Dietikon
Warum der Tiger ein neues Hüftgelenk bekommt

Die malaysische Tigerdame «Girl» aus dem deutschen Bergzoo Halle kann wieder laufen. Die achtjährige Raubkatze litt am rechten Hüftgelenk an einer Arthrose, monatelang plagten sie Schmerzen, sie zeigte Lähmungserscheinungen.

Katja Landolt
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Tierklinik für Tiger in Dietikon
6 Bilder
Der Hüftbereich der Tigerin wird für die Operation rasiert
Mit dem Fräser aus der Dietiker Werkstatt wird das Loch für die Pfanne gefräst
Die achtjährige Tigerdame wird auf die Operation vorbereitet
Tigerin Girl wird das Implantat mit dem Hüftknochen verschraubt
Martin Bräm, Geschäftsführer der Gebr

Tierklinik für Tiger in Dietikon

Limmattaler Zeitung

Dass das seltene Tier gerettet werden konnte, ist mitunter einem Limmattaler Betrieb zu verdanken: Das Implantat und die dazugehörigen Werkzeuge entwickelt hat das Dietiker Präzisionsmechanik-Unternehmen Gebrüder Bräm AG.

Die Zeit drängte. Innert acht Wochen mussten das Titan-Implantat und das Werkzeug für die dreistündige Operation erstellt werden. Die Schwierigkeit: Noch nie wurde einem malaysischen Tiger ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt - weltweit.

Mal Hund, mal Tiger

«Wir hatten glücklicherweise bereits grosse Erfahrung in der Herstellung von Implantaten für Hunde», sagt Geschäftsleiter Martin Bräm. Seit Jahren arbeitet das Dietiker Unternehmen mit der Zürcher Firma Kyon zusammen, dem weltweit führenden Unternehmen für Instrumente und Implantate für den veterinärmedizinischen Bereich der Orthopädie und Traumatologie.

«Gemeinsam haben wir ein System entwickelt, bei dem das Hüftimplantat nicht mehr in den Knochen geschlagen, sondern an den Knochen anliegend verschraubt wird», sagt Bräm. Ausserdem ist das Pfannenimplantat doppelt ummantelt und gelocht, sodass der Knochen besser mit der Prothese verwächst. Ein System, das deutlich länger hält, gerade bei aktiven Patienten. «Egal ob Hund, Mensch - oder eben Tiger», sagt Bräm und lacht.

Herzstillstand während Operation

Vom Tiger-Hüftgelenk wurden sicherheitshalber zwei Exemplare gefräst. «Alles war ein wenig grösser als bei Hunden, aber vom Grundprinzip her gleich», sagt Bräm. Das Werkzeug wurde so konzipiert, dass die Bohrer und Schrauben in Kanälen punktgenau geführt und zusätzlich stabilisiert werden. «So kann der Chirurg so genau arbeiten wie ein Präzisionsmechaniker», sagt Bräm.

Im Januar dann der Operationstermin in der Klinik der Veterinärmedizinischen Fakultät der Uni Leipzig: Fünf Spezialisten stehen bereit, um die Tigerin zu operieren. Innert drei Stunden soll das neue Hüftgelenk eingesetzt werden. Die Operation verläuft gut, dann plötzlich treten Komplikationen auf. «Girl» erleidet fast einen Herzstillstand.

Keine Komplikationen

Nach der Operation wird die Tigerin zurück in ihr Gehege gebracht; wochenlang darf sie nicht raus, muss im Innenbereich bleiben. Ohne Zoobesucher, ohne Aufregung. Zu gross ist die Gefahr, dass das künstliche Hüftgelenk noch ausrenken könnte. Dann, nach acht langen Wochen, die gute Nachricht: «Girl» geht es ausgezeichnet, die Tigerin läuft geschmeidig wie ein junges Kätzchen. Das Implantat ist fest in den Knochen eingewachsen, die Operationswunde komplett verheilt.

Eine grosse Erleichterung; nicht nur für das Zoopersonal in Halle und das Operationsteam in Leipzig, sondern auch für die Polymechaniker in Dietikon: «Es war schon etwas ganz anderes, ein Implantat für einen Tiger und nicht einfach ein normales Werkstück zu fertigen», sagt Bräm. Die Anteilnahme am Gesundheitszustand der aussergewöhnlichen Patientin sei bei allen Mitarbeitern gross gewesen.

Vom Aussterben bedroht

Warum wurde die Geschichte nicht schon vor Monaten publik gemacht? «Wir haben sehr vorsichtig kommuniziert, weil wir keinen Flop generieren wollten», sagt Bräm. Man wollte erst die Wochen und Monate nach der Operation abwarten und erst an die Medien gelangen, wenn nichts mehr schief laufen konnte.

«Es ist wunderbar zu wissen, dass man diesem seltenen Tier zu einer neuen Lebensqualität verholfen hat», sagt Bräm. Man könne sich zwar durchaus fragen, weshalb man Tieren eine solche Operation zumutet. Aber in «Girls» Fall sei die Sache eindeutig: Der Malaysia-Tiger zählt zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten; weltweit leben in freier Wildbahn gerade noch 500 Tiere. Bräm: «Wir haben eine Verpflichtung - wenn wir gewisse Tierarten schon an den Rand des Aussterbens bringen, sollten wir die, die noch hier sind, hüten wie einen Schatz.»

Und die Chancen stehen gut, dass Tigerdame «Girl» bis an ihr Lebensende mit dem Dietiker Implantat leben kann.

Technologie Tage 2011 Am Samstag, 22. Oktober, lädt die Gebr. Bräm AG zur Hausmesse. Dort können das Tiger-Implantat und die Originalwerkzeuge betrachtet werden. Von 10 bis 16 Uhr, Lerzenstrasse 4, Dietikon