Bergdietikon
Wahre Schönheit endet niemals: «Schlussendlich geht es darum, sich selbst zu akzeptieren»

Der Theaterregisseur Ron Rosenberg aus Bergdietikon inszeniert für das Miller’s Senior Lab einen Beitrag für die Zürcher Festspiele und stellt darin die Frage nach der Schönheit des Körpers im Alter.

Daniel Diriwächter
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Festspiele Zürich
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Der Regisseur Ron Rosenberg vor dem Miller’s Theater im Zürcher Seefeld.
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Roberto Ceccarelli

Sie ist kaum zu übersehen, diese tätowierte Venus, die die Festspiele Zürich auf unzähligen Plakaten ankündigt. Sie entspringt nicht einer Muschel, sondern einem Gewirr von Seilen und steht so als Sinnbild für das Motto «Schönheit/Wahnsinn» des diesjährigen Kulturevents. Denn was heute «wahnsinnig schön» ist, kann bereits morgen «schön wahnsinnig» sein, wie die Kuratorin Belén Montoliú im Magazin der Festspiele schreibt.

Das Motto öffnet Tür und Tor für viele Fragen. Darunter: Was bedeutet Schönheit. Und insbesondere: Wann endet sie? Das Theater Miller’s, das sich an den Festspielen beteiligt, antwortet mit seinem Senior Lab und dem Stück «Schön, schön, schön!», das unter der Leitung des Bergdietikers und Wahlberliners Ron Rosenberg entsteht.

Senior Lab – Schön, schön, schön!

5. bis 17. Juni im Miller’s, 8008 Zürich; Konzept, Bühne, Regie: Ron Rosenberg, Choreografie: Tina Mantel, Chor: David Bircher

«Schönheit bedeutet für mich in erster Linie Harmonie», sagt Rosenberg, der für rund drei Wochen wieder in seiner alten Heimat weilt. Harmonie lässt er auch in sein neues Stück einfliessen, dessen Inhalt sich aber in erster Linie um den Körper im Alter dreht. Schon immer wollte Rosenberg dieses Thema in einer seiner Produktionen behandeln. «Das Motto der Festspiele kam daher wie gerufen und ich empfand es als einen Glücksmoment, als die Anfrage kam.» Es ist das vierte Mal in Folge, dass der 42-Jährige mit dem Miller’s Senior Lab arbeitet und das erste Mal im Rahmen der Zürcher Festspiele. «Die Kontinuität und das Vertrauen, die mir das Miller’s bietet, ist ein Privileg», sagt er.

In der Tabuzone

Mit 21 Seniorinnen und Senioren befindet sich Rosenberg derzeit intensiv in den Proben zu dem Stück, das mehr ein Reigen als ein klassisches Stück sei. «Wir arbeiten in diesem Jahr auch mit Tanzelementen und einem Chor, was eine ganz neue Herausforderung ist. Zudem beleuchten wir das Thema aus unterschiedlichen Sichtweisen. Das Stück ist quasi wie eine Discokugel», sagt Rosenberg.

Zur Person: Ron Rosenberg

Der Regisseur Ron Rosenberg wuchs in Bergdietikon auf und besuchte die Bezirksschule Spreitenbach, wo er für eine Klassenarbeit seinen ersten Kurzfilm drehte. Er studierte Theaterwissenschaften in Bern und wurde später Regie-Assistent beim Schauspielhaus Zürich. Danach absolvierte er ein Regiestudium an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. Es folgten Engagements an Theatern wie der Volksbühne Berlin oder am Stadttheater Bielefeld. Heute arbeitet er als Spielleiter für die Golden Gorkis am Berliner Maxim Gorki Theater und für das Senior Lab im Zürcher Miller’s, sowie als Schauspielcoach für Jugendliche in diversen Schulen in Berlin, wo er mit Frau und Tochter lebt. (ddi)

Auch waren die Reaktionen aus dem Ensemble gemischt, als zum ersten Mal das Thema bekannt gegeben wurde. «Einige freuten sich, aber andere benötigten etwas Überwindung, um über den Körper im Alter und dessen Schönheit zu sprechen.»

