Dietikon
Walter Kunz ist der Geburtshelfer der Limmattaler-Orchideen

Im Auftrag des Kantons marschiert Walter Kunz jedes Frühjahr durchs Limmattal und führt seit 33 Jahren Buch über die Bestände heimischer Orchideen. Die seltenen Pflanzen faszinieren den früheren Obergärtner bis heute.

Anina Gepp
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Walter Kunz' Balkon im Dietiker Stadtzentrum wird nebst Rosen auch von blühenden Orchideen geschmückt.

Walter Kunz' Balkon im Dietiker Stadtzentrum wird nebst Rosen auch von blühenden Orchideen geschmückt.

Ein Lächeln umspielt Walter Kunz’ Mund, als er durch seinen alten Diabetrachter Nahaufnahmen einer Limmattaler Hummelragwurz ansieht. Die schlanke, jedoch kräftige Orchidee trägt zehn rosa bis tief weinrot eingefärbte Blüten. «Wunderschön», meint der 82-Jährige.

Die speziellen Pflanzen faszinieren den gelernten Floristen und jahrelangen Obergärtner bis heute. «Wenn ich den Leuten erzähle, dass es im Limmattal über 20 verschiedene Orchideenarten gibt, dann wird mir das kaum geglaubt», sagt der Dietiker. Doch wenn sich dessen einer sicher ist, dann Walter Kunz. Er zählt die Bestände der wilden Orchideen im Limmattal seit 33 Jahren – ohne jegliche Lücken.

Mittlerweile ist Kunz sogar im Auftrag des Kantons unterwegs. Der ursprüngliche Gedanke dahinter sei aber ein anderer gewesen, wie Kunz sagt. «Ich habe damals die Aufsicht in den Naturreservaten übernommen. Dabei ist mein Interesse an Orchideen immer grösser geworden und ich wollte unbedingt wissen, wie viele dieser Pflanzen es genau gibt.»

Eigene Technik für die Bestandesaufnahme

Seither stapft Kunz Jahr für Jahr zur Blütenzeit im Frühling quer durchs Limmattal und zählt jede einzelne Orchidee. Dass er dabei eine übersieht, kommt höchst selten vor. Mittlerweile hat sich der Naturliebhaber verschiedene Orientierungshilfen zurechtgelegt. «Manchmal bilde ich mit Schilfblättern grosse Quadrate am Boden und verschiebe sie Meter für Meter, damit ich keine Pflanze zweimal zähle, so Kunz. Oder er skizziere kurz die Umgebung auf Papier, nehme Bäume als Anhaltspunkt und marschiere die Gebiete mehrmals auf und ab. Laut Kunz seien seine Statistiken und Zahlen die am weitesten zurückreichenden in der ganzen Schweiz. Niemand hat bisher über einen Zeitraum von über dreissig Jahren den Orchideenbestand einer Region so sauber dokumentiert.

Die Bestände der Orchideen schwanken extrem und niemand weiss warum. Walter Kunz möchte immer aufs Neue herausfinden, weshalb es einige Arten im Limmattal in manchen Jahren zu Hunderten gibt und in anderen kaum zwanzig Pflanzen zu finden sind. «Es wird wohl immer ein Geheimnis bleiben», sagt er.

Doch der Mensch trage bestimmt auch seinen Teil dazu bei. Beispielsweise indem er Magerwiesen dünge. «Dadurch wird der Pilz im Boden, der unabdingbar wichtig ist für die Nahrung des Orchideensamens, für lange Zeit zerstört.» Auch die Umnutzung von Magerwiesen für Bauland gefährde die empfindlichen Pflanzen. Kunz reicht es deshalb nicht, die Orchideen bloss zu zählen. Er möchte nicht dabei zusehen, wie es von vielen Arten immer weniger Pflanzen gibt. Wenn der Bestäuber fehle – oftmals könnten bestimmte Orchideen nur von wenigen Insekten bestäubt werden – hätten es die Pflanzen schwer.

Nur der richtige Pilz nährt den Samen

Für seine geliebte Hummelragwurz spielt er gerne den Geburtshelfer. Mithilfe eines Grashalms entnimmt er der seltenen Pflanze Blütenstaub und bestäubt eine andere damit. Die Samen verstreut Kunz dann auf dem Boden, wo schon einmal Bestände der Orchidee gewachsen sind. Es nütze nichts, die Samen einfach irgendwo zu streuen, weiss Kunz. Es müsse der richtige Pilz im Boden sein, der den Samen auch nährt.

Ob das Projekt tatsächlich fruchtet, weiss der Naturliebhaber aber erst lange Zeit später. Allein drei Jahre können vergehen, bis eine kleine Pflanze aus dem Boden wächst. Bis die Orchidee tatsächlich blüht, können weitere fünf Jahre verstreichen. «Stillhalten und warten», sagt Kunz. Das könne nicht nur die Orchidee gut, sondern habe auch er lernen müssen.

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