Regionalfussball

Was macht eigentlich Trainer-Legende Severino Mentasti? Wir haben die Antwort!

In der Serie «Was macht eigentlich…?» kommt der ehemalige Fussballtrainer Severino Mentasti (64) zu Wort. Er wirkte während über zehn Jahre im Limmattal und erlebte Aufstiege, Abstiege und eine Tragödie auf dem Urdorfer Chlösterli.

In zwei Monaten wird Severino Mentasti das AHV-Alter erreichen. «Ich bin noch nicht ganz im kritischen Alter, ich darf noch einkaufen», meint er lachend und spricht die gegenwärtige Coronakrise an. Kein Zweifel, der Schalk sitzt ihm immer noch im Nacken. Er freut sich hörbar, dass man ihn im Limmattal noch nicht ganz vergessen hat. Seit 2004, und dem Ende seines zweiten Engagements beim FC Urdorf, ist der Adliswiler nicht mehr im hiesigen Fussball aktiv. «Wissen Sie, die Zeit damals war wunderbar. Ich durfte mit interessanten Personen zusammenarbeiten und hatte eine gute Zeit, wirklich.» Der damaligen Sportredaktion der «Limmattaler Zeitung» windet er ein Kränzchen: «Was die damals für den Fussball geleistet haben – unglaublich. Matchberichte jedes Wochenende, Analysen, Telegramme, das Team der Runde. Wir fühlten uns wie Profis.» Und dann sprudeln die Episoden nur so aus ihm raus.

Mentasti war in jungen Jahren ein talentierter Fussballer und schaffte es in die Nationalliga A. Doch 1977, im Alter von 22 Jahren, zog er sich einen vierfachen Beinbruch zu. «Danach war die Profikarriere vorbei», blickt Mentasti zurück. Er setzte auf den Beruf und bereitete seine Trainerlaufbahn vor. Die erste Station im Limmattal war zu Beginn der 1990er-Jahre der damalige 4.-Ligist FC Uitikon, bei dem Mentasti als Spielertrainer anheuerte. Schliesslich folgte der erste Wechsel zum ­3.-Ligisten FC Urdorf.

Der spezielle Einstand beim FC Dietikon

Im Herbst 1993 ruft der ambitionierte FC Dietikon. Mentasti soll den 2.-Liga-Verein endlich in die 1. Liga bringen – die 2. Liga inter gabs damals noch nicht. Er übernimmt auf der Dor­- nau vom entlassenen Holländer Willy Scheepers. Peter Ardielli, damals knapp 30-jähriger Spieler und heute in der FCD-Sportkommission tätig, erinnert sich: «Ich war Captain und durfte Scheepers mitteilen, dass er entlassen wird.» Der Grund: Ex-Profi Scheepers will mit den Dietikern so richtig durchstarten und in die damalige NLB aufsteigen. Ardielli schmunzelnd: «Kein Witz, das wollte Willy tatsächlich.» ­Ältere Fussballbegeisterte erinnern sich noch heute daran, dass man in den frühen 1990er-Jahren den FCD auch schon mal «Bayern München des Limmattals» nennt. Nun, das Dietiker Vorhaben erleidet jedenfalls grandios Schiffbruch, Scheepers wird zum «Fliegenden Holländer» und Mentasti kommt.

«Sevi war ein spezieller Motivator», so Ardielli. «Seine erste Teamsitzung ist und bleibt für mich unvergessen.» Folgendes spielte sich an jenem Abend im September vor über einem Vierteljahrhundert auf der Dornau ab: Nachdem die Akteure im Halbkreis Platz genommen hatten, wies Mentasti sie an, unter ihren jeweiligen Stuhl zu blicken. «Wir trauten unseren Augen nicht, jedem hatte er einen Silberbarren unter den Stuhl gelegt», so Ardielli. «Er wollte damit sagen: Wenn ihr etwas er­reichen wollt, dann müsst ihr den Allerwertesten hochkriegen.» Allem Edelmetall zum Trotz: Die Bezirkshauptstädter stiegen statt in die 1. Liga auf wieder in die 3. Liga ab. Im Jahr 1996 ging Mentasti nach internen Meinungsverschiedenheiten über die Kantonsgrenze zu 2.-Ligist Spreitenbach. Nachdem er dieses Engagement abrupt beendet hatte, verliess Mentasti für ein paar Jahre das Limmattal.

Jubel und Trauer beim FC Urdorf

Im Frühling 2002 erinnerte man sich in Urdorf an seinen ehemaligen Übungsleiter und holte Mentasti zurück. Mit ihm strebte man den Aufstieg in die 2. Liga an. «Wir hatten eine tolle Truppe beisammen», erinnert sich Mentasti, «und es klappte. Als bester 3.-Liga-Gruppenzweiter schafften wir die Promotion.» Leider konnten sich die «Stiere» nur wenige Wochen über den Coup freuen. Denn am Sommerfest 2003 ereignete sich die grösste Tragödie der 52-jährigen Vereinsgeschichte. Im Rahmen eines Prominentenspiels brach der beliebte FCU-Stürmer Claude Rätz mit einem Herzinfarkt auf dem Platz zusammen, sechs Tage später verstarb der lebensfrohe frühere Topskorer im Spital. «Das war schlimm, wirklich schlimm», sagt Mentasti. «Ich kriege heute noch Tränen, wenn ich daran denke.» Trotz aller Trauer ging die Saison 2003/04 los – und die Urdorfer hielten sich in der 2. Liga. Danach war Mentastis Limmattaler Zeit abgelaufen.

Er kehrte fussballerisch zurück an seinen Wohnort ennet des Üetlibergs, übernahm beim FC Adliswil als Sportchef und trainierte die A-Junioren. Abgesehen von einem kurzen Abstecher zum FC Wädenswil – wo er als «Feuerwehrmann» den Abstieg in die 3. Liga nicht verhindern konnte – blieb er dem FCA treu und ist dort mittlerweile auch Ehrenmitglied. Seit ein paar Jahren hat Mentasti keine offizielle Funktion mehr. «Doch er kommt immer wieder an unsere Spiele, Sevi ist ein gern gesehener Gast», sagt FCA-Präsident Bruno Stäubli.

Auch wenn Severino Mentasti seit 15 Jahren nicht mehr im Limmattaler Fussball wirbelt, es interessiert ihn immer noch, was hier läuft. «Ich habe viele gute Kontakte in eurer Region», sagt er schmunzelnd. Er verfolge vor allem, wie es dem FC Dietikon in der 1. Liga läuft und er habe auch schon das eine oder andere Auswärtsspiel live gesehen. «Die machen das ganz gut, ich freue mich für den ganzen Verein.» Ganz gut läuft es Mentasti auch privat. Seit über 20 Jahren ist er mit Lebenspartnerin Yvonne zusammen, nächstens kriegt er die erste AHV-Rente ausbezahlt. Die Füsse stillhalten kann er allerdings nicht. Er werde in seinem Beruf in der Automobil-Zubehörbranche weiterarbeiten. «Einen entsprechenden Vertrag habe ich bereits unterzeichnet», lässt Mentasti wissen und fragt rhetorisch: «Was, soll ich zu Hause herumsitzen? Ich will und kann noch arbeiten.» Sein Motto: Er habe in seinem Leben immer nur das gemacht, was ihm Spass bereitete. «Damit bin ich stets sehr gut gefahren.»

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