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Was die Limmattaler Politiker zu Verkehr, Wachstum und Integration zu sagen haben

Limmattaler Nationalratskandidaten und ihre Ideen für ein besseres Limmattal. Die bürgerliche Seite will sich vorab für die Verkehrsinfrastruktur im Limmattal einsetzen. Der linken Seite waren auch die Sozialversicherungen und der öV wichtig.

Flavio Fuoli
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Limmattaler Zeitung

Laut wurde es nie, fast nie. Nur einmal gerieten Rosmarie Joss (SP) und Rochus Burtscher (SVP) kurz verbal aneinander, als es um die Gründe der Überfremdung ging. Sonst ging es gesittet zu und her am Polittalk am Montagabend im Üdikerhuus, an dem sieben Limmattaler Spitzenkandidaten für die Nationalratswahlen vom 23.Oktober ihre Meinung vertraten. Nebst Joss und Burtscher nahmen Josef Wiederkehr (CVP), Dominik Tiedt (FDP), Ernst Joss (AL), Samuel Spahn (GP) und Kurt Leuch (EVP) teil.

Gesprächsleiter Jürg Krebs, Chefredaktor der az Limmattaler Zeitung, wollte zum Auftakt wissen, was das wichtigste Anliegen der Kandidaten in Bern sei. Die bürgerliche Seite will sich vorab für die Verkehrsinfrastruktur im Limmattal einsetzen, für die dritte Gubriströhre und den Weininger Autobahndeckel. Der linken Seite waren auch die Sozialversicherungen, speziell fürs Limmattal, der öV, die Energiewende und die Vertretung der ökologisch, sozialen Schweiz wichtig.

Welche Priorität hat der Verkehr?

So widmete man die erste Hauptrunde des Gesprächs dem Thema Verkehr. Was habe nun Priorität, ÖV oder Ausbau Gubrist, fragte der Moderator. Burtscher: «Wir sind nicht gegen den öffentlichen Verkehr, aber der soll nicht zulasten der Strassen gehen. Klar, wir wollen die dritte Röhre Gubrist und den Deckel Weiningen. In Dietikon muss einer der drei Verkehrsstränge durchs Zentrum unter den Boden.»

Auch für Tiedt ist die dritte Röhre «essenziell». Aber wegen des grossen Bevölkerungswachstums müsse die Planung des motorisierten Individualverkehrs und des öV Hand in Hand gehen.

Leuch erinnerte daran, dass der Verkehr sich vom Baregg nach dem Gubrist verlagert hatte: «Es braucht die dritte Röhre.» Josef Wiederkehr, gefragt, ob im Zentrum von Dietikon ein Verkehrsstrang unter den Boden müsse, meinte: «Es funktioniert nur, wenn wir den öV und den Individualverkehr miteinander anschauen. Es besteht die Gefahr, dass der Rest des Verkehrs in Dietikon kollabiert. Wir müssen mit der Linienführung der Limmattalbahn nochmals über die Bücher.»

Wenn der Verkehr kollabiert

Für Rosmarie Joss gibt es «keine Wahl zur Limmattalbahn, wir brauchen sie. Ohne sie steht alles still. Sie braucht weniger Platz als der Autoverkehr, man soll aber die Varianten prüfen.» Beim Gubrist blieb sie skeptisch. Zusätzliche Strassen brächten mehr Verkehr, man hätte dann bloss Stau auf einem höheren Niveau.
Sie unterstützt jedoch den Deckel Gubrist.

Spahn findet es gut, wenn, was zuvor befürchtet wurde, die Aargauer auf die Limmattalbahn gehen. «Sie stehen dann nicht bei uns im Stau.» Für ihn könnte die Bahn von Anfang an bis Baden gebaut werden. Skeptisch ist er wegen der dritten Röhre im Gubrist. Skeptisch ebenso, die Limmattalbahn unterirdisch durch Dietikon zu führen. «Das führt zu unterirdischen unübersichtlichen Bahnhöfen.»

