Urdorf

Was sagt wohl das Tier dazu? Diese Tierärztin setzt auf Alternative Therapien

Tierärztin Natascha Rusch behandelt in ihrer Tierarztpraxis in Urdorf Kleintiere mit unterschiedlichen Heilmethoden. Dabei greift sie auch zu einem Tensor um mit den Tieren zu reden.

Alternativmedizin Gespannt schauen die drei Frauen auf das Thermometer. Das Tier vor ihnen leidet an einer Tumorerkrankung und hatte in den letzten Konsultationen in der Tierarztpraxis in Urdorf Fieber, über 39.2 Grad. «Jetzt hat es 38.5 Grad. Das ist kein Fieber», sagt die Tierärztin Natascha Rusch und hält das Thermometer in die Luft. Sie ist sicher, dass die Verbesserung der kinesiologische Austestung zu verdanken ist. «Ich habe die blockierten Meridiane des Katers auf einer Meridiankarte auf einem Blatt Papier ausgestrichen», sagt sie. Das Tier müsse dafür nicht einmal anwesend sein. Wenn sie das Tier bereits kenne oder ein Bild, den Namen, den Wohnort und eventuell das Geburtsdatum des Tieres vor sich habe, genüge ihr dies, um in Verbindung zu treten und das Tier mittels Kinesiologie auszutesten und energetisch zu behandeln. Dass die umstrittene Fernheilung funktionierte, verwunderte sogar sie: «Ich war selbst erstaunt, dass es auch auf dem Blatt Papier funktioniert hat», sagt sie.

Vor ein paar Jahren merkte sie, dass sie nicht mehr vollends zufrieden war mit dem Angebot der Schulmedizin: «Es war mir zu wenig, alte Hunde nur wegen ihres Alters mit Schmerzmittel vollzustopfen», sagt Rusch. So entschied sie sich mit Chiropraktik anzufangen, später kamen weitere alternative Therapien wie Lasertherapie, Schmerztherapie über Akupunkturpunkte, Osteopathie, Kinesiologie und energetisches Heilen dazu.

Tensor soll Antwort der Tiere für Menschen übersetzen

In der Sprechstunde greift Rusch heute oft zu ihrem Tensor. Das ist ein Hilfsmittel in der parawissenschaftliche Kinesiologie. Es soll auf energetischer Ebene Antworten sichtbar machen können. Wie dies geschieht, ist für Aussenstehende nicht nachvollziehbar. Es können nur Ja-Nein-Fragen gestellt werden. «Sind alle Blockaden gelöst?», fragt Rusch, nachdem sie eine kombinierte chiropraktisch-osteopathische Behandlung bei einem Mops durchführte. Der Tensor wippt hoch und runter – es ist das Zeichen für Rusch, dass das Tier «Ja» sagt. «Möchtest du noch eine Spritze?», fragt sie weiter. Der Tensor scheint leicht auf die Seite auszuschlagen. Es ist das «Nein-Zeichen». Rusch fragt weitere Dinge, während sich der Hund unbeirrt durch den Raum bewegt. Nachdem er einen Verkehrsunfall mit mehreren Brüchen hatte, nahmen seine Wirbelsäulenprobleme zu, und er konnte schlecht gehen. Ein Heilmethodenmix aus Chiropraktik, Osteopathie, und mit Einbezug kinesiologischer Diagnostik sollen seine Beschwerden nun lindern. Die Kosten von rund 100 bis 130 Franken pro Konsultation nehmen immer mehr Besitzer in Kauf, um ihren Tieren Linderung zu verschaffen.

Rusch hat wöchentlich rund zehn Kunden, die sich für alternative Therapien anmelden - Tendenz steigend. Dabei ist die Chiropraktik die beliebteste Methode. Rusch liegt damit im Durchschnitt der Schweizer Veterinäre. Denn die Verbreitung der alternativen Medizin ist schweizweit tendenziell zunehmend, teilt die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) mit. Wobei sich der Anstieg je nach Fachgebiet der Komplementärmedizin unterschiedlich verhalte. «Fachgebiete wie die Osteopathie, Chiropraktik oder Phytotherapie sind zurzeit im Trend», so GST.

Rusch mischt die alternative Medizin seit Jahren mit der Schulmedizin. Mittlerweile verwendet sie den Tensor auch in anderen Situationen, zum Beispiel wenn sie ein Tier mit einer Futtermittelallergie behandelt. «Ich frage das Tier dann, welches Allergikerfutter es am besten verträgt, oder ich teste ganze Listen mit Futterbestandteilen aus», sagt sie. Bislang habe das immer zu guten Ergebnissen geführt und ihr geholfen, sich für das Richtige zu entscheiden. «Ich könnte mir mittlerweile kaum mehr vorstellen, ohne den Tensor zu arbeiten», sagt sie. Auch die Dosierung von Schmerzmitteln und anderen Medikamenten passt sie in Absprache mit dem Tier an. Doch es sei ihr bewusst, dass der Tensor seine Grenzen habe: Beispielsweise führe bei einem Bruch führe kein Weg an einer Schiene oder einer Operation vorbei, auch wenn das Tier anderer Meinung sei. Die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) sieht sowohl Chancen als auch Risiken in den alternativen Heilmethoden. Die Chancen seien beispielsweise, dass es mehr Geduld für den Heilungsprozess gebe, die Tiere besser beobachtet werden und dadurch allenfalls weniger Tierarzneimitteln eingesetzt werden. Die pflanzliche Heilkunde biete auch gute Möglichkeiten als Begleittherapie von Infektionen.

Irreführende Infos über die Möglichkeiten verunsichern

Das Risiko der alternativen Heilmethoden sei jedoch, dass aufgrund ideologischer Gründe die notwendigen Untersuchungen und Therapien der konventionellen Medizin verpasst werden und das Tier unnötig darunter leiden könnte. Die Komplementärmedizin und die konventionelle Medizin dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, heisst es bei der GST. Beide seien nötig und wichtig für die Tiere. Ein Risiko seien zudem unterschiedliche und teilweise irreführende Informationen für die Kunden über die Möglichkeiten und Grenzen einer Methode, die zum Beispiel im Internet herumgeistern.

Befragungen der Tiere mittels Tensor sind aus Sicht der GST wissenschaftlich kaum nachvollziehbar. Es sei in diese Falle wichtig, dass die Wünsche der Besitzer respektiert werden, doch die Grenzen des Tierschutzes dürften keinesfalls überschritten werden. «Dort sind die Tierärztinnen und Tierärzte gefragt, weil sie über die notwendigen Kompetenzen für die fachliche Beurteilung verfügen und die Schmerzen der Tiere beurteilen können», teilt die Gesellschaft mit.

Von den Kunden erhält Rusch viel positives Feedback, wie sie sagt. Besitzerinnen wie die des fiebrigen Katers seien froh, wenn etwas wirke. Bei kritisch eingestellten Leuten hält sich Rusch eher zurück: «Ich denke, ich kann die Kunden mittlerweile gut einschätzen, ob sie für ein alternatives Angebot offen sind oder nicht», sagt Rusch. Der Hund vor Rusch ist laut Tensor mit ihrer manuellen Therapie zufrieden. Wenn sein Schritt auch noch ein wenig unregelmässig wirkt, so geht er doch im Untersuchungszimmer umher, während Rusch die letzte Frage mittels Tensor beantwortet haben möchte: «Kann ich noch irgendetwas für dich tun?» Der Tensor in ihrer Hand sagt Rusch, dass der schwarzhaarige Mops für heute genug Therapien hatte.

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