Eltern und Kind streiten sich heftig, der Knabe kommt nicht vorwärts bei seinen Mathe-Aufgaben, die Französisch-Wörter sind auch noch nicht gelernt, obwohl schon Schlafenszeit wäre. Wegen der Häufung solcher Szenen möchte Lisa Lehner, Vizepräsidentin des Deutschschweizer Schulleiterverbands, Hausaufgaben abschaffen, wie sie kürzlich der «Schweiz am Sonntag» sagte.

In der Dietiker Schulpflege würden die Meinungen zum Thema auseinandergehen. Manche wollten die Aufgaben auch mit Berufung auf die Chancengleichheit abschaffen, sagt Gerold Schoch, Leiter der Schulabteilung Dietikons. «Es ist nicht das erste Mal, dass Stimmen zur Abschaffung der Hausaufgaben laut werden», so Schoch.

Tatsächlich beklagten sich bereits in den 1970er-Jahren die Schlieremer Chind in ihrem Lied «Die blöde Ufzgi» über die Beschneidung ihrer Freizeit durch Hausaufgaben. Die Tatsache, dass das Komponistenduo Jürg Randegger und Werner von Aesch der Problematik ein Lied widmete, zeugt vom Verständnis der beiden Lehrer für die tägliche Bürde ihrer Schüler. Die Nachfolger der Liedschreiber beschäftigt das Thema genauso intensiv. In pädagogischen Sitzungen und im Fachaustausch unter Lehrpersonen seien die Hausaufgaben immer wieder Thema, sagt Petra Sahli, Schulleiterin an der Schlieremer Schulstrasse. Für deren komplette Abschaffung plädiert sie nicht. «Massvolle, angepasste Aufgaben stellen für alle Beteiligten eine Herausforderung dar. Aber sie lohnt sich», sagt Sahli.

Erfolgserlebnisse sind nötig

Aus anderen Limmattaler Gemeinden klingt es ähnlich. Durch Hausaufgaben würden Schüler nicht nur Schulstoff vertiefen, sondern auch lernen, ihre Zeit richtig einzuteilen und Verantwortung zu übernehmen, sagt Esther Solimine, Schulleiterin des Oberengstringer Primarschulhauses Rebberg-Gubrist. «Die Frage ist weniger, ob die Lehrperson Schularbeiten geben sollte oder nicht, sondern, wie sie diese gestaltet, damit das Kind sie selbstständig erledigen kann», sagt Schoch. Dies sei wichtig, damit das Kind Erfolgserlebnisse erfahre und lerne, selbstständig zu arbeiten. Geben mehrere Lehrer einer Klasse Aufgaben, so sollten sie sich gemäss Schoch untereinander absprechen, damit die Schüler nicht zu viele aufgetragen bekommen.

In Uitikon wird der Sinn der Hausaufgaben und die Wichtigkeit der selbstständigen Erledigung gemäss Eveline Mathis, Schulleiterin Kindergarten- und Unterstufe, auch am Elternabend besprochen. «Eltern können ruhig einen Blick auf die Arbeit ihrer Kinder werfen.» Aber beim Erledigen der Hausaufgaben sollten sie besser nicht helfen, sagt Mathis. Weshalb also die Häufung der «Ufzgi-Dramen» im Familienwohnzimmer? Die Situation jedes Schülers, jeder Schülerin müsse dazu individuell betrachtet werden, da die Gründe zahlreich seien, antworten die meisten Befragten. Streit könne dann auftreten, wenn keine festen Zeiten im Tagesablauf für Aufgaben vorgesehen oder überhaupt keine Zeit dafür eingeplant seien, sagt Sahli. «Falls Eltern für die Betreuung – nicht für die Erledigung – der Hausaufgaben keine Zeit finden, stehen Angebote wie Hort, Mittagstisch und Aufgabenbetreuung zur Verfügung.» Es könne auch sein, dass die Kinder mit den Hausaufgaben überfordert seien. In diesem Falle sei es jedoch nicht sinnvoll, wenn die Eltern diese erledigten, da dies der Entwicklung des Kindes nicht helfe. Eine Rückmeldung an die Lehrperson sei dann der richtige Weg um die Situation für alle Beteiligten zu verbessern.

Was hilft Fremdsprachigen?

Die Chancengleichheit der Kinder ist einer der Hauptgründe, weshalb sich der Schulleiterverband für die Abschaffung der Schularbeiten stark macht. Für Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogik, spielt auch mit, dass ein Drittel der Eltern zu wenig Deutsch kann, um bei den Hausaufgaben zu helfen. Dies sagte er jüngst in einem Interview mit dem «Migros Magazin»,

Betroffene Eltern befürworten aber ebenfalls die Beibehaltung der Hausaufgaben. Dies beobachtet Cennet Sönmez, die als interkulturelle Dolmetscherin bei vielen Elterngesprächen im Limmattal vermittelt. «Was fremdsprachige Eltern sich wünschen, sind gute Lernchancen für ihre Kinder. Dazu gehört das individuelle Eingehen der Lehrerin auf das Kind und die Möglichkeit der Hilfe bei den Hausaufgaben», so Sönmez. Sie höre von vielen Eltern, dass der Lerneffekt bei Hausaufgaben am grössten sei. Derselben Meinung ist Fatma Okur, die im Kindergartenalter aus der Türkei in die Schweiz kam. «Meine Eltern sprachen nicht gut Deutsch. Ich ging für die Aufgaben oft zu einer Schweizer Schulfreundin, deren Mutter uns half, wenn wir nicht weiterwussten.» Die Hausaufgaben ganz abzuschaffen, sei nicht sinnvoll.

Als Mutter wolle sie mitbekommen, welche Themen ihre Kinder in der Schule behandelten und ob sie gut mitkämen, sagt Okur. Heute bestehe übrigens weniger Notwendigkeit, sich privat zu organisieren, weil das Angebot der schulischen Aufgabenhilfen zugenommen habe. Dies werde von fremdsprachigen Eltern als grosse Erleichterung empfunden, sagt Okur.