Birmensdorf
Warum Pilz-Migranten grossen Schaden anrichten können

In der Schweiz haben sich schon über 300 gebietsfremde Pilze eingenistet. Am meisten Sorgen bereiten parasitäre Arten, sie können heimische Pflanzen infizieren und fügen Nutzpflanzen grossen Schaden zu.

Flurina Dünki
Merken
Drucken
Teilen
Der Tintenfisch-Pilz, eine aus Australien eingewanderte Pilzart. Beatrice Senn

Der Tintenfisch-Pilz, eine aus Australien eingewanderte Pilzart. Beatrice Senn

Beatrice Senn, WSL

Was aussieht, wie ein rotgefärbter Tintenfisch, der kopfüber im Boden steckt, ist in Wirklichkeit ein Pilz. Von seiner Heimat Australien kam er als undokumentierter Einwanderer um 1913 auf dem Seeweg nach Europa, vermutlich in einer Wolllieferung. Für die Einreise in die Schweiz wählte er den Lufttransport – der Wind trug seine Sporen in den 1940er-Jahren zu uns. Die Sporenverwehung sei einer der Wege, über die gebietsfremde Pilze, sogenannte Neomyceten, in die Schweiz fänden, sagt Ludwig Beenken von der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Andere kämen in einer Ladung Holzhäcksel oder auf eingeführten Pflanzen. Mit seiner Kollegin Beatrice Senn hat Beenken über den Zeitraum eines Jahres verschiedene Gebiete der Schweiz durchkämmt, um eingeschleppte Pilzarten zu identifizieren und deren Auswirkungen zu untersuchen.

Parasiten sind wählerisch

Kopfzerbrechen bereiten den WSL-Forschern vor allem parasitäre Pilze, die ihrer Wirtspflanze schaden. Wie derjenige Neomycet, der für das in der Schweiz verbreitete Phänomen des Eschentriebsterbens verantwortlich ist. Er gehört zu den acht für die Forstwirtschaft als schädlich eingestuften Pilz-Einwanderern – von nahezu 300 identifizierten Neomyceten. «Dass parasitische Pilze einheimische Pflanzen befallen, kommt nur in wenigen Fällen vor», sagt Beenken. Diese Parasiten infizierten meist nur diejenigen Pflanzenarten, auf denen sie sich auch in ihrem Ursprungsland einnisten würden. Auf exotischen Zierpflanzen wie Rhododendron und Platane hat das Forscherteam denn auch am meisten fremde Parasitenpilze gefunden. Befallen fremde Pilze jedoch Pflanzen, die nahe Verwandte in der Schweiz haben, kann es gemäss Beenken vorkommen, dass sie die heimische Pflanze infizieren. So gesehen etwa beim Pilz der nordamerikanischen Goldrute, der in der Schweiz auf die heimische Goldrute übersprang.

«Wir müssen diese Fälle nun genau beobachten, um herauszufinden, wie weit der Pilz der heimischen Pflanze schadet», so Beenken. Muss sich die Landwirtschaft nun gegen neuen Pilzarten wappnen, die nicht-heimische Nutzpflanzen wie Mais oder Kartoffeln befallen? Beenken entwarnt. «Diese Pflanzen sind schon seit Jahrhunderten bei uns, weshalb die meisten ihrer Schädlinge bereits identifiziert und unter Kontrolle sind.»

Pilzsammler müssen übrigens kaum giftige Invasoren fürchten. Auch der Tintenfischpilz ist – trotz der Warnfarbe – ungiftig. Die aus illegalen Zuchten «entwischten» Rauschpilze stellen wegen ihrer geringen Zahl laut Beenken ebenfalls keine Gefahr dar. Der einzige Giftpilz, der mit einem Speisepilz verwechselt werden könnte, ist der aus Afrika stammende parfümierte Trichterling, auf den Pilzsammler in letzter Zeit vorwiegend im Wallis gestossen sind. Um ihn nicht mit geniessbaren Trichterlingen zu verwechseln, sei ein Besuch beim Pilz-Kontrolleur immer angeraten.