Birmensdorf

Warum diese 52-Jährige eine Schnupperlehre macht

EKZ Eltop bietet im Limmattal neu Schnuppertage für Eltern an. Eine Uitikerin nahm gestern am Programm in Birmensdorf teil.

Die Tür in einem Neubau in Thalwil geht auf und herein tritt der Lehrling Severin Gahler. Der 16-Jährige hat sich für die Lehrstelle als Elektroinstallateur bei EKZ Eltop in Birmensdorf, einer Tochtergesellschaft der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich, entschieden. Er eilt mit einer Kabelrolle durch die Gänge. Weiter hinten ist der bauleitende Elektroinstallateur Marcos Vasquez in einer Sitzung. Er bespricht mit anderen Verantwortlichen das weitere Vorgehen, wie das erstellte Provisorium nach einem Wasserschaden wieder abmontiert werden kann. Es herrscht Alltagsbetrieb im Gebäude. Dennoch ist etwas entscheidend anders: Die beiden werden von Tanja Truniger-Hardegger aus Uitikon begleitet. Sie ist zweifache Mutter und packt tatkräftig mit an, denn schliesslich absolviert sie gerade ihren Schnuppertag.
Zum ersten Mal bietet EKZ Eltop explizit den Eltern und nicht nur interessierten Jugendlichen die Möglichkeit, den Lehrberuf als Elektroinstallateur oder Elektroinstallateurin aus der Perspektive eines Schnupperlehrlings kennen zu lernen. Ihr Ziel: Dem langsamen Rückgang beim Nachwuchs handwerklicher Berufe Gegenwind zu bieten. So sollen vor allem die Vorteile einer Lehre den Eltern mit dieser Aktion nähergebracht werden. «Es sind oft die Bezugspersonen, die mitentscheiden, welchen Beruf ein Kind wählt», sagt EKZ-Sprecherin Anja Rubin. Die Eltern würden dabei vermehrt eine akademische Ausbildung für die Kinder bevorzugen und die beruflichen Chancen einer Lehre zu wenig kennen. Deshalb sei es wichtig, aufzuzeigen, dass nicht nur das Gymnasium einen erfolgreichen Weg darstelle.

Lehrlingsausbildung hat sich in den letzten Jahren stark verändert

Die Kampagne «Schnupperlehre für Eltern» wird im Kanton in fünf Filialen angeboten. Mit den Standorten in der Fahrweid und Birmensdorf stehen zwei davon im Limmattal. «Das Interesse war grösser als gedacht, aber nur eine Person kann pro Tag jeweils schnuppern», sagt Rubin. Auch Truniger-Hardegger hatte mit ihrer Anmeldung ein klares Ziel vor Augen: Sie möchte als Beraterin den eigenen Sohn optimal unterstützen können. «Ich habe nach dreissig Jahren keine Ahnung mehr, wie eine Lehre abläuft», sagt sie. Als Hausfrau und Mutter habe sie einen Grossteil der Entwicklungen verpasst. Umso mehr gefalle ihr dieser Schnuppertag. «Wie denn sonst kann ich meinem Sohn bei der Suche nach einer geeigneten Lehrstelle behilflich sein?», fragt sie. «Es würde ihm herzlich wenig helfen, wenn ich ihm erkläre, wie es früher einmal war.» Ihr Sohn werde bereits in zwei Jahren und fünfzehnjährig eine Lehre beginnen, weil die Schule kein Thema mehr für ihn sei. Sie sei deshalb froh, dass sie auf diesem Weg auch ihre offenen Fragen stellen könne.
Wir gross die von aussen scheinbar kleine Filiale im Zentrum von Birmensdorf tatsächlich ist, konnte Truniger-Hardegger bei einem Rundgang durch die Gänge selber feststellen. Der Treffpunkt war um 7.00 Uhr früh. Als Erstes bekam sie ein Merkblatt von Filialleiter Sascha Dürig in die Hand gedrückt, bevor er ihr das Handwerkszeug überreichte. «Gut aufpassen, denn diese Geräte sind bei Elektroinstallateuren besonders beliebt», scherzte er. Dann berichtete er ihr über die vielfältigen Ansprüche, die der Beruf heute aufgrund der technischen Errungenschaften mit sich bringt. «Genau solche Dinge wollte ich erfahren», äusserte sich Trunig-Hardegger zufrieden.
Was ihr aber besonders geholfen habe, sei der anschliessende Austausch mit dem Lehrling im Auto auf der Fahrt zum Kunden gewesen: «Ich konnte ihn direkt zu seinen Erfahrungen im Betrieb und seinen Berufswünschen im Vorfeld befragen und so mehr herausspüren, ob die Lehre auch für meinen Sohn etwas wäre.» Er habe schliesslich fast das gleiche Alter, sagte sie.

Für die Arbeit empfiehlt es sich, den Strom abzuschalten

Kurze Zeit später standen alle drei vor dem Hauptverteiler für das ganze Haus. Dass es zu den wichtigsten Aufgaben von Elektroinstallateuren gehört, den Strom auszuschalten, kann man als Aussenstehende noch nachvollziehen. «Äusserst unangenehm, wenn man das vergisst», sagte Vasquez und grinste. Er ist seit 2013 für EKZ Eltop tätig. Um die weiteren Arbeiten zu verrichten, wie etwa die Bodensteckdose im Zimmer zu verschliessen, bedarf es schon mehr Wissen. Einzelne Kabel standen aus dem Boden hervor. «Der Beruf hat sich definitiv gewandelt, sagte Trunig-Hardegger. Sie sei besonders erstaunt gewesen, dass die alten Sicherungen noch verwendet werden. «Ich dachte, die sind nur noch in Altbauwohnungen zu sehen.» Zudem habe sie eine wichtige Information erhalten: Der hohe Notendurchschnitt in Mathe von einer 5,5 sei für einen Karrierestart und die Lehre als Elektroinstallateur nicht zwingend.
Die 52-jährige Mutter zeigte sich vom Angebot zufrieden. Schliesslich wissen Eltern nicht immer alles besser, aber oft wissen sie weiter.

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Autor

Cynthia Mira

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