Kennen Sie ihn, den Moment, in dem das Leiden akuter wird und Ihnen Wikipedia oder Webforen nahelegen, das könnten nun gut auch Symptome eines Hirnschlags, eines Herzinfarkts oder sonst einer schlimmen Krankheit sein, die sofortiger ärztlicher Abklärung bedingt? Hatten Sie auch schon Mühe, einen Arztbesuch mit dem prall gefüllten und vielleicht auch im Voraus schwer absehbaren Arbeitskalender zu vereinbaren? Wenn Sie diese Fragen mit Ja beantworten, gehören Sie zum Zielpublikum einer wachsenden Angebotsart im Gesundheitssektor: den sogenannten Walk-In-Praxen, in die Sie ohne Anmeldung hereinspazieren und vor Ort auf den nächsten verfügbaren Arzt warten können. Häufig sind diese auch länger geöffnet als herkömmliche Praxen.

Im Limmattal gibt es mittlerweile bereits mehrere solche Angebote. Seit über einem Jahr empfängt das zum Kantonsspital Baden gehörende Ärztezentrum Limmatfeld Patientinnen und Patienten ohne Voranmeldung: Montag, Dienstag und Freitag von 8 bis 18, Mittwoch und Donnerstag von 7 bis 20 Uhr. Die Nachfrage sei gross und nehme stetig zu, sagt Standortleiter Peter Hüsser; vorerst sei zwar keine Erweiterung der Öffnungszeiten geplant, in Zukunft aber durchaus denkbar – «sobald wir gewährleisten können, dass dabei die Qualität gleich bleibt».

«Dr. Google» verunsichert

Soeben wurde zudem die zweite Walk-In-Praxis in Dietikon eröffnet: In der Überbauung Trio bietet das Limmattaler Hausärztenetzwerk Medvadis seit kurzem Arzttermine ohne Anmeldung an, von Montag bis Freitag, durchgehend zwischen 8 und 20 Uhr. René Schmid, der das Dietiker Zentrum leitet, sagt, damit reagiere man auf veränderte Lebensgewohnheiten. Dazu gehören nicht nur «eine gewisse Alles-Sofort-Mentalität» und «Dr. Google», der schnell mal verunsichern kann. Vor allem seien es die Arbeitsbedingungen, die kurzfristig geplante Arztbesuche mitten am Tag häufig verunmöglichen: «Heute können viele Leute ihren Arbeitsplatz leider nicht mehr verlassen, um einen Arzttermin wahrzunehmen», sagt Schmid.

Arbeitgeber sind zwar rechtlich dazu verpflichtet, solche Kurzabsenzen zu gewähren; die Realität sehe aber häufig anders aus, sagt Schmid. Zudem beobachte er, dass bei krankheitsbedingten Abwesenheiten heute vermehrt schon ab dem ersten Tag ein ärztliches Zeugnis gefordert sei – was wiederum für eine grössere Nachfrage nach Spontanterminen sorgt.

In den vier Wochen seit Eröffnung sei die Walk-In-Praxis zwar «nicht gerade überrannt» worden, sagt Schmid. Er ist aber überzeugt, dass dies mehr daran liegt, dass Medvadis noch nicht öffentlich kommunizierte, und weniger daran, dass der Markt schon gesättigt ist. Im Gegenteil: Das Ziel sei, die Öffnungszeiten werktags bis 22 Uhr zu verlängern und auch an Wochenenden die Türen zu öffnen. Bisher hätten vor allem neue Patientinnen und Patienten die Walk-In-Praxis aufgesucht. Es sei auch nicht das Ziel, dass die regulären Patienten, die bei Dr. Schmid im Hausarztmodell gemeldet sind, plötzlich nur noch spontan aufkreuzen. «Doch wir können natürlich auch nicht die eigenen Patienten diskriminieren, das Angebot steht allen offen.»

Erste Adresse: Notfall

Den wachsenden Wunsch nach Flexibilität in der Gesundheitsversorgung kennt man auch am Spital Limmattal. 2010 wurde dort die Notfallhausarztpraxis gegründet. Sie hat sowohl den gesetzlich zu Notfalldiensten verpflichteten Hausärzten wie auch dem herkömmlichen Notfallpersonal des Spitals das Leben leichter gemacht. Dies sagen sowohl Hans Matter, der «Limmi»-Notfall-Chefarzt, wie auch Theo Leutenegger: Der Dietiker Hausarzt koordiniert die Einsätze seiner Kollegen.