Für das Senior Lab, das auch schon mit dem Thema «Sterben» gearbeitet hatte, war die Auseinandersetzung mit dem Körper tatsächlich ein Schritt in eine gewisse Tabuzone, doch Gespräche und die Auseinandersetzung damit hätten vieles bewirkt, wie Rosenberg sagt.

Auch Sexualität im Alter wird in «Schön, schön, schön!» angeschnitten. «In der Arbeit mit älteren Menschen stellte ich fest, dass Liebe, Anziehungskraft und Intimität durchaus einen wichtigen Stellenwert bei ihnen haben, nur wird darüber nicht geredet. Schlussendlich geht es aber darum, sich selbst zu akzeptieren.» Generell fand er bei all den unterschiedlichen Persönlichkeiten im Senior Lab einen gemeinsamen Nenner. «Was sie alle verbindet, ist die Aussage, dass man besser früher als später damit beginnen soll, sich und seinen Körper anzunehmen und zu geniessen.» Die Vergänglichkeit oder auch Ansprüche von aussen würden dieses Selbstverständnis verhindern oder verzögern, davon solle man sich aber nicht beirren lassen.

Festspiele Zürich 2018: Schönheit oder Wahnsinn?

Gegründet wurden die Festspiele Zürich 1996. Sie markierten damit die Nachfolge der Juni-Festwochen. Sie werden gemeinsam von Kunsthaus Zürich, Opernhaus Zürich, Schauspielhaus Zürich, Tonhalle-Gesellschaft Zürich und weiteren Kulturinstitutionen der Stadt und des Kantons Zürich veranstaltet. 2016 wurde beschlossen, die Festspiele Zürich im zweijährlichen Rhythmus durchzuführen. Die letzten Festspiele widmeten sich der Dada-Bewegung und über 83 000 Besucher wurden gezählt. Die kommenden Festspiele stehen unter dem Motto «Schönheit/Wahnsinn» und 31 Zürcher Kulturinstitutionen beteiligen sich mit insgesamt rund 130 Darbietungen. Neu wird es auch ein Festspielzentrum auf dem Münsterhof geben, wo kostenlose Veranstaltungen – vom Familientag bis zum Open-Air-Konzert – aufgeführt werden. (ddi)

Festspiele Zürich, Schönheit/Wahnsinn, 1. bis 24. Juni

Mit der neuen Produktion hat Rosenberg bereits vor der Premiere viel gewonnen. Die Arbeit mit dem Senior Lab übte Einfluss auf seine Bindung zu Bergdietikon aus. Denn immer, wenn er in Zürich arbeitet, nächtigt er bei seinen Eltern im alten Kinderzimmer. «In diesen Tagen kann ich gut über meine Kindheit und Jugend in Bergdietikon nachdenken und vieles reflektieren. Die Arbeit am Stück hat mich dazu bewegt, zu Hause auch einige Themen anzusprechen, über die ich sonst nie mit meinen Eltern gesprochen hätte.» Er spüre eine positive Energie, wie er sagt. Das sei in den vergangenen Jahren bei seinen Besuchen nicht immer der Fall gewesen.

Zurück nach Berlin

Mitte Juni, wenn die Auftritte des Senior Lab in Zürich beendet sind, reist Rosenberg wieder zurück nach Berlin, seinem Lebensmittelpunkt, wo seine Frau und die Tochter auf ihn warten. Dennoch wird er sich weiterhin mit älteren Schauspielerinnen und Schauspielern umgeben. Als Leiter der Golden Gorkis – sozusagen das Senior Lab des Theaters Maxim Gorki werden neue Aufgaben und Themen auf ihn zukommen, welche ältere Menschen beschäftigen.

Festspiele Zürich

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Zur Verfügung gestellt

Ebenfalls kümmert sich Rosenberg als Schauspielcoach um Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten. «Mich interessieren Menschen mit Geschichten und für ältere Personen, aber auch für Jugendliche, deren Wege nicht gerade verlaufen, gibt es viel zu wenige Formate oder Bühnen, um sich zu zeigen.» Rosenberg bemerkte auch, wie ähnlich sich seine Schützlinge sind, egal ob jung oder alt. «Sie alle haben Emotionen, Ängste und Hoffnungen, egal welchen Jahrgang sie haben. Gelangt man mit ihnen auf diese Gefühlsebene, spielt das Alter keine Rolle mehr.»