Für Ernst Joss ist die Limmattalbahn «eine grundlegende Voraussetzung, um die Probleme zu lösen». Sie sei die Konsequenz aus bürgerlicher Wachstumspolitik.

Welches Wachstum wollen wir?

Weil immer mehr Firmen ins Limmattal ziehen, gibts auch immer mehr Pendler, ob da nicht ein Halt geboten sei, fragte der Podiumsleiter. Burtscher erklärt, man könne nicht stopp sagen, schliesslich müssten die Gemeinden die Lasten tragen, und dies ginge nur über Wachstum. Auch Tiedt sieht ein gesundes Wachstum als wichtig an. Mit der jetzigen Bautätigkeit würden gute Steuerzahler in die Städte ziehen. Leuch, der aus Oberengstringen stammt und in Dietikon Schule gibt, findet die Entwicklung von Dietikon und Schlieren gut. «Sie bringe neue Bevölkerungsschichten.»

Rosmarie Joss bezweifelte allerdings, ob die neuen Mitbewohner den Steuerfuss entlasten würden. Es brauche zunächst noch viel Infrastruktur wie zum Beispiel Schulen in Dietikon. Man soll schauen, dass nicht alles auf einmal gebaut wird, denn so würden später Gettos entstehen.

Spahn betonte, man könne nicht verhindern, dass Leute hierher zögen. Er persönlich wünsche sich ein qualitativeres statt eines quantitativen Wachstums. Ernst Joss assistierte ihm. Es brauche eine konzentrierte Entwicklung, welche die Lebensqualität nicht zerstöre. «Wo sollen die künftigen Generationen im Grossraum Zürich wachsen?», fragte er rhetorisch.

Wiederkehr erinnerte daran, Bevölkerungswachstum bringe auch Wohlstand. «Wir sollen dort wachsen, wo wir eine gute Infrastruktur haben. Es erträgt hier noch einiges an Wachstum.» Für Leuch kommts beim Wachstum auf die Qualität an. Er forderte auf, an Erholungszonen zu denken und sogar über die Einhausung der Autobahn im Limmattal zu reden.

Einwanderung gleich Bereicherung

Ob die Einwanderung in Dietikon nun eine Bereicherung oder eine Fehlentwicklung sei, wollte Moderator Krebs von den Kandidaten wissen. Rosmarie Joss: «Dietikon ist eine junge Stadt, keine Schafstadt, das ist eine Chance.» Leuch: «Auf jeden Fall eine Bereicherung. Aber es ist nicht einfach. Wir hatten die Ausländerthematik bis 89 im Griff, dann kam es zu den Balkankriegen. Seither ist Integration nicht einfach. Es braucht Schulsozialarbeit.» Tiedt: «Grundsätzlich eine Bereicherung. Aber die Leute müssen sich integrieren. Ich kenne viele solcher Leute, die bringen einen Mehrwert, auch kulturell.» Spahn: «Eine Bereicherung auf jeden Fall. Die Schweizer Wirtschaft würde dichtmachen ohne Personenfreizügigkeit.» Ernst Joss: «Kinder lernen Sozialkompetenz in gemischten Schulen.»

Deutsch für Chancengleichheit

Ob die Chancengleichheit gewährleistet sei, wollte Krebs abschliessend wissen. Chancengleichheit sei abhängig vom Deutsch, erklärte Lehrer Leuch, zudem sei die Integration aller Schüler in die Regelklasse eine Illusion. Für Tiedt ist die Bildung ein zentrales Gut. Chancengleichheit sei aber auch eine Frage der Leistungsbereitschaft. Burtscher wiederum erklärte, jedermann in der Schweiz besitze Chancengleichheit, es komme nur darauf an, wie die Familie integriert sei.

Die sieben Limmattaler Nationalratskandidaten erwiesen sich als gut vorbereitet. In Bern könne man sich alle vorstellen. Den alles entscheidenden Satz dazu sagte zum Schluss Wiederkehr: «Die Aufgabe in Bern ist harte Knochenarbeit. Niemand wird auf einen warten. Man muss Allianzen schmieden, damit man etwas erreicht.»

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