Schon die Gründung dieser Notfallhausarztpraxis war eine Reaktion auf neue Patientenwünsche: Während der Spitalnotfall chronisch überlastet war, herrschte in den Notfallpraxen der Hausärzte immer wieder einmal gähnende Leere. «Als ich 1985 als Hausarzt anfing, wurden wir während der Wochenendeinsätze jeweils förmlich überrannt», erinnert sich Leutenegger. «Doch mit der Zeit hat sich das geändert: Die Leute suchten zusehends direkt den Spitalnotfall auf.»

Das Spital stellte das vor ein Problem: Zunehmende Bagatellfälle – Chefarzt Matter nennt sie «Fälle, die nicht das gesamte Know-how und die Infrastruktur einer hochspezialisierten Notfallstation brauchen» – beanspruchten Ressourcen, die für «wahre» Notfälle benötigt wurden. So wurden die Wartezeiten für weniger dringliche Fälle länger.

Erweiterung geplant

Heute werden die Menschen auf dem Notfall triagiert: die einfacheren Fälle zu den Hausärzten, die komplexeren oder dringlicheren zu den Notfallärzten. Das funktioniert so gut, dass das Spital plant, die Notfallhausarztpraxis auszubauen. Heute ist sie werktags von 17 bis 23 Uhr geöffnet – dann, wenn die Hausarztpraxen geschlossen sind. Die Patientenzahlen der Notfallhausarztpraxis belaufen sich seit der Eröffnung im Schnitt auf stabile 6500 pro Jahr. Das habe aber weniger mit fehlender Nachfrage als mit den Öffnungszeiten zu tun, erklärt Matter. Tagsüber werde der Spitalnotfall nämlich weiterhin von Patienten frequentiert, deren Leiden auch ein Hausarzt behandeln könnte.

Mittlerweile sei der Spitalnotfall deshalb unter dem Strich wieder etwa ähnlich überlastet wie in den Zeiten vor der Notfallhausarztpraxis. Die Patientenzahlen im Notfall hätten sich in wenigen Jahren verdoppelt, was nur teilweise auf das Bevölkerungswachstum im Limmattal zurückzuführen sei: Im eher städtischen Umfeld habe sich der Anspruch an ständige Verfügbarkeit von Dienstleistungen schon fest in den Köpfen verankert; auch gebe es immer weniger Hausarztpraxen. Dieser Trend wird sich noch verschärfen: Ein Drittel der Hausärzte gehe in den nächsten fünf bis zehn Jahren in Pension, sagte Ricardo Torriani, der Präsident des kantonalen Berufsverbands Hausärzte Zürich, kürzlich in dieser Zeitung; eine Nachfolge zu finden, sei schon heute schwierig.

So will das «Limmi», noch bevor das neue Spitalgebäude 2018 seinen Betrieb aufnimmt, neue Mitarbeiter rekrutieren – damit sich der Spitalnotfall auch dann den anspruchsvolleren Fällen widmen können, wenn die Hausärzte keinen Dienst leisten. Anders als mit spitaleigenem Personal ginge das gar nicht: Für die obligatorischen Notfalldienste konnte Hausarzt Leutenegger bisher zwar immer noch genug Kollegen auftreiben, auch nächstes Jahr sehe es gut aus. Doch mit wachsenden Teilzeit-Wünschen in den neuen Ärztegenerationen und dem sich abzeichnenden Hausarztmangel könne es durchaus schwieriger werden, die Dienste zu besetzen.

Mehr Termine, höhere Prämien

Mit den geplanten Ausbauten können im Limmattal künftig noch mehr Menschen spontan entscheiden, wann sie ärztliche Hilfe aufsuchen – solange die Versicherung mitspielt. Hausarzt Leutenegger gibt aber zu bedenken, dass der steigende Anspruch auf Soforthilfe auch bei vergleichsweise banalen Fällen nur ein weiterer Kostentreiber im Gesundheitswesen sei. «Das spürt man dann alle Jahre wieder bei der Bekanntgabe der neuen Krankenkassenprämien.»