Der Boden bebt. Die Baumaschinen lärmen. Im Fünfminutentakt frequentieren schwer beladene Lastwagen die Baustelle für die dritte Gubriströhre in Weiningen. Acht Personen stehen auf der Chübelackerstrasse, die sich gleich daneben befindet. Franziska Renggli versieht gerade eine Liste mit ihrer Unterschrift. «Fünf Jahre lang müssen wir diesen Lärm ertragen und danach werden wir sogar noch bestraft, indem man uns die Strasse sperrt», sagt sie und drückt Heinrich Mühle das Papier in die Hand. Er und weitere Anwohner der Chübelackerstrasse sammeln derzeit Unterschriften für eine Petition. Diese soll die Schliessung der Quartierstrasse verhindern.

Im Zusammenhang mit dem Bau der dritten Gubrist-Röhre muss die Kreuzung der Umfahrungs- und Zürcherstrasse in Weiningen neu gestaltet werden. Das hat die Schliessung der Chübelackerstrasse zur Folge, wie der öffentlichen Planauflage (Mitwirkungsverfahren) zum Projekt im Sommer 2017 zu entnehmen war. Die Anwohner sollen ihr Quartier ab 2021 nur noch über die Ifang- und Chalofenstrasse erreichen. «Ich habe damals nicht schlecht gestaunt, als ich in den Plänen gelesen habe, dass die Strasse zur Sackgasse wird», sagt Heinrich Mühle. Er wirft dem Kanton und der Gemeinde eine irreführende Kommunikation vor.

Denn: In der Einladung zur Informationsveranstaltung für die Grundeigentümer im Grossraum Chübelacker im August 2015 sei in keiner Weise die Rede von einer Schliessung gewesen. Vertreter des Kantons hätten diverse Varianten präsentiert, nur eine davon sei die vollständige Sperrung gewesen, sagt Mühle. «Auch in der amtlichen Publikation zur Einsicht in die Projektauflage im November 2017 stand kein Wort davon», sagt der Anwohner Oskar Steinacher. Durch diese verharmlosende Wortwahl sei niemandem in den Sinn gekommen, dass es sich um eine so einschneidende Veränderung handeln könnte, sagt Steinacher.

Zu schmale Strassen

Einen Vorgeschmack darauf, welche Auswirkungen die Schliessung der Strasse hat, erhielten die Bewohner in den vergangenen Wochen. Aufgrund von Leitungsverlegungen und dem Bau eines provisorischen Kreisels war die Ein- und Ausfahrt von Mitte April bis Ende letzter Woche gesperrt. «Die Schliessung führt nicht nur zu mehr Lärm und Abgas im Quartier wegen längerer An- und Wegfahrten, auch die Sicherheit leidet», sagt Mühle und seine Nachbarn nicken. «Die Chalofenstrasse, über die die Anwohner bei der neuen Verkehrsführung aus dem Quartier fahren müssen, ist schmal und unübersichtlich. Es gibt kein Trottoir. Das kann für Kinder auf dem Schulweg und Spaziergänger sehr gefährlich sein, wenn mehr Verkehr auf dieser Strasse herrscht», sagt Regula Lieberherr. Zum Glück seien ihre Kinder schon gross.

«Ich würde sie nicht mehr alleine zur Schule schicken.» Das findet auch Annette Meier, die ebenfalls an der Chübelackerstrasse zu Hause ist. Mühsam sei die neue Zufahrt ausserdem für Handwerker und Besucher, findet Mühle. «Sie finden den Weg ins Quartier nur noch schlecht.»

Die Verlegung auf die schmalen Quartierstrassen birgt laut Ruth und Karl Weber aber noch andere Gefahren und Unannehmlichkeiten. «Bei Notfällen erschwert das die Zufahrt für Ambulanz und Feuerwehr», sagt das Ehepaar. Sorgen mache ihnen der Kamin für den Giftgas-Rauchablass des Autobahntunnels, der ein paar Meter entfernt von der Chübelackerstrasse aus dem Boden ragt. «Durch die Sperrung haben Rettungskräfte keinen direkten und schnellen Zugang zu unserem Quartier.»

Die Anwohner setzen nun alles daran, dass es bei der kürzlich beendeten temporären Sperrung bleiben wird. Fünf Betroffene haben Einsprache gegen die Umgestaltung eingereicht. «Wir fordern, dass die kantonale Baudirektion ihre Pläne, unsere Strasse zu schliessen, verwirft und stattdessen einen Kreisel realisiert oder den ursprünglichen Zustand wiederherstellt.»

