Während andere Vereine über Mitgliederschwund klagen, wird ein jüngst gegründeter gerade überrannt. Sie komme mit dem Beantworten von Nachrichten auf den Sozialen Medien kaum nach, sagt die Schlieremer SP-Gemeinderätin Silvia Meier Jauch. Gemeinsam mit ihrem Partei- und Fraktionskollegen Roger Seger rief sie vor wenigen Wochen den Verein Miah ins Leben. Dieses Akronym steht für «Menschen mit einer Autoimmunerkrankung und Handicap». «Ziel ist es, dass wir das Bild von kranken Menschen in der Gesellschaft ändern – das Kranksein soll neu erfunden werden», sagt Meier. Der medizinische Fortschritt und die Neuerungen in der Pflege seien immens. «Doch ein Kranker hat sich noch immer gleich zu verhalten wie eh und je – schwach und gebrechlich.»

Meier selber leidet seit knapp drei Jahren an einer Autoimmunerkrankung, die Gelenke und Haut angreift. Solche Krankheiten würden oft in Schüben verlaufen, sagt sie. «Somit habe ich Phasen, in denen ich problemlos tauchen oder wandern gehen kann. An anderen Tagen kann ich jedoch kaum das Haus verlassen.» Dies führte dazu, dass manche Personen in ihrem Umfeld die Erkrankung gar nicht recht ernst nehmen würden. «Denn man sieht mir nicht immer an, wie schlecht ich mich gerade fühle. Dann kommen solche Begriffe wie Simulantin, Scheinkranke oder Hobbykranke – das ist nicht richtig und sehr unfair.» Diese Stigmatisierung wolle man mit Miah bekämpfen, sagt Seger. Denn auch er habe Tage, an denen es ihm gut gehe und eben die anderen Tage. «Geht es uns Menschen mit Autoimmunerkrankung jedoch so richtig miserabel, verlassen wir das Haus nicht – dann sieht uns niemand lachend auf der Strasse.»

Dass es vielen anderen auch so geht wie den beiden und sie mit der Vereinsgründung einen Nerv der Zeit getroffen haben, zeigt sich durch den regen Mitgliederandrang. «Wir hatten angenommen, dass wir anlässlich der Gründungsveranstaltung zu viert ein Bier trinken. Es erschienen jedoch über 30 Personen», sagt Meier. Doch dies war erst der Anfang – auf Facebook sind bereits über 300 Personen Fan des Vereins. «Beinahe täglich erreichen mich Nachrichten von Betroffenen aus der ganzen Schweiz – jüngst auch aus dem süddeutschen Raum –, die ihre Geschichte erzählen wollen, sich aber nicht trauen.» Aus der Ostschweiz sei bereits die Anfrage gekommen, ob man einen Ableger gründen dürfe, erklärt Meier weiter.

Befreiendes SRF-Interview

Zur Vereinsgründung inspiriert wurde Meier von Segers Interview mit Robin Rehmann im Schweizer Radio, das im vergangenen Frühling ausgestrahlt wurde. Darin sprach er über seine Polyarthritis, eine Entzündung in den Gelenken, und über seine Colitis Ulcerosa – eine Darm-Erkrankung. «Noch nie zuvor habe ich jemanden derart unverblümt und öffentlich über eine Erkrankung des Verdauungstrakts und über Ausscheidungen sprechen gehört. Völlig selbstverständlich sprach er über die tabuisierten Aspekte – das war für mich befreiend», sagt sie.

Lästern über Erkrankung

«An unserem nächsten Treffen lästern wir über dein und mein Handicap», steht auf dem Flyer für den anstehenden Vereinsanlass von Miah im La Qualità in Schlieren. «Ziel ist es, einen lockeren Umgang mit der Krankheit zu erreichen und in Kontakt mit Menschen zu kommen, die wissen, was es heisst, eine Autoimmunerkrankung oder ein Handicap zu haben», sagt Seger. Nebst dem, dass dadurch Freundschaften entstehen können, habe es auch einen medizinischen Effekt. «Die medikamentöse Behandlung von solchen Krankheiten ist oftmals knifflig. Daher tauschen wir uns auch diesbezüglich aus und schöpfen so von einem grossen Erfahrungsschatz», so Meier. Rund 45 Personen haben ihre definitive Zusage gegeben und beinahe nochmals so viele die provisorische.