Dietikon/Schlieren

Was Städte brauchen, um ihre Mitte zu finden

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Der Wochenkommentar von Chefredaktorin Bettina Hamilton-Irvine über die Bemühungen der beiden Städte Dietikon und Schlieren, ihre Zentren aufzuwerten.

Seine Mitte finden: Wer will das nicht? Einige Menschen gehen dazu ins Yoga, meditieren oder üben sich in Achtsamkeit. Nicht ganz so einfach ist der Weg für eine Stadt, die ihre Mitte sucht. Doch das Ziel ist ebenso erstrebenswert: Wer mit sich selber im Reinen ist, wirkt auf andere anziehender. Das gilt auch für Schlieren und Dietikon, die sich schon seit Jahren damit beschäftigen, ihre Mitte zu finden. Oder, um es städtebaulich auszudrücken: ihre Zentren aufzuwerten. 

In beiden Städten war diese Suche in den letzten Tagen wieder Thema: In Schlieren zeigt eine Machbarkeitsstudie, dass der Bau eines Stadtsaals im Zentrum realistisch ist. Das Projekt klingt vielversprechend: Das von Park umgebene Gebäude, das einen Hauptsaal mit rund 600 Sitzplätzen und weitere Räume beherbergen soll, würde das brachliegende Zentrum aufwerten, eine Verbindung zwischen Bahnhof und altem Ortskern schaffen und Identität stiften. In Dietikon hat sich der Stadtrat hingegen entschieden, die «Idee Schönegg» nicht weiterzuverfolgen. Das von drei Gemeinderäten vorgeschlagene Projekt hätte beim Zentralschulhaus eine multifunktionale Überbauung vorgesehen, die vorerst als
Alternativstandort für die mit Platznot kämpfende Schule und Verwaltung dienen würde. Später könnte sie einer definitiven Nutzung zugeführt werden – beispielsweise Wohnungen. Der Stadtrat will davon aber nichts wissen. 

Um am Ziel anzukommen, gibt es weder Tricks noch Abkürzungen

Die beiden Fälle sind unterschiedlich: In Schlieren geht es um die grundlegende Gestaltung einer praktisch ungenutzten Brache, in Dietikon um die Transformation eines dicht überbauten Areals. Und doch sind die Fälle auch vergleichbar: Denn an beiden Orten geht es letztlich um die Identität einer Stadt – und die Frage, wie sich diese entwickeln soll. Es ist eine wichtige Frage, aber auch eine schwierige. Denn auf dem Weg zu einem harmonischen, starken und attraktiven Selbst – um wieder zum Anfangsgedanken zurückzukehren – gibt es keine Abkürzungen und keine Tricks: Man muss sich auf den Prozess einlassen. Im Fall der Stadt braucht es dazu vor allem drei Dinge. 

  • 1. Selbstbewusstsein Mutig zu planen, heisst nicht, möglichst gross, laut oder auffällig zu planen. Sondern möglichst visionär zu sein und gleichzeitig seine eigene Identität nicht zu vergessen. Es geht darum, zu erkennen, welche Auswirkungen eine bauliche Veränderung auf die Persönlichkeit der Stadt haben wird, und dort mutig auf den Weg zu setzen, der sie stärkt und entwickelt.
  • 2. Weitsicht Wer plant, muss vorausschauen – ansonsten bleibt nur noch, zu reagieren. «Viele denken, die Raumplanung verursache das Wachstum», sagte der Zürcher Kantonsplaner Wilhelm Natrup zum Magazin «Hochparterre». «Doch wir können es weder anheizen noch bremsen – dafür koordinieren und gestalten.» Dafür müsse man möglichst präzis und weit vorausschauen: auf Themen wie demografischer Wandel, gesellschaftliche Veränderung, neue Wohnformen, Dichte oder Mobilitätsbedürfnisse. Weitsichtig planen heisst aber auch: heute klug und nachhaltig in die Zukunft investieren, statt morgen viel Geld für Notlösungen ausgeben.
  • 3. Orientierung Damit eine Stadt harmonisch wächst, braucht es Kontinuität und Veränderung gleichermassen. Sie sind keine Gegensätze, sondern bilden zusammen ein Regulierungssystem, das für das Leben der Stadt existenziell wichtig ist, wie der Architekt und Stadtplaner Carl Fingerhuth in der «NZZ» schreibt. Wer eine der beiden Kräfte als störenden Gegensatz bekämpft, kreiert einen Kriegszustand. Erfolgreicher Städtebau akzeptiert die Vergangenheit, ist sich der Gegenwart bewusst und blickt in die Zukunft. Damit eine Stadt und ihre Bewohner die Orientierung nicht verlieren, ist es wichtig, Akzeptanz zu schaffen für die Veränderung als Fortführung des Bestehenden.

Der Nutzen von visionären Projekten liegt in der Zukunft

Schlieren und Dietikon tun gut daran, sich immer wieder bewusst zu machen, wo sie in ihrem Transformationsprozess stehen und was städtebauliche Entscheidungen für die heutige Bevölkerung, aber auch für die nächste Generation bedeuten. Dass der Dietiker Stadtrat im Zusammenhang mit der «Idee Schönegg» findet, trotz Schulraummangel und Wachstum von Bevölkerung und Verwaltung sei der zusätzliche Platz im Moment «nicht zwingend notwendig», ist wenig weitsichtig. Visionäre Projekte erkennt man generell daran, dass ihr Nutzen auf die Zukunft ausgerichtet ist. In diesem Sinne stimmt es in Schlieren zuversichtlich, dass sich der Stadtrat für die Planung der Zentrumsbrache Zeit lässt, die Bevölkerung miteinbezieht und mehr als einen Anlauf nimmt. Beiden Städten ist zu wünschen, dass sie auf der Suche nach ihrer Mitte selbstbewusst und weitsichtig vorgehen und die Orientierung nicht verlieren.

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