Dietikon
Während ihrer Schulzeit wurden noch 48 Schüler in einem Zimmer unterrichtet

Die 94-jährige Margrit Handschin erinnert sich zurück an eine Zeit, als Dietikon noch ein armes Dorf war. Damals war das Leben im heutigen Bezirkshauptort kein Zuckerschlecken.

Kathrin Fink
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Helen Arnet spricht mit Margrit Handschin über ihre Kindheit in Dietikon.

Helen Arnet spricht mit Margrit Handschin über ihre Kindheit in Dietikon.

Ihre Erinnerungen reichen weit zurück. In eine Zeit, als Dietikon noch ein armes Dorf war. 1920 geboren, wuchs Margrit Handschin als Tochter eines dorfbekannten Lehrers und einer Handarbeitslehrerin auf. Zusammen mit einer jüngeren Schwester wohnte sie mit den Eltern an der Neumattstrasse 6. «Damals gab es noch nicht so viele Häuser» sagt sie und lacht. Und auch Unterrichtsräume waren Mangelware. Als in den 1930er-Jahren das Zentral-Schulhaus umgebaut wurde, musste ihr Vater vorübergehend seine 7. und 8. Klassen in einem Raum gleich neben der Schule unterrichten.

So passt es, dass genau dort die Matinee@one des Theaters Dietikon stattfindet. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Mis Dietike», in der ältere Menschen über ihr Leben im heutigen Bezirkshauptort berichten, unterhält sich Handschin an diesem Sonntagmorgen mit der Historikerin und Journalistin Helene Arnet über ihre Kindheit.

Arnet hat die Fotoalben von Margrit Handschin durchforstet und führt anhand der Bilder, die an eine Wand projiziert werden, durch das Gespräch. Unterbrochen werden die Erinnerungen vom Musik-Duo Klak, das aus Arnets Sohn und ihrer Schwester besteht.

Margrit Handschin erzählt von einer Schulzeit, die heute kaum mehr vorstellbar ist. Ihr sei es als Lehrertochter gut gegangen, doch es habe viele arme Kinder im Dorf gegeben, sagt sie. Die meisten von ihnen seien im St.-Josefs-Heim an der Urdorferstrasse untergekommen. Auch Verdingkinder habe es einige gegeben. «Dietikon war eine arme Gemeinde, die 1930er-Jahre sind sehr hart gewesen», so Handschin. Dass viele Lehrer ihre Schüler schlugen, gehörte zur Tagesordnung. Ihr Vater sei jedoch nicht so gewesen und auch ihr Lehrer, «der Herr Buume», nicht. Aber einige hätten sich am Morgen erst mal abreagieren müssen und sich das erstbeste Kind geschnappt.

Lehrer wurde verhaftet

Bei einer Klassengrösse von 48 Kindern seien nicht immer alle gleich gut im Unterricht mitgekommen. Deshalb sei der Lehrer Pasternak ein Segen gewesen. Ein praktizierender Jude, der immer «etwas grusig» daherkam, aber jeden Tag länger im Schulhaus geblieben sei, um den Kindern bei den Aufgaben zu helfen. Wegen seiner Aufmachung und weil er nahe am Wald wohnte, sei er an seinem ersten Schultag sogar vom Dorfpolizisten verhaftet worden. «Dieser dachte, er wäre ein Landstreicher», erinnert sich Handschin.

Nach der Schulzeit wollte Handschin Lehrerin werden. Der Vater fand die Idee gar nicht gut: «Er sagte, Lehrerinnen hätten es schwer, einen Mann zu finden». Sie sei aber auch selbst von der Idee abgekommen und machte stattdessen eine KV-Lehre.

Mit 24 heiratete sie ihren Mann, mit dem sie bis vor einigen Jahren zusammenlebte. Sie haben zwei Töchter, vier Enkel und fünf Urenkel. Vor drei Jahren ist sie ins Seniorenheim Ruggacker gezogen und fühlt sich nach ein paar Eingewöhnungs-Schwierigkeiten heute wohl dort.