Inmitten der historischen Kulisse der Zürcher Altstadt erhält der Urdorfer Maler und Schriftsteller Walter Ehrismann seinen letzten grossen Auftritt. Im Antiquariat Bibleon, dessen Räume auch als Galerie dienen, sind derzeit rund 40 Werke des 2013 verstorbenen Urdorfers ausgestellt und können erworben werden. Bereits beide Schaufenster des kleinen Geschäfts sind mit Werken Ehrismanns ausstaffiert.

Seine Frau Alice blickt durch die Glasscheibe und erklärt, dass dies zwei seiner früheren Werke aus den 1970er Jahren seien. Unter dem Titel «Form und Bewegung» malte er die schweren Figuren, die sich müssig, beinahe schmerzvoll, verkrümmen. «Diese Werke stehen für die Aufarbeitung seines Unfalls im Jahr 1966, der ihn für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl fesseln sollte», sagt sie. Die Figuren auf den Bildern würden widerwillig in eine Form gepresst: «So muss sich diese Phase seines Lebens für ihn angefühlt haben», sagt Alice Ehrismann und betritt die Galerie. Drinnen empfängt sie der unverkennbare Geruch von antiken Büchern. An Wänden, die nicht von Büchern oder Möbeln verdeckt sind, präsentieren sich die Bilder ihres verstorbenen Mannes. Freundlich begrüsst sie der Besitzer, Leonidas Sakellaridis. Er war ein Bekannter des Künstlers. So habe sich auch die Gelegenheit ergeben, hier auszustellen. «Schon mein Mann wusste, dass man ohne Geld und ohne Kontakte in der Kunstwelt nicht weit kommt», sagt sie.

Es scheint, als ob die Bilder, die hier im Inneren ausgestellt sind, von einem anderen Künstler wären, als diejenigen in der Auslage. Keines kommt ohne Farben aus, sie muten fröhlich an. Abstrakte Formen dominieren, im hinteren Teil sind drei seiner ersten Werke, die grossen Collagen (1970), ausgestellt. «Er hat sich trotz seines Unfalls nie seiner Fröhlichkeit berauben lassen», sagt Alice Ehrismann. Man sehe, dass er der Welt viel Positives abgewinnen konnte. Eines seiner wenigen nicht abstrakten Bilder zeigt eine Stimmung aus den Ferien im Süden und heisst «Morgen am See». «Keine Spur von Verbitterung», sagt Alice Ehrismann. Die Kunst habe ihm sehr geholfen über den folgenschweren Unfall hinwegzukommen und ihn zu verarbeiten. Alice Ehrismann muss es wissen. Sie war über 40 Jahre die engste Vertraute ihres Mannes. «Ich begleitete ihn jeden Tag in sein Atelier in Urdorf. Das Wort ‹begleitete› ist hierbei zentral. Denn hätte ich gesagt, dass ich ihn in seinem Rollstuhl gestossen habe, wäre ein Ungleichgewicht entstanden.» Jeweils abends, vor dem Nachhausegehen, diskutierten sie über die Bilder. «Für Walter ging es nicht nur darum, sich in seinen Bildern auszudrücken, sondern viel mehr, was diese beim Betrachter auslösen». So bekamen etliche seiner Werke zufällig anmutende Titel wie «Heller Klang aus dunkler Flöte» oder «Beim Lächeln des Gewürzhändlers».

Walter Ehrismann wurde 1943 in Zürich geboren und besuchte das Lehrerseminar in Küsnacht. 1964 nahm er an der Zürcher Fachhochschule für Gestaltung ein Studium in Angriff, das jedoch 1966 vom Unfall unterbrochen wurde. Der Bruch eines Halswirbels brachte ihn in den Rollstuhl, seine Hände konnte er nur eingeschränkt benutzen. In den zwei Jahren Spitalaufenthalt begann er wieder zu Malen, als Therapie für Körper und Geist. Alice und er heirateten 1968 und zogen nach Urdorf, wo er nach zwei Jahren Weiterbildung eine Anstellung als Sekundarlehrer fand und bis zu seiner Pensionierung arbeitete. Zwei Söhne kamen Anfang der 1970er Jahre zur Welt. An der Feldstrasse 49 in Urdorf richtete er sich 1974 sein Atelier im Parterre ein und arbeitete an seinen Bildern und seinen literarischen Texten. Seine Werke zeigte er in Einzelausstellungen in der ganzen Schweiz – von Luzern über Eglisau bis Chur. Im 1997 stellte er an der Druckgrafik-Biennale in Stuttgart aus. Sein einziger Roman heisst «Berührt» und wurde im Jahr 2011 veröffentlicht.

«Auch für diese Ausstellung, die Sie hier sehen, hat Walter bereits mit Vorbereitungen begonnen», sagt Alice Ehrismann. Doch dann sei er ja bekanntlich nicht mehr dazu gekommen. Ein Hirnschlag führte zu seinem unerwarteten Tod. Erst habe sie diesen Verlust verarbeiten müssen. Das stattliche Archiv an Bildern im Atelier begann sie zu ordnen, zügelte die Bilder in einen kleineren Raum in Urdorf. Interessierte können die Werke nach Anmeldung dort betrachten.

Alice Ehrismanns Augenwerden bei der Frage nach ihrem persönlichen Lieblingsbild ganz gross. Sie dreht ihren Kopf und zeigt in den hinteren Teil des Raumes. Allein hängt dort ein abstraktes Werk. Weiss und Pastelltöne wechseln sich mit Dunkelblau und Schwarz ab. Ins Auge sticht die bröckelige Beschaffenheit des Bildes: «Mein Mann hat diese Leinwand zuerst mit Sand und schwarzer Farbe grundiert. Dann erst begann er zu malen. Die Ölfarben mischte er selbst nach alten Rezepten. Eigelb, Nelkenöl und die gewünschte Farbe – so leuchten die Farben und durch den körnigen Untergrund bekommt das Bild Struktur und Tiefe.» Fast schon als Wink des Schicksals wurde dieses Bild an der Vernissage vom vergangenen Samstag als eines der ersten verkauft.

Schmerzt das Loslassen vom Lebenswerk ihres Gatten nicht? «Es ist nicht einfach. Doch empfinde ich es als eine grosse Ehre, dass Menschen bei sich zu Hause Walters Werke aufhängen wollen», so Ehrismann. Dies trage sein Werk in die Welt hinaus und mache ihn ein wenig unsterblich.

Biblion, an der Kirchgasse 44 in Zürich, zeigt die Werke Walter Ehrismanns noch bis zum 21. November