Und auch die Petition, die sie im Sommer dem Gemeinderat unterbreiten wollen, soll Druck machen. «Wir fordern den Gemeinderat auf, sich für unser Anliegen beim Kanton einzusetzen», sagt Mühle. Man werde das Gefühl nicht los, dass die Gemeindebehörde ihrem Quartier wenig Beachtung schenke, findet Otto Kuhn. Er ist der Verwalter einer Liegenschaft an der Chübelackerstrasse. «Es wäre eine gute Gelegenheit zu zeigen, dass ihr die Bewohner hier doch am Herzen liegen», sagt er. Bisher haben die Anwohner bereits über 150 Unterschriften gesammelt.

Weininger Zentrum entlasten

Die kantonale Baudirektion befindet über die fünf Einsprachen. Der Entscheid ist gemäss Thomas Maag, Mediensprecher der Baudirektion, im Herbst zu erwarten. Die Begründung für die Schliessung kann er bereits jetzt geben: «Ein direkter Anschluss ist aufgrund der Netzhierarchie, der Steuerbarkeit der Kreuzung, der neuen Fussgänger- und Veloführung und des Lärms nicht mehr erwünscht.» Erste Priorität habe der Bus und dass der Verkehr auf die Umfahrungsstrasse gelenkt werde, um so das Weininger Zentrum vor übermässigem Verkehr zu bewahren. «Das ist nur mit einer Kreuzung mit Lichtsignalanlage möglich», sagt Maag. Und auch der Lärmschutz spielt eine Rolle. «Ein zusammenhängender und vorgeschriebener Lärmschutz ist nur herstellbar, wenn die Erschliessung des Chübelackerquartiers rückwärtig erfolgt.» Aus all diesen Gründen werde eine definitive Lösung mit Kreisel nicht angestrebt. Während der Bauarbeiten setze man aber auf einen Kreisel. «Die komplexen Arbeiten an der dritten Gubrist-Röhre erfordern viel Platz. Eine Kreuzung mit separaten Abbiegespuren ist während diesen Bauphasen deshalb nicht möglich», erklärt Maag.

Die Bedenken der Anwohner bezüglich Sicherheit, Mehrverkehr, zusätzlichen Lärms und engen Platzverhältnissen weist Maag zurück. «Die bestehenden Quartierstrassen genügen den einschlägigen Strassennormen, dem Verkehrsaufkommen und den Ansprüchen für alle Nutzenden wie etwa der Schneeräumung, Abfuhr, Heizölanlieferung oder Blaulichtorganisationen.» In Weiningen gebe es einige schmalere Quartiererschliessungsstrassen. Nur für wenige Quartierbewohner ergäben sich geringfügig längere Zufahrtswege, so Maag. Er sieht sogar Vorteile: «Andere Anstösser werden vom internen Quartierverkehr entlastet und profitieren von einem integralen Lärmschutz entlang der Zürcherstrasse.»

Der Weininger Gemeinderat reagiert ähnlich auf die Forderungen der Anwohner. «Eine Kreuzung mit Lichtsignalanlage ist die beste Lösung. So kann man den Verkehr bei Stausituationen lenken. Bei einem Kreisel geht das nicht. Der Bus würde blockiert und könnte dem Fahrplan nicht entsprechen», sagt der Gemeinderat. Zudem sei eine Kreuzung mit Ampelanlage für alle Verkehrsteilnehmer, insbesondere für Fussgänger und Radfahrer die sicherste Variante. Laut Berechnungen würden im Jahr 2030 etwa 13 Prozent mehr Fahrzeuge den Knoten passieren. «Darauf müssen wir vorbereitet sein.»

Die Kritik, dass man nicht transparent genug informiert und sich nicht für die Betroffenen eingesetzt hätte, weist der Gemeinderat zurück: «Die Gemeinde hat die betroffenen Anwohner 2015 zu einer speziell für sie organisierten Informationsveranstaltung eingeladen und ihnen die machbaren Varianten aufgezeigt und nachgefragt, ob sie mit einer Schliessung leben könnten.» Man sei damals bei der sehr gut besuchten Veranstaltung auf keinen Widerstand gestossen. Dass einige der heutigen Gegner gar nicht anwesend waren, dafür könne die Gemeinde nichts.