteilten Goalie vor Gericht vertreten. Eigentlich ist die SAFP eine Gewerkschaft für Profispieler.

Der Fall Yapi

«Aber dieses Urteil betrifft alle Fussballspieler und sogar alle Sportler», sagt Valloni. «Es gibt eine Tendenz, immer gleich nach dem Strafrecht zu rufen. Das geht in Richtung Vollkaskogesellschaft.» Dabei erinnert er an einen Vorfall aus dem Jahr 2014: Sandro Wieser vom FC Aarau foulte damals den FC-Zürich-Spieler Gilles Yapi rücksichtslos. Yapi wurde schwer verletzt, der FCZ reichte Strafanzeige gegen Wieser ein und hatte Erfolg. Der Übeltäter wurde erstinstanzlich verurteilt, legte aber Einsprache ein, worauf der FCZ die Anzeige zurückzog. Deshalb ist Wieser nach wie vor strafrechtlich unbelastet. Valloni ist kein Fall bekannt, in dem ein Spieler wegen eines Fouls im Kampf um den Ball rechtskräftig verurteilt wurde.

Zwar haben sich laut Scramoncini vom FVRZ in der Region Zürich schon Vorfälle vom Fussballplatz in den Gerichtssaal verlagert. «Die Polizei und die Staatsanwaltschaft baten uns in den letzten fünf Jahren zwei oder drei Mal um Schiedsrichterrapporte im Zusammenhang mit Strafverfahren», sagt er. Dabei sei es aber nie um ein Foul ohne Verletzungsabsicht gegangen, sondern um Ausschreitungen oder Schlägereien auf dem Platz.

Aktionen, die im Kampf um den Ball passieren können, sollten nicht vor Gericht landen, wenn es nach dem Zürcher Verband geht. «Böswillige Fouls mit Verletzungsabsicht sollen und müssen aber strafrechtlich verfolgt werden», sagt Scramoncini. Darauf können sich eigentlich alle einigen. Selbst Anwalt Valloni sagt: «Der Fussballplatz ist kein rechtsfreier Raum. Wenn besonders krasse Fälle vor Gericht landen, habe ich nichts dagegen.»

Vielleicht können unbescholtene Amateursportler aber bald aufatmen. Valloni sagt: «Wir werden sehr wahrscheinlich in Berufung gehen.» Dann entscheidet allerspätestens das Bundesgericht, ob ein Fussballer tatsächlich wegen eines Fouls zum Straftäter wird.