Dietikon
Während Jahrhunderten kamen Italiener nach Dietikon

Tessiner und Italienische Fabrikanten reisten anfangs des 16. Jahrhunderts nach Dietikon, weil hier katholische Gottesdienste gehalten wurden. Dietikon war die einzige gemeinde im Umkreis der Stadt Zürich.

Katja Landolt
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Die Schweiz ruft, die Italiener kommen.jpg

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Limmattaler Zeitung

Mit der Reformation Huldrych Zwinglis anfangs des 16. Jahrhunderts entschied sich die Mehrheit der Dietiker für den Übertritt zum reformierten Glauben. Nach einer Gegenreformation wurde Dietikon aber zu einer paritätischen Pfarrei: Beide Konfessionen waren gleichberechtigt, die Gottesdienste wurden nacheinander in der gleichen Kirche gefeiert. Fabrikanten aus dem Tessin und Italien reisten deshalb an den Sonn- und Feiertagen nach Dietikon, weil im reformierten Zürich keine katholischen Gottesdienste erlaubt waren.

Auch für Hochzeiten, Taufen und Sterbefälle kamen Hunderte in Zürich wohnhafte Katholiken während Jahrhunderten nach Dietikon und wurden hier ins Kirchenbuch eingetragen. Bis 1807 war Dietikon die einzige Gemeinde im Umkreis der Stadt Zürich - mit Ausnahme des Klosters Fahr -, in der katholische Gottesdienste stattfanden.

Italienkrawalle in Zürich

Ab 1880 rekrutierte die Schweiz für die vielen Bahnbauten und wegen der zunehmenden Mechanisierung der Wirtschaft massenhaft billige und unqualifizierte Arbeitskräfte aus Norditalien. Um 1900 befanden sich rund 300 000 italienische Staatsangehörige in der Schweiz, was zu erbitterten Protesten führte. 1896 kam es in Zürich zu den Italienerkrawallen: Nach einer tödlichen Messerstecherei, bei der ein Italiener einen Elsässer umbrachte, rotteten sich empörte Zürcher zusammen und verwüsteten Wirtschaften, in denen Italiener zu verkehren pflegten.

Bei Kriegsausbruch 1914 waren rund 200 000 Italiener gezwungen, die Schweiz zu verlassen. Nach Kriegsende kehrten rund 47 000 wieder zurück. Während der grossen Wirtschaftskrise lebten rund 127 000 Italiener in der Schweiz. In Dietikon zählte man 1920 rund 5030 Einwohner; davon waren 717 Ausländer, 213 von ihnen mit italienischer Muttersprache. Zwischen 1924 und 1940 wurden in Dietikon nur gerade vier Italiener eingebürgert.

Einteilung in vier Gruppen

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg der Bedarf an Arbeitskräften schweizweit markant an. 1948 schlossen Italien und die Schweiz ein erstes Abkommen, in welchem die Immigranten in vier Gruppen eingeteilt wurden: Grenzgänger, Saisonarbeiter, Jahresaufenthalter und Niedergelassene. Unqualifizierte Arbeitskräfte durften die Familie nach drei Jahren nachziehen, Facharbeiter bereits nach zwei Jahren. 1964 beschloss der Bundesrat, dass der Familiennachzug für alle Berufsgruppen bereits nach 18 Monaten möglich sei.

Die grösste Welle erreichte Dietikon zwischen 1950 und 1970. Viele Italiener arbeiteten in der Marmorfabrik, in der Salamifabrik Cattaneo oder der Baumwollweberei am Limmatkanal. Der Wohnraum war knapp, weshalb Baracken erstellt und Hühnerställe zu Unterkünften umgebaut wurden. Mancher Dietiker verdiente sich eine goldene Nase, während er die Saisonniers bei sich in Besenkammern, Kellern oder in Abbruchliegenschaften leben liess. Um 1970 zählte Dietikon rund 5000 Italienerinnen und Italiener.

Quelle: Neujahrsblatt 2005, Destinazione Dietikon, Hans Peter Trutmann