Behandlung
Was tun, wenn man an einer Herbstdepression leidet?

Das Wort Herbstdepression ist jedes Jahr in aller Munde, sobald die kalte und dunkle Jahreszeit ansteht. Doch woran erkennt man eine solche? Und ab wann sollte man sich professionelle Hilfe suchen? Der Psychiater Uwe Herwig klärt auf.

Anina Gepp
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Uwe Herwig.

Uwe Herwig.

Herr Herwig, es dunkelt wieder früher ein und die Zahl der Menschen, die an einer saisonalen Depression erkranken, steigt. Ist deren Existenz denn tatsächlich wissenschaftlich erwiesen?

Uwe Herwig: Ja, eine Häufung von Depressionen im Herbst und zu Beginn des Winters gibt es tatsächlich. Die korrekte Bezeichnung der Krankheit lautet saisonal affektive Störung.

Wie fühlen sich Betroffene?

Diese Menschen fühlen sich nicht anders als bei einer anderen Depression. Sie sind müde, erschöpft, freuen sich weniger, sind traurig und melancholisch. Oft klagen Patienten über Antriebsverlust, machen sich mehr Sorgen, sind gereizter, schlafen weniger gut und haben Konzentrationsschwierigkeiten. Das alles sind klassische Symptome einer Depression.

Wie lässt es sich erklären, dass Depressionen zu Beginn des Winters häufiger auftreten?

Ein möglicher Erklärungsansatz liegt in der evolutionären Entwicklung. Im Herbst und Winter waren früher weniger Nahrungsressourcen vorhanden. Deshalb haben sich der Stoffwechsel und das Gehirn der den Jahreszeiten unterworfenen Organismen oft so angepasst, dass sie insgesamt weniger Energie aufwenden. Wenn die Menschen sich sozusagen früher im Winter in ihre Höhlen zurückzogen, war es ein Überlebensvorteil, nur dann aktiv zu werden und Energie zu verbrauchen, wenn es unbedingt nötig war. Darin kann die biologische Erklärung dafür liegen, dass es tatsächlich in unserem Gehirn so angelegt sein könnte, dass wir im Winter den Antrieb herunterfahren.

Die saisonale Depression ist also naturgegeben und wir können im Grunde genommen nichts dafür, wenn wir erschöpft sind. Müssen wir uns also damit abfinden?

Nein, wir können etwas tun. Es ist beispielsweise erwiesen, dass helles Licht früh morgens hilft, einer saisonalen Depression vorzubeugen. Wenn Sie am Morgen aufstehen, dann schalten sie am besten alle Lichter in der Wohnung an und lassen sich bestrahlen. Schauen Sie beim Frühstücken auch mal direkt in die Lampe. Damit simulieren Sie für Ihr Gehirn einen früheren Sonnenaufgang.

Reicht dafür normales Licht oder empfehlen Sie, eine besonders helle Lampe zu kaufen?

Die sogenannten Lichtduschen sind sehr empfehlenswert. Das sind Lampen, die extra für Lichttherapien gedacht sind. Es lohnt sich für Menschen, die zu saisonalen depressiven Verstimmungen neigen, sich eine solche anzuschaffen. Wer sich jeden Morgen für mindestens eine halbe Stunde davor setzt, kann sich besser fühlen. Die Lampe kann natürlich auch im Büro aufgestellt werden. Zwischendurch wird empfohlen, direkt ins Licht zu schauen, um die entsprechenden Zentren im Gehirn noch stärker zu aktivieren.

Haben Sie noch weitere Tipps für den Alltag?

Bewegung ist ganz wichtig. Wir neigen dazu, regelmässigen Sport im Winter einzuschränken. Dabei hat Bewegung eine stimmungsaufhellende Wirkung. Gerade wenn man betrübt ist, sollte man an die frische Luft gehen. Auch wenn das etwas Überwindung kostet.

Kann man mit diesen beiden Tricks eine ärztliche Behandlung umgehen?

Wenn jemand merkt, dass er für mehr als zwei Wochen keine Freude mehr empfindet oder nicht mehr schlafen kann, die Aufgaben des Alltags nicht mehr bewältigt, keine Energie hat und sich dauernd erschöpft und antriebslos fühlt, empfehle ich ärztliche Abklärungen und gegebenenfalls Unterstützung. Spätestens dann, wenn sogar lebensmüde Gedanken aufkommen, welche bei Depressionen oft vorliegen, rate ich dazu. Man muss dafür nicht gleich zum Psychiater gehen. Den Hausarzt aufzusuchen ist sicher gut fürs Erste. Diesem kann man offen schildern, wie es einem geht. Wenn nötig, wird dieser dann Adressen von Psychiatern vermitteln.

Wie behandeln Sie als Psychiater Menschen mit saisonaler Depression?

Wenn der Leidensdruck hoch ist, reicht eine alleinige Lichttherapie oft nicht aus. Dann bieten wir auch Psychotherapie an. Ich spreche dabei mit dem Patienten unter anderem darüber, was ihn belastet, wo in seinem Leben es Konflikte gibt und wie wir mit unguten Gedanken und Gefühlen umgehen können. Ihn in wesentlichen Bereichen zu entlasten, ist dabei ein wichtiges Thema.

Bekommen die Patienten auch Medikamente?

Ab einer mittelschweren Depression gehören Medikamente zur Behandlung dazu. Das ist bei anderen Depressionen nicht anders.

Wenn ein Betroffener nun eine Therapie macht, ist er dann vor weiteren saisonalen Depressionen sicher?

Im nächsten Herbst ist man sicher besser darauf vorbereitet. Wer weiss, dass er zur Winterzeit anfällig auf Depressionen ist, kann mit den bereits genannten Tipps wie Licht und Bewegung, aber auch im Umgang mit sich selbst, gut vorbeugen. Ausserdem sollte man schauen, dass man Belastungsfaktoren reduziert. Es ist wichtig, bei der Arbeit Prioritäten zu setzen und im Privatleben gemeinsam mit der Familie zu schauen, wo man sich wie entlasten kann. Wer zu immer wieder kehrenden Depressionen neigt, kann auch von vorbeugenden Medikamenten und intensiverer Psychotherapie profitieren.

Gibt es Erkenntnisse, welche Menschen am meisten von einer saisonalen Depression betroffen sind?

Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Vor allem junge Frauen in besonderen Belastungssituationen erkranken häufiger. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann eine grosse Herausforderung sein. Weiter ist es so, dass eher junge Erwachsene und Menschen mittleren Alters an einer saisonalen Depression leiden als ältere Menschen.